So ne Art Liebe

Ich hatte es ja schon angekündigt: Zu dem Schauspieler und Autor Wentworth Miller (von dem ich diesen Satz „must we label everything?“ geklaut habe) habe ich eine kleine, persönliche Geschichte zu erzählen. Und die muss jetzt raus.

Aaaaaalso. Im vergangenen Jahr kam, nachdem ich monatelang herumgegrübelt und mein gesamtes Umfeld kirre gemacht habe weil ich UN-BE-DINGT dieses amerikanische Netflix haben wollte, Netflix Deutschland zu uns. Ich glaube, wir waren einer der ersten Haushalte, die das – Dank dem besten Mann, ein Serienjunkie wie ich – installiert hatten. Die Auswahl war ja anfangs nicht so üppig aber das war uns völlig schnurz, die Liste der „Will-Ich-Sehen“-Serien wuchs in Sekundenschnelle.

Und da an oberster Stelle: Prison Break. Die Geschichte zweier Brüder, der eine unschuldig im Gefängnis, der andere, Michael Scofield (gespielt von, na? Eben. Wentworth Miller.), Mastermind und sensibles Genie, der sich die Grundrisse des Gefängnisses auf seinen Körper  tätowieren lässt *ächz* und einen Banküberfall begeht, damit er in dasselbe Gefängnis kommt wie sein Bruder und dort den Ausbruch des Jahrhunderts inszeniert. Die Story funktioniert, zumindest während der ersten beiden Staffeln, und das (zumindest für mich) Faszinierende war – ich hab erst nach ein paar Folgen gemerkt, was für ein MEGAJENSEITSSAHNESCHNITTCHEN ich da vor mir habe. Die Figur des Michael Scofield ist ja natürlich schon so angelegt – Supertyp, megaintelligent, super Optik und dabei irre feinfühlig und ein fast Jesus-ähnlicher Menschenfreund – aber wirklich perfekt besetzt mit Mr. Miller. Ein Blick in diese abgrundtief blauen Augen und es ist um einen geschehen. Also um mich. Um mich war es geschehen. Der beste Mann musste viel aushalten. Viele Abende lang saß ich sabbernd vor dem Fernseher. Wenn man mich gelassen hätte, wäre ich an den Bildschirm geklebt. Ganzkörperhaftung. Einmal – und dafür entschuldige ich mich hiermit wirklich in aller Form – habe ich mich zu der Aussage, „dem würd ich glatt den Schweiß vom Rücken abschlecken“ hinreißen lassen. Also in diesem Ausmaß. Mit Anfang 40 fand ich mich mitten in der ärgsten Teenagerschwärmerei, die man sich nur vorstellen kann. Mit Bangen sah ich die Anzahl der noch zu sehenden Folgen dahinschmelzen. Da war es fast ein Glück, dass die letzte Staffel storymäßig … nun naja… nicht mehr sooooo viel hergab. Und dann war es zu Ende mit dem Vergnügen.

Meine wilde Recherche nach mehr Material mit Wentworth Miller kam zu mageren Ergebnissen. Außer in ein paar Actionfilmen, dem relativ aktuell erschienenen Thriller „The Loft“ und in einer wirklich abartig schlechten, kitschigen Dinosaurier-Serie hatte er kaum Auftritte. Google gibt nicht viel her über diesen herausragenden Mann,  er tritt wenig in Erscheinung, lebt sehr zurückgezogen, schreibend. Dann las ich, dass er sich vor 2 Jahren geoutet hat. Moment mal. Mr. Miller ist mein Jahrgang, wieso hat der sich erst jetzt geoutet? Plötzlich eröffnete sich mir ein ganz neuer Blickwinkel. Klar, das ist natürlich so ähnlich wie bei den Boybands. Ein Schauspieler, der aufgrund seines wirklich guten Aussehens wohl eher für die Romeo-Rollen gecastet wird, tut sich keinen Gefallen, wenn er bekannt gibt, dass er schwul ist. Auch im Action-Genre macht sich das wohl nicht so gut. Und dass mir diese Gedanken so selbstverständlich so nahe liegen, gibt mir schon wieder zu denken. In welcher Welt leben wir eigentlich? Warum ist das denn immer noch nicht EGAL, was jemand für eine sexuelle Orientierung hat? Warum ist schwul sein in Hollywood ein Stigma? Und vor allem – wie hart muss es sein, so öffentlich zu leben und so ein „Geheimnis“ in sich zu tragen?

Auf YouTube, so entdeckte ich, ist mehr zu holen über Mr. Miller. Ein paar Interviews während der Glanzzeit von Prisonbreak, ein paar Outtakes, ein paar Szenen vom Set. Ich winde mich innerlich, wenn ich zusehen muss, wie der arme Mr. Miller seine Fassade aufrecht erhält und tapfer Fragen zu seinem Privatleben beantwortet. Immer höflich, immer lächelnd, immer freundlich. Je mehr ich von ihm sehe, desto mehr bin ich von ihm angetan, wenn das überhaupt noch geht. Wie er redet. Wie er gestikuliert, wie er lächelt, wie er sein Gegenüber immer ernst nimmt. Wie schön der spricht, wie artikuliert, wie wohl überlegt. Was für ein feiner, höflicher, wohlerzogener Gentleman.

Und dann DAS (geht lange, ich weiß, aber lohnt sich):

So. Und weil Mr. Miller so ist, wie er ist und ich bin, wie ich bin, schmilzt mein Herz wenn ich das sehe und höre und als es sich wieder erholt, ist er mittendrin. Und ich frage mich schon, was schief läuft in unserer Gesellschaft wenn so ein (ich weiß, ich wiederhole mich) feinfühliger, intelligenter, freundlicher, talentierter Mensch schon in jungen Jahren nicht mehr leben will, weil er sich anders fühlt. Weil er durch dieses Anderssein einsam ist. Und weil er sich nicht vorstellen kann, dass es auf der ganzen weiten Welt jemanden gibt, der ihn akzeptiert. Das treibt mir die Tränen in die Augen.

Jedenfalls. Mr. Miller – ich bin dankbar und froh, dass es dir damals nicht gelungen ist, das Leben zu nehmen. Die Welt braucht Menschen wie dich. Ich hoffe, dass es dir jetzt besser geht.

Und wenn wir uns mal begegnen sollten und es mir gelingt, das Hyperventilieren schnell in den Griff zu bekommen, bevor du weitergehst, dann wünsch ich mir, dass du diesen Satz zu mir sagst: „And later, when this is all over, I’d like to spend some quality time with you.“. Yes, please.

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