Where we’ve got holes, we’ve got holes but we carry on

Dieses Jahr jährt sich dein Todestag zum zehnten Mal. Du bist seit zehn Jahren nicht mehr da.

Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Aktzeptanz. Nach einer Weile hatte ich geglaubt, dass die Akzeptanz bleibt, dass man damit lebt, was soll man auch machen. Wir mussten dich gehen lassen, ich musste dich gehen lassen, zu schwer war alles geworden. Du wurdest immer weniger. Und dann warst du nicht mehr da. Die Welt stand still und das Leben ging weiter.

Der Schmerz, der deine Lücke füllt, ist immer da. Manche Wunden heilt die Zeit nicht. Wohl habe ich gelernt, ihn hinter eine Türe zu packen. Meistens ist alles ganz normal. Der Schmerz ist zwar da, ich weiß wie er aussieht und sich anfühlt, aber er ist hinter der Türe und ich lebe mit ihm, weil er halt jetzt dazu gehört. Nur manchmal, so wie heute, geht die Türe auf – weil ich jemanden treffe, der so aussieht wie du, der so einen Pulli trägt, wie du ihn gerne trugst, einen Opa, der liebevoll seine Enkelin in den Kindergarten bringt, so wie du es getan hättest, wenn es dir vergönnt gewesen wäre. Oder wenn unser Vorschüler in der Vorweihnachtszeit Ausstecherle backt und völlig versunken aus vollem Herzen „In der Weihnachtsbäckerei“ anstimmt und mir nach der zweiten Zeile die Stimme wegbleibt, weil der Kloß in meinem Hals zu groß wird und sie mir erstickt.

Dann geht die Türe auf und der Schmerz überrollt mich wie eine Lawine, er lähmt mich, trifft mich mit voller Wucht. Ich kann ihn nicht wegdrücken, kann ihn nicht ignorieren, ich muss ihn über mich ergehen lassen. Ich heule wie ein kleines Kind und stehe gleichzeitig neben mir und denke, wie kann das sein. Zehn Jahre.

Täglich denke ich an dich. Oft habe ich dich vermisst. An Weihnachten. An den Familientreffen. Bei unserem Häuslesbau. Deinen Rat, deine Musik, deine witzigen Sprüche, deinen Humor. Aber nichts tut so weh, nichts zerreißt mein Herz mehr, nichts macht mich hilfloser als der Gedanke daran, dass du deinen Enkel nicht kennen durftest. Dass er diesen Opa nicht erleben darf. Weil ich weiß, wie viel Freude ihr aneinander gehabt hättet. Wie sehr du diesen aufgeweckten, lustigen, fröhlichen kleinen Kerl genossen hättest, der schon lesen kann, der Fußball liebt, Tiere und die Musik. Wie stolz du auf ihn gewesen wärst an seinem ersten Schultag im September. Mein Schmerz über diese Ungerechtigkeit ist so groß, dass ich so lange schreien möchte, bis mir die Lunge reißt. Stattdessen sitze ich da und spüre mein Herz bleischwer in meiner Brust, das in tausend Stücke zerspringt, und wünsche, wünsche so sehr. Und so vergeblich.

Denn es gibt keinen Trost. Es gibt nichts was es leichter macht. Ich kann nichts tun als diesen Schmerz aushalten und warten, bis die Welle über mich hinweggerollt ist.

Dann mache ich die Türe wieder zu. Und erzähle meinem Sohn von seinem Opa Hartmut. Und singe mit ihm „Guantanamera, häng deine Quanta ins Meer na“, so wie er es vielleicht getan hätte.

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