Everything I do

Wie ich mal mit einer Mittelohrentzündung zum Arzt bin und im CT landete.

Es fing harmlos an, schmerzhaft, aber harmlos. Ohrenschmerzen kann ich jetzt über Ostern echt nicht gebrauchen, dachte ich, und schmiss mir beherzt eine Ibu ein. Als die Ohrenschmerzen heftiger wurden und sich einseitig bis zur Stirn ausweiteten, dachte ich an einen Zug. Als dann das linke Augenlid halb übers Auge hing und sich die Pupille nicht mehr ausweitete, drängte der beste Mann darauf, dass ich zum Arzt gehen sollte.

Fünf Tage, nachdem die Ohrenschmerzen angefangen hatten, Tage, in denen ich vor Schmerzen manchmal nicht wusste, wie ich heiße (mir taten sogar die Haare weh), saß ich dann also beim Arzt meines Vertrauens. Der schaute sich mein Gesicht genau an, machte ein paar Tests und sagte dann, „Sie sind ein neurologischer Notfall“. Mit einem Telefonanruf vereinbarte er für mich einen Termin bei einer Neurologin am nächsten Morgen. Und verschrieb mir stärkere Schmerzmittel.

Bei der Neurologin hatte ich dann recht schnell den ersten diagnostischen Verdacht: Dissektion der Carotis interna. Das dadurch entstandene Hämatom drückte auf den Trigeminus-Nerv, was diese grauenhaften Schmerzen verursacht hat, und das hängende Augenlid. Diese Diagnose wollte sie aber durch eine Kernspintomographie abgesichert haben. Also zur Notaufnahme ins örtliche Krankenhaus.

Die ganze Zeit über hatte ich wenig Angst, meine Hauptsorge galt im Wesentlichen meinem Kind, dass sein Tag reibungslos ablaufen würde, dass er vom Kindergarten abgeholt wird, dass der Nachmittag für ihn normal weitergeht und so weiter. Da die Neurologin meine Frage, ob das ein Tumor sein könnte, sehr sicher mit „nein“ beantwortet hatte, hielten sich meine Sorgen in Grenzen. Etwas Gefährlicheres als einen Tumor konnte ich mir nicht vorstellen.

In der Notaufnahme wurde ich gründlich untersucht, der behandelnde Neurologe war sehr ernsthaft und sehr nett („Gut, dass Sie hier sind. Wir kümmern uns um Sie.“) und veranlasste sehr schnell die Untersuchung im MRT. Und da lag ich dann.

Niemand hatte mir erklärt, was da genau vor sich geht. Niemand hatte mir gesagt, wie lange die Untersuchung dauert, dass das Klopfen, Summen und Brummen zwar extrem laut und unangenehm, aber normal ist. Sie hatten mir versichert, ich käme bis zur Brust in die Röhre. Die Panik kam, als ich bis fast zu den Oberschenkeln drin lag. Ich habe leichte Klaustrophobie, was nicht sehr förderlich ist, wenn man mit fixiertem Kopf in einer körpernahen Röhre liegt. Ich weiß nicht mehr, woran ich gedacht habe in diesen 10 oder 15 Minuten. Ich erinnere mich, dass mir vor Erleichterung die Tränen kamen, als ich wieder draußen war. Und wie kühl und unnahbar die Radiologin war, sie hat kein Wort zu mir gesagt, das hat mich sehr erschüttert.

Der nette Neurologe in der Notaufnahme begrüßte mich dann mit den Worten „kein Tumor, kein Schlaganfall, das ist schon mal gut“, worauf ich erst mal nicht antworten konnte, weil mir die Erleichterung den Hals zuschnürte. Die Lage war trotzdem ernst, so erklärte er mir, denn mit so einer Abspaltung von Hautschichten innerhalb einer Hauptschlagader ist natürlich nicht zu spaßen. Zum ersten Mal wurde mir dann klar, wie knapp ich an einem Schlaganfall vorbeigeschrammt bin. Das Blut hinter dem Spalt gerinnt und bildet Klümpchen, weil es langsamer bewegt wird. Wenn ich nicht zum Arzt gegangen wäre… „ich WILL es mir nicht vorstellen“, sagt der beste Mann. Nein, da hat er wohl mal recht.

Jetzt muss ich Blutverdünner nehmen und den Blutdruck senken, darf nichts Schweres tragen und muss generell auf mich aufpassen. Das Augenlid hängt noch (Horner-Syndrom heißt das) und ab und zu kommen auch die Schmerzen zurück. So ein gequetschter Nerv erholt sich wohl, aber langsam.

Und ich habe Angst. Mein Urvertrauen in meinen so selbstverständlich funktionierenden Körper ist total erschüttert. Woher diese Verletzung in der Schlagader kommt, weiß man nicht. Das ist doch gruselig. Was, wenn das nochmal passiert? Was, wenn die Verletzung größer wird? Oder an anderer Stelle nochmal auftritt? Durch die Blutverdünner, sagt man mir, sei ich geschützt. Aber was anderes kann man nicht tun, ich muss darauf vertrauen, dass mein Körper sich selber heilt, weiß was er tut. In einem halben Jahr wird der Stand der Dinge kontrolliert.

Und als Mutter, ja, da liegt man halt da und denkt an diesen fünfjährigen Buben, der so völlig unbeschwert und sorglos durch sein Leben geht. Der mich so sehr braucht, für den sein ganzes Lebensglück von mir abhängt, dessen Welt in winzigkleine Stücke zerbersten würde, wenn mir etwas zustoßen sollte. Und die Sorge um die Unbeschwertheit des Sohnes wiegt tausendmal schwerer als die Sorge um das eigene Wohlergehen, auch wenn beide untrennbar miteinander verknüpft sind.

Das gehört eben auch zum Elternsein – achtsam umgehen mit sich selbst und dabei nur das Wohl eines kleinen Menschen im Blick haben. Ganz schön schwer.