Dear Mr. President,

als gestern das endgültige Wahlergebnis bekannt wurde, habe ich geweint. Tatsächlich weine ich immer noch. Es sind Tränen des Entsetzens, der Wut und der Angst.

Entsetzt bin ich darüber, wie ein Land, das ich so sehr liebe und dessen Menschen, deren Humor und Lebensart ich so sehr schätze, einen Mann gewählt hat, der abstoßende, hässliche Sätze sagt und gesagt hat. Abwertende Sätze über Frauen, über Mitglieder der LBTGQ-Community, über Menschen anderer Herkunft und vieles andere mehr. Einen Mann, der es okay findet, Frauen zu begrapschen und gegen ihren Willen zu küssen, einen Mann, der eine Mauer bauen will, um unerwünschte Besucher aus anderen Ländern fern zu halten. Ich bin entsetzt darüber, dass dieser Mann nun – mindestens – vier Jahre lang eine Position innehält, deren Schuhe ihm meilenweit zu groß sind, für die er charakterlich – und womöglich auch professionell – nicht geeignet ist, ich bin entsetzt, dass dieser Mann, der für diese unwürdigen Aussagen steht, ein Land repräsentiert, das längst zu meiner Herzensheimat geworden ist.

Ich weiß, dass es derzeit nicht besonders en vogue ist, die USA zu mögen. Im Gegenteil, Amerika-Bashing ist die Geisteshaltung der Zeit, wir Deutschen und Europäer lehnen den bösen, kriegtreibenden, oberflächlichen und materiellen Amerikaner ab. Ich nicht – ich habe ein sehr prägendes und großartiges Jahr lang in diesem Land gelebt und habe es seither in mein Herz geschlossen. „Den Amerikaner“ gibt es ja eh nicht – zeugt es doch von Oberflächlichkeit und Ignoranz, einen ganzen Kontinent aufgrund von Vorurteilen abzulehnen. Während meines Aufenthalts dort und während unzähligen Besuchen und dort verbrachten Urlauben habe ich Menschen getroffen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind; genau so auch Menschen, die mir nicht so lagen – wie es eben so ist, in jedem Land, an jedem Ort dieser Welt. Was allerdings alle diese Menschen dort gemeinsam hatten (und haben): immer begegneten sie mir offen, freundlich, neugierig, vorurteilslos, hilfsbereit. Das „How are you doing today?“ des Verkaufspersonals habe ich nie als oberflächlich empfunden sondern als freundlich-kommunikativ. Diese kommunikative Art schafft eine Atmosphäre in der ich mich einfach wohl und angenommen und zuhause fühle. Als Schwäbin bin ich es eher gewohnt, dass Verkäufer*innen nicht einmal den Blick heben, wenn ich einen Laden betrete. Wenn ich also an die USA denke, wird mir warm ums Herz und ich bekomme Heimweh. Wann immer ich nach New York City reise, möchte ich bei der Ankunft im JFK, da wo die riesige Flagge hängt, den Boden küssen vor lauter Freude und Dankbarkeit, wieder dort zu sein. Wenn ich in Manhattan bin, durchströmt mich eine Energie und Lebenslust, sofort pulsiert die reine Lebensfreude durch meine Adern. Nirgendwo spüre ich mich selber so sehr. Dear Mr. President – bitte machen Sie dieses Land nicht kaputt.

Dear Mr. President, meine Tränen sind auch Tränen der Wut. Der Wut darüber, dass Sie – aus Machtgier, aus Freude am Spiel, aus Arroganz? – ein Volk mit Lügen und leeren Versprechungen, mit populistischen Tricks und anbiedernden Parolen hinters Licht geführt haben. Sie haben sich die Verunsicherung der vielen, vielen amerikanischen Bürger, die in den letzten Jahren (leider!) vergessen wurden zunutze gemacht. Sie haben mit Ihren leeren Worten bei diesen Menschen Hoffnungen geschürt und ihnen vorgegaukelt, Sie würden die Sprache dieser Menschen sprechen. Dass das alles Lippenbekenntnisse waren, wird sich, da bin ich überzeugt, schnell herausstellen. Und auch das macht mich wütend: Dass Sie die hart erkämpften, wenigen Errungenschaften, die Präsident Obama in seinen acht Jahren Amtszeit erreicht hat, nicht weiterführen und verbessern wollen, sondern mit einem Wisch alles zunichte machen wollen. Es macht mich wütend, dass Sie jedem Amerikaner eine Waffe in die Hand geben wollen. Es macht mich wütend, dass Sie behaupten, Impfungen würden Autismus verursachen, es macht mich unendlich wütend, dass Sie Frauen das Selbstbestimmungsrecht nehmen wollen und Abtreibungen wieder verbieten wollen. Es macht mich wütend, dass Sie all die über Jahrzehnte hart erkämpften Rechte für Homosexuelle Paare außer Kraft setzen wollen. Dear Mr. President, Sie sind wie die AfD. Sie sind drauf und dran, Ihr Land zurück in die Steinzeit zu führen. Was soll daran „great“ sein?

Und es ist die Angst, die mich zum Weinen bringt. Dear Mr. President – ich habe einen fünfjährigen Sohn. Er versteht noch nichts von den groben Zusammenhängen, er hat noch nicht mal eine genaue Vorstellung von dem Planeten, auf dem wir leben. Er ist erst noch dabei, die vielen Wunder, die die Erde bereit hält, zu erforschen und zu entdecken. Sie, Mr. President, sitzen jetzt an einem roten Knopf, der dies alles innerhalb von Sekunden vernichten kann. Leider, und das sage ich Ihnen ehrlich, sind Sie keine besonders vertrauenswürdige Person. Sie scheinen launenhaft und leicht reizbar, unbesonnen, eigensinnig, geleitet von Ihren persönlichen Befindlichkeiten. Dass jemand wie Sie über die Zukunft unseres Planeten entscheiden darf, macht mir Angst.

Dear Mr. President, ich hoffe inständig, dass Ihr gesamtes Auftreten während des Wahlkampfes, Ihre Polemik, Ihre Hetzerei, Ihr arrogantes Gehabe, Teil einer Show war. Teil Ihres Plans, um die Wahl zu gewinnen. Ich hoffe, Sie legen dieses Kostüm jetzt ab und werden sich Ihrer Rolle bewusst, der Größe der Fußstapfen, in die Sie treten. Ich hoffe und bete, dass Sie sich als Vater, Ehemann und Mensch Ihrer unendlichen Verantwortung Ihrem Land und der Welt gegenüber im Klaren sind.

After all, you’re a dad too, Mr. President.

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2 Gedanken zu “Dear Mr. President,

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