Love lift us up where we belong

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Tag, als unser damals gerade mal acht oder zehn Wochen alter Sohn vom Elternschlafzimmer ins Kinderzimmer umzog. Obwohl dieses direkt nebenan lag, war mir total mulmig ob dieser „Trennung“ zumute und ich sagte zu meinem Mann: „Jaja. Heute zieht er aus dem Schlafzimmer aus und morgen kommt er schon in die Schule!“

Das ist über sechs Jahre her. Und kommt mir wie gestern vor. Und, ja, heute (also – demnächst) kommt er in die Schule. Ganz lange habe ich diesen Meilenstein einfach verdrängt. Oder mir gesagt, „ach, das ist ja noch ein dreiviertel Jahr.“ Oder ein halbes. Oder – ja, jetzt ist das Datum der Einschulung nur noch ein viertel Jahr entfernt.

Natürlich bin ich stolz darauf, wie gut sich der Bub macht, wie clever er ist, wie neugierig, wie fröhlich und auch feinfühlig. Natürlich sehe ich auch, wie groß er geworden ist und wie sehr er nach neuen Herausforderungen ruft, wie gerne er sich mit Buchstaben und Zahlen beschäftigt, wie groß sein Durst nach Wissen und Lernen ist. Ich sehe das alles, und gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu. Weil ich halt genau weiß, dass in der Schule keine Frau W. ist, die ihn bei der Hand nimmt, wenn er nicht da bleiben will. Die ihn auf den Schoß nimmt und ablenkt und ihn bei irgendwas helfen lässt. Dass ich ihn dort eben nicht bis ins Klassenzimmer bringen darf und direkt der Lehrerin an die Hand. Zum einen will man ja partout keine Helikoptermutti  sein. Zum anderen sagt ja der Verstand, dass es richtig so ist, dass man loslassen muss, dass das Kind Flügel bekommen soll. Alles gut so, alles prima.

Aber das Herz, das Herz wird mir so schwer. Wenn ich an meine Einschulung zurückdenke… Und halt. Stopp. Da kommt mir die Erkenntnis! Meine ganzen Ängste und Sorgen bezüglich des neuen Lebensabschnitts gründen auf meinen Erfahrungen, die leider anfangs nicht besonders rosig waren. Mein Schulstart war holperig und mit wahnsinnig viel Unsicherheit, Ängsten und Bauchweh verbunden. Ich war sehr viel jünger als der Sohn bei seiner Einschulung sein wird. Bei uns gab es keine Schulkooperation. Wir haben die Lehrerinnen nicht vorher gekannt, waren nicht im letzten halben Kindijahr zu Besuch in der Schule, im Sport- und Kunstunterricht. Für mich war alles neu, der Schulanfang ein Sprung ins eiskalte Wasser. Ich hatte Angst. Ich wollte nicht! Aber das ist meine Erfahrung.

Der Sohn soll und wird einen ganz anderen Start bekommen. Seine eigene Erfahrung machen. Seine eigene Erinnerung schaffen. Unsere Aufgabe als Eltern wird sein, diese Erinnerung so schön und fröhlich wie möglich zu gestalten.

Und er freut sich so sehr auf die Schule! Ja, es ist schwer für mich, mein Baby aus der beschützten, kleinen Kindergartenkuppel zu nehmen und in diese neue, große, unbekannte Welt ziehen zu lassen. Aber es ist schwer für mich – für ihn soll es leicht sein. Ich will mich mit ihm mit freuen. Will ihm nichts, gar nichts von meinen Sorgen, Ängsten, schlechten Erinnerungen mitgeben. Will ihn mutig und tapfer fliegen lassen. Und alles wird gut.

Where we’ve got holes, we’ve got holes but we carry on

Dieses Jahr jährt sich dein Todestag zum zehnten Mal. Du bist seit zehn Jahren nicht mehr da.

Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Aktzeptanz. Nach einer Weile hatte ich geglaubt, dass die Akzeptanz bleibt, dass man damit lebt, was soll man auch machen. Wir mussten dich gehen lassen, ich musste dich gehen lassen, zu schwer war alles geworden. Du wurdest immer weniger. Und dann warst du nicht mehr da. Die Welt stand still und das Leben ging weiter.

Der Schmerz, der deine Lücke füllt, ist immer da. Manche Wunden heilt die Zeit nicht. Wohl habe ich gelernt, ihn hinter eine Türe zu packen. Meistens ist alles ganz normal. Der Schmerz ist zwar da, ich weiß wie er aussieht und sich anfühlt, aber er ist hinter der Türe und ich lebe mit ihm, weil er halt jetzt dazu gehört. Nur manchmal, so wie heute, geht die Türe auf – weil ich jemanden treffe, der so aussieht wie du, der so einen Pulli trägt, wie du ihn gerne trugst, einen Opa, der liebevoll seine Enkelin in den Kindergarten bringt, so wie du es getan hättest, wenn es dir vergönnt gewesen wäre. Oder wenn unser Vorschüler in der Vorweihnachtszeit Ausstecherle backt und völlig versunken aus vollem Herzen „In der Weihnachtsbäckerei“ anstimmt und mir nach der zweiten Zeile die Stimme wegbleibt, weil der Kloß in meinem Hals zu groß wird und sie mir erstickt.

Dann geht die Türe auf und der Schmerz überrollt mich wie eine Lawine, er lähmt mich, trifft mich mit voller Wucht. Ich kann ihn nicht wegdrücken, kann ihn nicht ignorieren, ich muss ihn über mich ergehen lassen. Ich heule wie ein kleines Kind und stehe gleichzeitig neben mir und denke, wie kann das sein. Zehn Jahre.

Täglich denke ich an dich. Oft habe ich dich vermisst. An Weihnachten. An den Familientreffen. Bei unserem Häuslesbau. Deinen Rat, deine Musik, deine witzigen Sprüche, deinen Humor. Aber nichts tut so weh, nichts zerreißt mein Herz mehr, nichts macht mich hilfloser als der Gedanke daran, dass du deinen Enkel nicht kennen durftest. Dass er diesen Opa nicht erleben darf. Weil ich weiß, wie viel Freude ihr aneinander gehabt hättet. Wie sehr du diesen aufgeweckten, lustigen, fröhlichen kleinen Kerl genossen hättest, der schon lesen kann, der Fußball liebt, Tiere und die Musik. Wie stolz du auf ihn gewesen wärst an seinem ersten Schultag im September. Mein Schmerz über diese Ungerechtigkeit ist so groß, dass ich so lange schreien möchte, bis mir die Lunge reißt. Stattdessen sitze ich da und spüre mein Herz bleischwer in meiner Brust, das in tausend Stücke zerspringt, und wünsche, wünsche so sehr. Und so vergeblich.

Denn es gibt keinen Trost. Es gibt nichts was es leichter macht. Ich kann nichts tun als diesen Schmerz aushalten und warten, bis die Welle über mich hinweggerollt ist.

Dann mache ich die Türe wieder zu. Und erzähle meinem Sohn von seinem Opa Hartmut. Und singe mit ihm „Guantanamera, häng deine Quanta ins Meer na“, so wie er es vielleicht getan hätte.

Dear Mr. President,

I started crying, when the final results of this year’s presidential election came through. As a matter of fact, I am crying right now. I am crying tears of horror, anger and fear.

I am horrified that a country I love so much, a country whose people I treasure so much for their humor and their way of life, could have voted for a man who has been saying disgusting things. A man who said disgraceful things about women, about members of the LBTGQ-community, about people from other countries, and many other things. A man who thinks it is okay to grope and to kiss women without consent. A man who plans on building a wall in order to keep unwanted visitors out of the country. I am appalled that this man will walk in shoes, which are too big for him by miles, for – at least – four years. That he is supposed to own a position which he cannot fulfill due to a flawed character and – probably – a lack of qualification. I am horrified that this man who stands for all these unspeakable things, will represent a country which a long time ago has become the home of my heart.

I am perfectly aware of the fact that it is not particularly en vogue these days to like the USA. No, actually America-bashing is the fashion. Europeans and Germans highly disapprove of the evil, war chasing, superficial and material American. Not me, though. I have spent an unforgettable and wonderful year in this country and it has found its place in my heart ever since. There is no such thing as “the American” anyway – it is, however, a sign of shallowness and ignorance to dislike a whole continent based on bias. While living there and also during many other stays and vacations, I have met people who I instantly liked and of course also people who I did not get on with so well. Just like it is in any other place in this world. There is one thing, though, that all of those people had in common: They would always be open, friendly, curious, without bias and helpful. I have never thought the salespeople’s infamous “How are you doing today” to be shallow. To me, it feels friendly. Talkative. It creates an atmosphere which in turn makes me feel comfortable. Welcome. At home. Being a Swabian, I am rather used to sales people not even looking up whenever I enter a store. So whenever I think about the USofA, there is a fuzzy feeling in my stomach. I actually become homesick. Whenever I travel to New York City, I want to kiss the floor at immigration at JFK, right there, under the flag, I am that grateful and happy to just be there again. Whenever I walk the streets of Manhattan, I feel an energy and love of life pulsing through my veins that I can feel only there. Nowhere else am I able to feel myself like this. Dear Mr. President – please, don’t break this country.

Dear Mr. President, I am also crying angry tears. I am angry about how you – for the love of power, the joy of gambling, out of arrogance? – fooled a nation with lies and empty promises, with populist tricks and with hail-fellow-well-met slogans. You abused the insecurities of many American citizens who – unfortunately – have been forgotten over the past years. You raised hope within them with empty words and you made them believe you speak their language. I am convinced that all of this has been only lip service and I am also convinced that you will be exposed pretty soon. You know what else makes me angry? That you are not willing to keep and improve those achievements that President Obama has been fighting for so hard during his eight years of presidency, instead you want to swipe them out instantly. It makes me angry that you want to put a gun into every American’s hand. It makes me angry to hear you say vaccines cause autism. And it makes me angry beyond words that you want to take the right of self-determination off women by prohibiting abortions. It makes me angry that you plan to repeal all those rights for homosexual couples that people have been fighting for for decades. Dear Mr. President – you are just like the German AfD-party. You are about to lead your country back into the Stone Age. Tell me – what is supposed to be great about that?

My tears, dear Mr. President, are also tears of fear. I have a five year old son. He does not understand as of yet the bigger picture. He does not even have a notion yet of the planet we live on. He is only starting out to explore and discover the many miracles which the earth has in store. You, Mr. President, are now the master of the red button which may destroy everything within seconds. And it pains me to say that you are not a very trustworthy person. You seem moody and short-tempered, reckless and blundering, thickheaded, you let your own sensitivities lead the way. It scares me shitless that you are entitled to decide about the future of this planet.

Dear Mr. President, my sincerest hope is that your behavior during the election campaign, your polemics, your mischief-making, your arrogant affectations were all part of an act. Part of your plan to win this election. I do hope that you take off the mask now and become aware of your position, aware of the size of the shoe you are stepping into. I hope and I pray that as a father, husband and human being, you become aware of your infinite responsibility towards your country and the world.

After all, you’re a dad too, Mr. President.

Dear Mr. President,

als gestern das endgültige Wahlergebnis bekannt wurde, habe ich geweint. Tatsächlich weine ich immer noch. Es sind Tränen des Entsetzens, der Wut und der Angst.

Entsetzt bin ich darüber, wie ein Land, das ich so sehr liebe und dessen Menschen, deren Humor und Lebensart ich so sehr schätze, einen Mann gewählt hat, der abstoßende, hässliche Sätze sagt und gesagt hat. Abwertende Sätze über Frauen, über Mitglieder der LBTGQ-Community, über Menschen anderer Herkunft und vieles andere mehr. Einen Mann, der es okay findet, Frauen zu begrapschen und gegen ihren Willen zu küssen, einen Mann, der eine Mauer bauen will, um unerwünschte Besucher aus anderen Ländern fern zu halten. Ich bin entsetzt darüber, dass dieser Mann nun – mindestens – vier Jahre lang eine Position innehält, deren Schuhe ihm meilenweit zu groß sind, für die er charakterlich – und womöglich auch professionell – nicht geeignet ist, ich bin entsetzt, dass dieser Mann, der für diese unwürdigen Aussagen steht, ein Land repräsentiert, das längst zu meiner Herzensheimat geworden ist.

Ich weiß, dass es derzeit nicht besonders en vogue ist, die USA zu mögen. Im Gegenteil, Amerika-Bashing ist die Geisteshaltung der Zeit, wir Deutschen und Europäer lehnen den bösen, kriegtreibenden, oberflächlichen und materiellen Amerikaner ab. Ich nicht – ich habe ein sehr prägendes und großartiges Jahr lang in diesem Land gelebt und habe es seither in mein Herz geschlossen. „Den Amerikaner“ gibt es ja eh nicht – zeugt es doch von Oberflächlichkeit und Ignoranz, einen ganzen Kontinent aufgrund von Vorurteilen abzulehnen. Während meines Aufenthalts dort und während unzähligen Besuchen und dort verbrachten Urlauben habe ich Menschen getroffen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind; genau so auch Menschen, die mir nicht so lagen – wie es eben so ist, in jedem Land, an jedem Ort dieser Welt. Was allerdings alle diese Menschen dort gemeinsam hatten (und haben): immer begegneten sie mir offen, freundlich, neugierig, vorurteilslos, hilfsbereit. Das „How are you doing today?“ des Verkaufspersonals habe ich nie als oberflächlich empfunden sondern als freundlich-kommunikativ. Diese kommunikative Art schafft eine Atmosphäre in der ich mich einfach wohl und angenommen und zuhause fühle. Als Schwäbin bin ich es eher gewohnt, dass Verkäufer*innen nicht einmal den Blick heben, wenn ich einen Laden betrete. Wenn ich also an die USA denke, wird mir warm ums Herz und ich bekomme Heimweh. Wann immer ich nach New York City reise, möchte ich bei der Ankunft im JFK, da wo die riesige Flagge hängt, den Boden küssen vor lauter Freude und Dankbarkeit, wieder dort zu sein. Wenn ich in Manhattan bin, durchströmt mich eine Energie und Lebenslust, sofort pulsiert die reine Lebensfreude durch meine Adern. Nirgendwo spüre ich mich selber so sehr. Dear Mr. President – bitte machen Sie dieses Land nicht kaputt.

Dear Mr. President, meine Tränen sind auch Tränen der Wut. Der Wut darüber, dass Sie – aus Machtgier, aus Freude am Spiel, aus Arroganz? – ein Volk mit Lügen und leeren Versprechungen, mit populistischen Tricks und anbiedernden Parolen hinters Licht geführt haben. Sie haben sich die Verunsicherung der vielen, vielen amerikanischen Bürger, die in den letzten Jahren (leider!) vergessen wurden zunutze gemacht. Sie haben mit Ihren leeren Worten bei diesen Menschen Hoffnungen geschürt und ihnen vorgegaukelt, Sie würden die Sprache dieser Menschen sprechen. Dass das alles Lippenbekenntnisse waren, wird sich, da bin ich überzeugt, schnell herausstellen. Und auch das macht mich wütend: Dass Sie die hart erkämpften, wenigen Errungenschaften, die Präsident Obama in seinen acht Jahren Amtszeit erreicht hat, nicht weiterführen und verbessern wollen, sondern mit einem Wisch alles zunichte machen wollen. Es macht mich wütend, dass Sie jedem Amerikaner eine Waffe in die Hand geben wollen. Es macht mich wütend, dass Sie behaupten, Impfungen würden Autismus verursachen, es macht mich unendlich wütend, dass Sie Frauen das Selbstbestimmungsrecht nehmen wollen und Abtreibungen wieder verbieten wollen. Es macht mich wütend, dass Sie all die über Jahrzehnte hart erkämpften Rechte für Homosexuelle Paare außer Kraft setzen wollen. Dear Mr. President, Sie sind wie die AfD. Sie sind drauf und dran, Ihr Land zurück in die Steinzeit zu führen. Was soll daran „great“ sein?

Und es ist die Angst, die mich zum Weinen bringt. Dear Mr. President – ich habe einen fünfjährigen Sohn. Er versteht noch nichts von den groben Zusammenhängen, er hat noch nicht mal eine genaue Vorstellung von dem Planeten, auf dem wir leben. Er ist erst noch dabei, die vielen Wunder, die die Erde bereit hält, zu erforschen und zu entdecken. Sie, Mr. President, sitzen jetzt an einem roten Knopf, der dies alles innerhalb von Sekunden vernichten kann. Leider, und das sage ich Ihnen ehrlich, sind Sie keine besonders vertrauenswürdige Person. Sie scheinen launenhaft und leicht reizbar, unbesonnen, eigensinnig, geleitet von Ihren persönlichen Befindlichkeiten. Dass jemand wie Sie über die Zukunft unseres Planeten entscheiden darf, macht mir Angst.

Dear Mr. President, ich hoffe inständig, dass Ihr gesamtes Auftreten während des Wahlkampfes, Ihre Polemik, Ihre Hetzerei, Ihr arrogantes Gehabe, Teil einer Show war. Teil Ihres Plans, um die Wahl zu gewinnen. Ich hoffe, Sie legen dieses Kostüm jetzt ab und werden sich Ihrer Rolle bewusst, der Größe der Fußstapfen, in die Sie treten. Ich hoffe und bete, dass Sie sich als Vater, Ehemann und Mensch Ihrer unendlichen Verantwortung Ihrem Land und der Welt gegenüber im Klaren sind.

After all, you’re a dad too, Mr. President.

Take comfort in your friends

„Ich bin so traurig“, sagt sie. Vier kleine Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Es ist fast dasselbe Gefühl, wie wenn mein Kind in Not ist und ich nicht gleich helfen kann. Ich spüre ihren Schmerz. Ich sehe sie an. So viele Jahre, die wir uns schon kennen. Sie ist die Freundin zum Pferde stehlen, die, die immer da ist, ein Energiebündel, die immer nach vorne treibt. Ich habe sie fröhlich erlebt, stinkesauer, ausgelassen, ratlos. Wir haben zusammen gelacht und geheult, gelästert und getratscht. Unsere Neugeborenen bewundert. Unsere jeweiligen Lebensphasen begleitet. Richtige Probleme besprochen und Pläne geschmiedet. Unsere Träume geteilt. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir halten uns immer auf dem Laufenden.

Aber „Traurig“ ist neu. „Traurig“ kenne ich bei ihr nicht. Mit „Traurig“ kann ich nicht umgehen.

Ich versuche Worte zu finden, zuversichtliche, tröstende. Mir fallen keine ein. Ich lege meine Hand an ihre Wange, so weich, streichele sie kurz, wie ich es bei meinem Sohn mache, wenn ich ihn tröste. Ich schaue ihr in die Augen. Die Sätze, die aus meinem Mund kommen wollen, kommen mir wie fade, abgedroschene Floskeln vor. Sie zerfallen zu Staub, bleiben mir im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was ich für sie tun kann. „Es tut mir so leid“, sage ich. „Es wird wieder besser, ganz bestimmt“. Sie nickt. Sie will mir gerne glauben. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie gerne ich sie in diesem Moment habe.

Wir gehen zum Parkplatz. Wir verabschieden uns. Ich nehme sie in den Arm. „Ich bin immer für dich da“, sage ich und meine es genau so. „Danke“, sagt sie, und meint es auch so. Dann geht sie. Stolz und schön und ganz allein. Sie dreht sich nicht nach mir um. Ich hoffe, dass ihre Traurigkeit ein bisschen leichter wiegt, weil ich sie mit ihr trage.

„Traurig“ wiegt plötzlich tausend Tonnen.

Ein Stöckchen!

Ich hab mir hier mal ein Stöckchen geklaut. Weil ich es kann!

1. Wie geht es Ihnen heute?
Gut! Ich hatte eine ganz wunderbare Verabredung mit einer Freundin, die ich seit 23 Jahren kenne und zuletzt vor 8 Jahren gesehen habe. Es ist immer wieder ein kleines Wunder, dass es Menschen gibt, mit denen man da anknüpfen kann, wo man aufgehört hat, und sei es vor Jahren. Die Zeit war viel zu kurz, wir werden das bald mal wiederholen.

2. Wie finden Sie die Sache mit Pokémon-Go?
Das Spiel selber interessiert mich nicht. Mich hat der Riesenhype in meiner Facebook-Timeline sehr irritiert, jeder 2. Beitrag hatte plötzlich Pokémon Go zum Inhalt. Ist aber recht schnell wieder abgeflacht und jetzt ist es mir herzlich egal. Ich finde allerdings die Rechtfertigung „so kommen die Kids wenigstens mal raus“ ein wenig lächerlich, da sie ja trotzdem permanent in ihr Gerätle starren. Also von daher… Hmnja.

3. Haben Sie Pläne für das kommende Wochenende?
Ja!

4. Was machen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?
Ich gehe erst mal aufs Klo. Dann lege ich mich anders hin. Dann träume ich mich in meinen derzeitigen Lieblingstraum hinein. Wenn alles nix hilft, lese ich. Wenn ich aus Gründen nicht schlafen kann, hilft es mir manchmal, wenn ich mir sage: „Dieses Problem kannst du jetzt und hier nicht lösen, vielleicht morgen. Dann kannst du jetzt genauso gut auch schlafen.“

5. Haben Sie schonmal die ISS vorbeifliegen sehen?
Nein und ich hatte ja keine Ahnung, dass das überhaupt möglich ist.

6. Wie ist das bei Ihnen mit Vertrauen: Vorauskasse oder auf Rechnung?
Kommt ja auf den Blickwinkel an. Generell finde ich gilt, erst Leistung/Ware, dann Geld.

7. Also wenn wir jetzt zum Karaoke gehen, welches Lied singen Sie dann auf jeden Fall?
Dieses:

8. Worüber machen Sie sich gerade Sorgen?
Um die Welt wie wir sie kennen.

9. Welche Chipssorte finden Sie am besten?
Ich steh‘ nicht so auf Chips. Wenn, dann Tortilla-Chips mit Guacamole (so wie ich sie mag: Avocado, Limette, Salz, Pfeffer, Creme Fraiche). Ich mag auch Tortilla-Chips mit warmem Käse-Dip, also Nachos. Kartoffelchips brauch ich überhaupt nicht.

10. Wahlrecht ab 16, ja oder nein?
Ja.

11. Welchen Luxus leisten Sie sich?
Ich leiste mir den Luxus, meinen Sohn mit Liebe zu überschütten und ihn nach Strich und Faden zu verwöhnen. Und gute Bücher zu lesen. Und, wenn ich Gelegenheit dazu habe, meine aktuelle Serie auf Netflix binge zu watchen. Seit neuestem leiste ich mir den Luxus von Kaffee aus einem Vollautomaten.

 

the end of the world as we know it

Vielleicht gewöhnt man sich ja daran. Dachte ich gestern bei der Heimfahrt aus meiner Stadt ins beschauliche Dorf, wo ich lebe. Die Polizei hatte entwarnt: Für die Bevölkerung bestand keine Gefahr mehr. Der Macheten-Irre war ein Einzeltäter und in Verwahrung.

Vielleicht wird es ab jetzt so sein, dachte ich. Schlimme Meldungen, Terrorwarnungen, dringende Empfehlungen, zuhause zu bleiben – und nach der Entwarnung geht das Leben wieder weiter. Und irgendwann gelingt es einem, ohne Angst in den Supermarkt, ins Freibad, zum Open-Air-Konzert, in den Urlaub zu gehen. Denn die Angst hilft ja nicht und sie ändert nichts. Schützen kann man sich nicht, passieren kann es überall, treffen kann es jeden. Ob Amokläufer wie in München, Würzburg oder Reutlingen, ob Terroranschlag wie in Nizza und Ansbach. Vielleicht gewöhne ich mich daran, weil ich muss.

Woran ich mich sicher nicht gewöhnen werde und will, sind die Stimmen, die gleich wieder laut, zu laut werden. Nicht nur in den sozialen Medien (da allerdings überpräsent). Auch in meinem direkten Umfeld. Schlimme Äußerungen über das „Pack, das man wieder nach Hause schicken“ solle. Bösartige Drohungen gegenüber unserer Bundeskanzlerin, die „dieses Dreckspack auch noch hereingeholt hat“. Unsägliche Äußerungen seitens des AfD-Reutlingen Twitteraccounts, später entschuldigt („der Praktikant hatte Zugang zum Account“), wenig später gelöscht. Wie gerufen kommen die jüngsten Ereignisse denjenigen, denen es schon seit letztem Spätsommer nicht passt, dass fremde Menschen hier Zuflucht suchen und bekommen. Und ja, es sind immer noch Menschen, über die wir hier sprechen. Auch die Attentäter. Auch die Amokläufer. Es sind Menschen. Selbstredend heiße ich nichts von dem, was passiert ist, gut. Ich nehme niemanden in Schutz, solche Taten sind verachtungswürdig und abscheulich. Genauso abscheulich sind aber auch diejenigen, die ein ganzes Volk für diese Taten Einzelner verantwortlich machen wollen.

Diese Hetze hilft keinem. Diese Hetze macht alles nur noch schlimmer.

Ein Gedankenspiel. Wir erinnern uns an den furchtbaren Terroranschlag des Norwegers Breivik im Juli 2011. Breivik gilt als Terrorist; er wurde als voll zurechnungsfähig befunden, seine Motive sind islamfeindlich, er hat sich in vollem Umfang zu seinen Taten bekannt und auch noch versucht, diese zu rechtfertigen.

Wo sind die Stimmen, die rufen, die Norweger seien ein Terroristenvolk?

Böse Menschen gibt es. Überall. Natürlich kann man bei einem Flüchtlingszustrom, wie er seit vergangenem Herbst nach Europa kam, nicht ausschließen, dass auch böse Menschen mit unter den Schutzsuchenden sind. Wie denn auch? Das wäre naiv. Viele schreien, man hätte „die niemals ohne Kontrollen hier reinlassen dürfen“. Ja, klar. Weil ja im Pass vermerkt ist, dass einer Terrorist ist und die Absicht hat, einen Anschlag zu verüben – oder dass er pychische Probleme hat und einen erweiterten Selbstmord oder Amoklauf plant.

Der Amokläufer von München (hier geboren und aufgewachsen) hat sich übrigens den Deutschen Tim Kretschmer als Vorbild genommen, der im März 2009 15 Menschen wahllos getötet hat. (Auch hier: wo waren die Rufe, alle Deutschen – oder womöglich Schwaben? – seien Terroristen und gefährlich und gehören weggesperrt? Niemand hat sich so geäußert. Weil es absurd gewesen wäre.) Er hatte mit der aktuellen Flüchtlingssituation überhaupt nichts zu tun.

Es ist absurd, ein ganzes Volk oder alle Anhänger einer bestimmten Religion oder alle Nicht-Deutschen verantwortlich zu machen für die Tat eines Einzelnen. Es ist absurd, rassistisch und falsch. Ich werde mich daran nicht gewöhnen und ich werde den Mund aufmachen und genauso laut dagegen brüllen. Und ich hoffe, dass ich dies in Zukunft nicht mehr allzu häufig werde tun müssen – weil sich die Lage wieder beruhigt. Ich hoffe, dass dies nicht der Anfang vom Ende ist. Jeder von uns ist gefragt, seinen Teil dazu beizutragen, dass wir den Aufbruch schaffen zu einer friedlichen Gesellschaft.

Imagine.

 

 

 

Everything I do

Wie ich mal mit einer Mittelohrentzündung zum Arzt bin und im CT landete.

Es fing harmlos an, schmerzhaft, aber harmlos. Ohrenschmerzen kann ich jetzt über Ostern echt nicht gebrauchen, dachte ich, und schmiss mir beherzt eine Ibu ein. Als die Ohrenschmerzen heftiger wurden und sich einseitig bis zur Stirn ausweiteten, dachte ich an einen Zug. Als dann das linke Augenlid halb übers Auge hing und sich die Pupille nicht mehr ausweitete, drängte der beste Mann darauf, dass ich zum Arzt gehen sollte.

Fünf Tage, nachdem die Ohrenschmerzen angefangen hatten, Tage, in denen ich vor Schmerzen manchmal nicht wusste, wie ich heiße (mir taten sogar die Haare weh), saß ich dann also beim Arzt meines Vertrauens. Der schaute sich mein Gesicht genau an, machte ein paar Tests und sagte dann, „Sie sind ein neurologischer Notfall“. Mit einem Telefonanruf vereinbarte er für mich einen Termin bei einer Neurologin am nächsten Morgen. Und verschrieb mir stärkere Schmerzmittel.

Bei der Neurologin hatte ich dann recht schnell den ersten diagnostischen Verdacht: Dissektion der Carotis interna. Das dadurch entstandene Hämatom drückte auf den Trigeminus-Nerv, was diese grauenhaften Schmerzen verursacht hat, und das hängende Augenlid. Diese Diagnose wollte sie aber durch eine Kernspintomographie abgesichert haben. Also zur Notaufnahme ins örtliche Krankenhaus.

Die ganze Zeit über hatte ich wenig Angst, meine Hauptsorge galt im Wesentlichen meinem Kind, dass sein Tag reibungslos ablaufen würde, dass er vom Kindergarten abgeholt wird, dass der Nachmittag für ihn normal weitergeht und so weiter. Da die Neurologin meine Frage, ob das ein Tumor sein könnte, sehr sicher mit „nein“ beantwortet hatte, hielten sich meine Sorgen in Grenzen. Etwas Gefährlicheres als einen Tumor konnte ich mir nicht vorstellen.

In der Notaufnahme wurde ich gründlich untersucht, der behandelnde Neurologe war sehr ernsthaft und sehr nett („Gut, dass Sie hier sind. Wir kümmern uns um Sie.“) und veranlasste sehr schnell die Untersuchung im MRT. Und da lag ich dann.

Niemand hatte mir erklärt, was da genau vor sich geht. Niemand hatte mir gesagt, wie lange die Untersuchung dauert, dass das Klopfen, Summen und Brummen zwar extrem laut und unangenehm, aber normal ist. Sie hatten mir versichert, ich käme bis zur Brust in die Röhre. Die Panik kam, als ich bis fast zu den Oberschenkeln drin lag. Ich habe leichte Klaustrophobie, was nicht sehr förderlich ist, wenn man mit fixiertem Kopf in einer körpernahen Röhre liegt. Ich weiß nicht mehr, woran ich gedacht habe in diesen 10 oder 15 Minuten. Ich erinnere mich, dass mir vor Erleichterung die Tränen kamen, als ich wieder draußen war. Und wie kühl und unnahbar die Radiologin war, sie hat kein Wort zu mir gesagt, das hat mich sehr erschüttert.

Der nette Neurologe in der Notaufnahme begrüßte mich dann mit den Worten „kein Tumor, kein Schlaganfall, das ist schon mal gut“, worauf ich erst mal nicht antworten konnte, weil mir die Erleichterung den Hals zuschnürte. Die Lage war trotzdem ernst, so erklärte er mir, denn mit so einer Abspaltung von Hautschichten innerhalb einer Hauptschlagader ist natürlich nicht zu spaßen. Zum ersten Mal wurde mir dann klar, wie knapp ich an einem Schlaganfall vorbeigeschrammt bin. Das Blut hinter dem Spalt gerinnt und bildet Klümpchen, weil es langsamer bewegt wird. Wenn ich nicht zum Arzt gegangen wäre… „ich WILL es mir nicht vorstellen“, sagt der beste Mann. Nein, da hat er wohl mal recht.

Jetzt muss ich Blutverdünner nehmen und den Blutdruck senken, darf nichts Schweres tragen und muss generell auf mich aufpassen. Das Augenlid hängt noch (Horner-Syndrom heißt das) und ab und zu kommen auch die Schmerzen zurück. So ein gequetschter Nerv erholt sich wohl, aber langsam.

Und ich habe Angst. Mein Urvertrauen in meinen so selbstverständlich funktionierenden Körper ist total erschüttert. Woher diese Verletzung in der Schlagader kommt, weiß man nicht. Das ist doch gruselig. Was, wenn das nochmal passiert? Was, wenn die Verletzung größer wird? Oder an anderer Stelle nochmal auftritt? Durch die Blutverdünner, sagt man mir, sei ich geschützt. Aber was anderes kann man nicht tun, ich muss darauf vertrauen, dass mein Körper sich selber heilt, weiß was er tut. In einem halben Jahr wird der Stand der Dinge kontrolliert.

Und als Mutter, ja, da liegt man halt da und denkt an diesen fünfjährigen Buben, der so völlig unbeschwert und sorglos durch sein Leben geht. Der mich so sehr braucht, für den sein ganzes Lebensglück von mir abhängt, dessen Welt in winzigkleine Stücke zerbersten würde, wenn mir etwas zustoßen sollte. Und die Sorge um die Unbeschwertheit des Sohnes wiegt tausendmal schwerer als die Sorge um das eigene Wohlergehen, auch wenn beide untrennbar miteinander verknüpft sind.

Das gehört eben auch zum Elternsein – achtsam umgehen mit sich selbst und dabei nur das Wohl eines kleinen Menschen im Blick haben. Ganz schön schwer.

 

 

People are people, so why should it be?

Ich bin kein politischer Mensch. Politik war mir immer zu anstrengend, zu unverständlich, zu undurchsichtig. Die Wahrnehmung, was in der Politik schief läuft, was sie wieder verbockt haben, „da oben“, wechselt ja auch je nach Lebenssituation. Seit ich Mutter bin, sind mir Themen wie Kinderbetreuung, Schul- und Bildungssystem, Elternzeit und Wiedereinstieg in den Beruf viel näher gerückt. Früher waren das eher solche Dinge wie Riester-Rente, Soli-Zuschlag und Krankenzusatzversicherungen. Insgesamt lebe ich aber in dem Bewusstsein, dass alles, was wir hier in diesem Land an unserer jeweiligen Regierung kritisieren, Jammern auf hohem Niveau ist. Uns geht es (fast) allen sehr gut, wir sind sozial abgesichert, haben eine großartige Gesundheitsversorgung; unser Lebensstandard gehört zu den höchsten der Welt. Und trotz aller Politikverdrossenheit (ich bin ein Kind der 70er und mit politischen Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt und Willy Brandt aufgewachsen. Solche vor allem menschliche Größen vermisse ich heute schon sehr) gehe ich natürlich immer brav wählen weil ich die Demokratie, in der ich leben darf, wertschätze und weil ich mit dem Satz „wer nicht wählt, wählt braun!“ aufgewachsen bin.

Und jetzt passiert sowas. Jetzt wählt ein zweistelliger Prozentsatz aller Wähler (bei einer Wahlbeteiligung von über 70%!!!) im Ländle die AfD. Aus Protest, so geben Umfragen laut. Aus Protest. Soso. Der Protest richtet sich, so nehme ich an, gegen die Merkel-Politik, die seit letztem Herbst die Tore aufgemacht hat für eine große Zahl von Menschen, die – durch dieselbe Politik mitverschuldet – in allergrößte Not geraten sind. Und während ich Frau Merkel seit eben dieser Zeit mit ganz anderen Augen sehe – plötzlich wirkt sie menschlich auf mich, moralisch und stark, geradlinig, völlig losgelöst von irgendwelchen Umfragequoten und drohenden Stimmverlusten – gehen andere hin und wählen dumpfe Rechtspopulisten, um ihr einen „Denkzettel“ zu verpassen.

Wie groß ist eigentlich die Angst dieser sogenannten „Protestwähler“ vor ein paar fremden Leuten, die ein (vergleichsweise) winziges Stück von einem riesigen Kuchen abbekommen sollen, den wir alleine doch sowieso nicht schaffen und von dem wir eh einen Großteil wegschmeißen müssten? Wie abgestumpft und fremdenfeindlich, feige und ungebildet muss man eigentlich sein, um eine Partei zu wählen, die wirklich alles, was wir in den letzten 50 Jahren hart erkämpft haben (Gleichstellung der Frau, Umweltschutz, Verringerung der CO2-Emmissionen, Homo-Ehe, Schutz von Alleinerziehenden, Bildungspläne, um nur ein paar Beispiele zu nennen) rückgängig machen will?

Mit am erschreckendsten finde ich den Plan zur „Pflege der deutschen Leitkultur“ – Zitat – „…der fehlende Mut zur deutschen Leitkultur schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Wem da nicht die Alarmsirenen in beiden Ohren aufheulen, der hat im Geschichtsunterricht wirklich gepennt. Wem bei dem Begriff „deutsche Leitkultur“ nicht die Galle hochkommt, der hat wirklich gar nichts verstanden.

Und allen, die immer rumjammern, man soll nicht immer mit der „Nazikeule“ kommen, diese Zeiten seien längst vorbei, man müsse es auch einmal gut sein lassen und nach vorne blicken, sei gesagt: mit der AfD blickt niemand mehr nach vorne. Mit denen rasen wir mit Vollgas in einen wirklich düsteren Abgrund. Und in so einem Deutschland will ich dann nicht leben.

I thank you… for showing me home

Meine Oma war eine starke Frau. Nach dem Krieg musste sie ihre beiden Kinder alleine durchbringen, hat immer gearbeitet, bis ins hohe Alter. Sie musste (wie so viele aus dieser Generation) auf vieles verzichten. Durch ihr beschwerliches Leben und das viele Alleinsein wurde sie im Alter ein bisschen schrullig, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen unbequem. Aber für uns war sie immer die weltbeste Oma.

Sie hat lange Zeit in einer Annahmestelle einer Reinigung gearbeitet. Wann immer ein Kunde mit einem besonders schönen, neuen, glänzenden Geldstück bezahlt hat, hat sie dieses ausgetauscht und für uns zur Seite gelegt. Wenn sie zu Besuch kam (und das war oft), hat sie uns diese Geldgeschenke (2 DM- oder 5 DM-Stücke) auf kleine Kärtchen geklebt, mit lustigen Aufklebern und kleinen Bildchen. Obwohl sie selbst mit einem winzigen Einkommen leben musste, kam sie nie mit leeren Händen. Sie hat uns Kirschsaft mitgebracht, Wibele, frisches Obst vom Markt, die besten Kekse.

Wenn meine Oma bei uns übernachtet hat, damals noch in der Mietwohnung, im Wohnzimmer auf dem Sofa, hat sie nie den Rolladen runter gemacht. „Wenn ich morgens aufwache, muss ich den Himmel sehen“, hat sie immer gesagt.

Eine Zeit lang durften mein Bruder und ich ein- bis zweimal im Monat samstags bei ihr übernachten. Meine Eltern hatten dann Kegelabend oder sowas. Wir durften dann im Fernsehen anschauen, was wir wollten (es gab ja eh nur 3 Programme), meist war das dann eine Samstag-Abend-Show wie „Auf Los geht’s Los“, „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass…?“, damals noch mit Frank Elstner. Wir durften die Sendung immer bis zu Ende sehen. Dann haben wir gemeinsam in ihrem Schlafzimmer im großen Doppelbett geschlafen, meine Oma ist auf die Couch ausgezogen. Noch heute sage ich mit meinem jetzt 5-Jährigen den Gute-Nacht-Spruch, den meine Oma immer mit uns aufgesagt hat: „Schlaf gut und gsund und kugelrund, bis morgen früh dein Kaba kommt“. Nur das Wort „Kaba“, das ersetzen wir durch „Nutellabrot“.

Morgens haben wir immer noch ewig mit den riesigen Federbetten im Bett gespielt. Zum Frühstück hat mir meine Oma einen Kaba mit Sahne gemacht – die Sahne hat sie mit so einem Handschneebesen steif geschlagen. Nirgendwo hat mir Schlagsahne besser geschmeckt als auf der Eckbank bei meiner Oma, in meiner Tasse mit heißem Kaba.

Samstagnachmittags hat meine Oma gebadet und ich durfte dabei zusehen, wenn ich wollte. Sie hatte so eine Badewanne mit Füßchen. Sie hat Litamin-Badeschaum verwendet und nach dem Baden hat sie sich so kalte Güsse gemacht (vom Herzen weg, zum Herzen hin, ich habe es mir nicht merken können) und sich eingecremt. Von ihrem winzigen Badezimmerfensterchen aus konnte  man die schwäbische Alb sehen. Oft hat sie einen kleinen Hocker für mich geholt und mir die einzelnen Berge gezeigt (Achalm, Roßberg, Mägdeberg), und beim nächsten Mal wusste ich wieder nicht, welcher Berg wie heißt.

Wenn wir Brettspiele gespielt haben hat sie eine große Tasche mit Clipverschluss aus dem Spieleschrank geholt, da waren alle Spielfiguren drin. Ich habe oft auch einfach nur mit den Figuren gespielt. Ein Set war ein winziges Spielfigurenset aus buntem Glas, das habe ich besonders geliebt. Meine Oma hatte auch ein Pochbrett und dazu ein Säckchen mit bunten Bohnen. Und ein Schiebespiel aus Blech. Die alte Puppe meiner Mutter samt Puppenwagen war auch noch da. Ich habe nicht so gerne mit ihr gespielt, weil sie so komisch gerochen hat. Aber fasziniert hat sie mich doch.

Wenn dann unsere Eltern kamen, um uns abzuholen, ist meine Oma immer die 3 oder 4 Stockwerke mit uns mit nach unten gegangen bis zum Auto. Dort habe ich darauf bestanden, dass sie mir von einem der Ahornbäume, die an den Parkplätzen gepflanzt waren, ein Blatt abpflückt. Erst dann wollte ich mich verabschieden.

Einmal, im Jahr 1997, war ich unterwegs in den USA mit Freunden. Wir fuhren in einem Van, ich saß ganz hinten. Und ich dachte zufällig an meine Oma und wie sie mir einmal erzählte, dass sie zwar nicht an Gott glaubt, aber doch jeden Abend und jeden Morgen an uns (das heißt, an meine Eltern, meinen Bruder und mich) denkt und – wen auch immer – darum bittet, uns zu beschützen. Just in diesem Moment, ich schwöre, dass das so passiert ist, fuhr das Auto durch eine große Pfütze und kam durch Aquaplaning von der Fahrbahn ab, drehte sich ein paar Mal und landete im Graben. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass der von meiner Oma erbetene Schutz  in diesem Moment gewirkt hat.

Ich habe meiner Oma mal zu Weihnachten ein Kissen bestickt, mit ihrem Namen. Das Kissen hat sie sehr gerne gehabt, sie hatte es auch bei ihrem Tod bei sich. Das „Oma-Li“-Kissen ist eines der wenigen Dinge, die ich noch von ihr besitze und ich habe es gern als Fernsehkissen. Ich denke sehr oft an sie; immer mit einem Lächeln.

Meine Oma wäre in diesem Monat 104 Jahre alt geworden. Ich wünsche ihr sehr, dass sie es gut hat, da wo sie jetzt ist.