I thank you… for showing me home

Meine Oma war eine starke Frau. Nach dem Krieg musste sie ihre beiden Kinder alleine durchbringen, hat immer gearbeitet, bis ins hohe Alter. Sie musste (wie so viele aus dieser Generation) auf vieles verzichten. Durch ihr beschwerliches Leben und das viele Alleinsein wurde sie im Alter ein bisschen schrullig, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen unbequem. Aber für uns war sie immer die weltbeste Oma.

Sie hat lange Zeit in einer Annahmestelle einer Reinigung gearbeitet. Wann immer ein Kunde mit einem besonders schönen, neuen, glänzenden Geldstück bezahlt hat, hat sie dieses ausgetauscht und für uns zur Seite gelegt. Wenn sie zu Besuch kam (und das war oft), hat sie uns diese Geldgeschenke (2 DM- oder 5 DM-Stücke) auf kleine Kärtchen geklebt, mit lustigen Aufklebern und kleinen Bildchen. Obwohl sie selbst mit einem winzigen Einkommen leben musste, kam sie nie mit leeren Händen. Sie hat uns Kirschsaft mitgebracht, Wibele, frisches Obst vom Markt, die besten Kekse.

Wenn meine Oma bei uns übernachtet hat, damals noch in der Mietwohnung, im Wohnzimmer auf dem Sofa, hat sie nie den Rolladen runter gemacht. „Wenn ich morgens aufwache, muss ich den Himmel sehen“, hat sie immer gesagt.

Eine Zeit lang durften mein Bruder und ich ein- bis zweimal im Monat samstags bei ihr übernachten. Meine Eltern hatten dann Kegelabend oder sowas. Wir durften dann im Fernsehen anschauen, was wir wollten (es gab ja eh nur 3 Programme), meist war das dann eine Samstag-Abend-Show wie „Auf Los geht’s Los“, „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass…?“, damals noch mit Frank Elstner. Wir durften die Sendung immer bis zu Ende sehen. Dann haben wir gemeinsam in ihrem Schlafzimmer im großen Doppelbett geschlafen, meine Oma ist auf die Couch ausgezogen. Noch heute sage ich mit meinem jetzt 5-Jährigen den Gute-Nacht-Spruch, den meine Oma immer mit uns aufgesagt hat: „Schlaf gut und gsund und kugelrund, bis morgen früh dein Kaba kommt“. Nur das Wort „Kaba“, das ersetzen wir durch „Nutellabrot“.

Morgens haben wir immer noch ewig mit den riesigen Federbetten im Bett gespielt. Zum Frühstück hat mir meine Oma einen Kaba mit Sahne gemacht – die Sahne hat sie mit so einem Handschneebesen steif geschlagen. Nirgendwo hat mir Schlagsahne besser geschmeckt als auf der Eckbank bei meiner Oma, in meiner Tasse mit heißem Kaba.

Samstagnachmittags hat meine Oma gebadet und ich durfte dabei zusehen, wenn ich wollte. Sie hatte so eine Badewanne mit Füßchen. Sie hat Litamin-Badeschaum verwendet und nach dem Baden hat sie sich so kalte Güsse gemacht (vom Herzen weg, zum Herzen hin, ich habe es mir nicht merken können) und sich eingecremt. Von ihrem winzigen Badezimmerfensterchen aus konnte  man die schwäbische Alb sehen. Oft hat sie einen kleinen Hocker für mich geholt und mir die einzelnen Berge gezeigt (Achalm, Roßberg, Mägdeberg), und beim nächsten Mal wusste ich wieder nicht, welcher Berg wie heißt.

Wenn wir Brettspiele gespielt haben hat sie eine große Tasche mit Clipverschluss aus dem Spieleschrank geholt, da waren alle Spielfiguren drin. Ich habe oft auch einfach nur mit den Figuren gespielt. Ein Set war ein winziges Spielfigurenset aus buntem Glas, das habe ich besonders geliebt. Meine Oma hatte auch ein Pochbrett und dazu ein Säckchen mit bunten Bohnen. Und ein Schiebespiel aus Blech. Die alte Puppe meiner Mutter samt Puppenwagen war auch noch da. Ich habe nicht so gerne mit ihr gespielt, weil sie so komisch gerochen hat. Aber fasziniert hat sie mich doch.

Wenn dann unsere Eltern kamen, um uns abzuholen, ist meine Oma immer die 3 oder 4 Stockwerke mit uns mit nach unten gegangen bis zum Auto. Dort habe ich darauf bestanden, dass sie mir von einem der Ahornbäume, die an den Parkplätzen gepflanzt waren, ein Blatt abpflückt. Erst dann wollte ich mich verabschieden.

Einmal, im Jahr 1997, war ich unterwegs in den USA mit Freunden. Wir fuhren in einem Van, ich saß ganz hinten. Und ich dachte zufällig an meine Oma und wie sie mir einmal erzählte, dass sie zwar nicht an Gott glaubt, aber doch jeden Abend und jeden Morgen an uns (das heißt, an meine Eltern, meinen Bruder und mich) denkt und – wen auch immer – darum bittet, uns zu beschützen. Just in diesem Moment, ich schwöre, dass das so passiert ist, fuhr das Auto durch eine große Pfütze und kam durch Aquaplaning von der Fahrbahn ab, drehte sich ein paar Mal und landete im Graben. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass der von meiner Oma erbetene Schutz  in diesem Moment gewirkt hat.

Ich habe meiner Oma mal zu Weihnachten ein Kissen bestickt, mit ihrem Namen. Das Kissen hat sie sehr gerne gehabt, sie hatte es auch bei ihrem Tod bei sich. Das „Oma-Li“-Kissen ist eines der wenigen Dinge, die ich noch von ihr besitze und ich habe es gern als Fernsehkissen. Ich denke sehr oft an sie; immer mit einem Lächeln.

Meine Oma wäre in diesem Monat 104 Jahre alt geworden. Ich wünsche ihr sehr, dass sie es gut hat, da wo sie jetzt ist.