Sometimes, only sometimes, I question everything

Das Leben, wie es so seinen Lauf nimmt, lehrt einen ja vieles. In den letzten Wochen wurde ich – nicht zum ersten Mal – daran erinnert, dass man sich niemals nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen soll. „Sei wachsam“, singt Reinhard Mey (in einem anderen Zusammenhang, aber nichtsdestoweniger), und er hat so recht.

Sei wachsam, innerhalb deiner Beziehungen, Freundschaften und bei deiner Arbeit. Verlass dich nicht auf den Status Quo. Niemand ist berechenbar und Dinge und Verhältnisse, die du für selbstverständlich und gesetzt hältst, können morgen schon erschüttert sein. Sei wachsam und bleibe ständig „in progress“. Halte den Kontakt zu deinen Leuten! Es genügt nicht, jemanden einfach zu mögen. Man muss es ihm ab und zu sagen. Manchmal muss man auch ein Vertrauensverhältnis hinterfragen. Manchmal wird ein selbstverständlich angenommenes Vertrauen bis auf die Grundmauern erschüttert. Dann muss man es wieder aufbauen, wenn einem was an der Freundschaft liegt. Das alles ist Arbeit, die getan werden muss, wenn man Beziehungen zu anderen Menschen pflegt. Vom Nichtstun wird nix besser.

Freundschaften, manche zumindest, sind, daran wurde ich in den letzten Wochen erinnert, ein gläsernes, zerbrechliches Konstrukt. Missverständnisse, nicht Gesagtes, zuviel Gesagtes – all das kann eine Freundschaft nachhaltig verletzen. Eitelkeiten, Egos, Ich-Bezogenheit – das alles sind Feinde einer guten Freundschaft. Eine sehr liebe, langjährige Freundin hat mir einmal einen Ratschlag ihrer Therapeutin mitgegeben: „Treten Sie einfach mal einen Schritt zurück“. Soll heißen: Wenn man nicht weiter weiß, hilft es meistens, sich selber aus einer Situation raus zu nehmen und diese von außen zu betrachten. Ich habe mir das angewöhnt. Und siehe da: In 99 von 100 Fällen ist es so, dass ich sofort als erstes erkennen kann, was ICH in der Situation falsch gemacht habe und auch, was ich tun kann, um schief Gelaufenes wieder gerade zu richten. Manchmal hilft es tatsächlich, gar nichts zu sagen bzw. gar nicht zu reagieren und sich einfach zu beruhigen. Ich erinnere mich beispielsweise gerne zuerst mal an meine persönlichen Umstände (hoher Blutdruck, schlecht oder zu wenig geschlafen, andere Sorgen, die mich bedrücken) und in dem Moment, in dem ich mir meine (Über-)Empfindlichkeit eingestehen kann, ist der ganze Dampf raus, und ich muss mein Gegenüber gar nicht mehr anpflaumen. Nur so als Beispiel.

Anders sieht es natürlich aus, wenn man wirklich verletzt wird, passiert eben leider auch ab und an, wir sind ja alle nur Menschen. Wenn man zu Unrecht beschuldigt oder angeklagt wird. Wenn das Gegenüber sein eigenes Süppchen kocht und ohne Rücksprache zu Ergebnissen kommt, die mit meiner Wirklichkeit gar nichts mehr zu tun haben. Dann wird es komisch, denn ein Vertrauensbruch – ein Sich-nicht-anvertrauen gilt ebenso als solcher – ist schwer zu kitten. Was tun, wenn ein Freund, eine Freundin einen Verrat unterstellt und diese Unterstellung einen bis aufs Fundament erschüttert? „Treten Sie einen Schritt zurück“, ja, und was tun, wenn ich auf meiner Seite keine Verantwortung erkennen kann? Einen Schritt zurück bleiben. Das Gespräch suchen und reden, reden, reden. So denke ich.

Jedenfalls. Das alles mag ein bisschen wirr klingen und aus dem Zusammenhang heraus keinen Sinn ergeben. (Hinweis an dieser Stelle: Ich schreibe hier nicht über meine Partnerschaft/Familie, es ist alles bestens, danke.) Ich schreibe dies auf, weil ich das alles im Alltag selber gern mal vergesse. Wachsam zu sein, nach meinen Leuten zu schauen, Konflikte zu lösen, am besten bevor sie erst entstehen. Mich selber mitzuteilen (niemand kann Gedanken lesen!), Missverständnisse aus dem Weg räumen. Auch mal Unbequemes ansprechen. All das lass ich selber nur all zu gerne schleifen. Bis einem dann, BOOOM, alles um die Ohren fliegt. Und im schlimmsten Fall ist es dann zu spät.

Seid wachsam.

 

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1000 Fragen – #11

#1, #2, #3, #4, #5, #6, #7, #8, #9, #10

201. Wie gut kennst du deine Nachbarn?
Ganz gut. Wir haben Glück mit unseren Nachbarn. Mir ist eine gute Nachbarschaft sehr wichtig – meine Eltern haben mir das so vorgelebt und ich bin froh, dass wir hier so herzlich aufgenommen wurden und so nette, offene und hilfsbereite Nachbarn haben.

202. Hast du oft Glück?
Ja. Ich habe bisher in meinem Leben ganz großes Glück – unfassbar viel und großes Glück.

203. Von welcher Freundin unterscheidest du dich am meisten?
Das kann ich nicht bestimmen. Ich glaube, die meisten Freundinnen habe ich gefunden, weil wir uns so ähneln.

204. Was machst du anders als deine Eltern?
Von außen betrachtet, wenig. Wenn man genauer hinschaut, waren meine Eltern sehr frankophil und mich zieht es eher in den englischsprachigen Raum. Meine Eltern waren bzw. sind große Fernsehgegner, ich sehe das nicht so eng. Wir waren jetzt schon das 4. Mal am selben Urlaubsort/Campingplatz – das hätten meine Eltern niemals getan. In meiner Jugend bzw. als junge Erwachsene habe ich geraucht und mir die Nächte in Diskotheken um die Ohren gehauen – das hat meine Eltern befremdet. Aber so ist das dann halt auch mit den Generationen.

205. Was gibt dir neue Energie?
Eine gute Nacht. Eine Umarmung. Das Wissen, nicht alleine zu sein. Kaffee.

206. Warst du in der Pubertät glücklich?
Ich erinnere mich nur sehr wenig an meine Pubertät. Ich war immer sehr unglücklich bzw. unerwidert verliebt. Das hat mich nachhaltig geprägt, glaube ich, und für lange Zeit habe ich mich als hässliches Entlein gesehen. Ansonsten war ich glaube ich normal bis sanft pubertierend.

207. Wann hast du zuletzt eine Nacht durchgemacht?
Letzten Sommer bei dem runden Geburtstag der bezaubernden Person – zumindest annähernd.

208. Womit beschäftigst du dich am liebsten in deinen Tagträumen?
Sag ich nicht.

209. Blickst du oft um?
Was für eine seltsame Frage, sowohl inhaltlich als auch formal. Ist das jetzt real gemeint oder eher theoretisch? Als Lektorin würde ich sagen, es müsste heißen: „Blickst du dich oft um?“. Also, ich denke, nein. Warum sollte ich. Also es sei denn, man sitzt gemütlich auf einem Geburtstag, trinkt ein paar Gläschen Sekt und die Rede kommt auf Clowns. Und dann muss man alleine heimlaufen, im Dunkeln. Da kann es schon sein, dass ich mich ab und an mal umblicke.

210. Was wissen die meisten Menschen nicht über dich?
Das, was ich hier jetzt auch nicht hinschreibe.

211. Worüber hast du mit deinem Partner immer wieder Streit?
Wir streiten nicht, auch wenn mir das keiner glauben mag. Ich schreibe das wertfrei und glaube tatsächlich, dass konstruktives Streiten einer Beziehung gut tut.

212. Worauf freust du dich jeden Tag?
Das ist tagesformabhängig. An manchen Tagen freu ich mich auf den Tag an sich, auf geplante Unternehmungen, auf mein Frühstück. An anderen Tagen freu ich mich darauf, dass ich wieder ins Bett gehen kann.

213. Welche Freundschaft von früher fehlt dir?
Die mit Nicole. Die mit Carsten. Die mit Stefan. Die mit Micha M.

214. Wie gehst du mit Stress um?
Eins nach dem anderen. Listen schreiben. Schokolade essen. Bewusst Auszeiten nehmen. Früh ins Bett gehen.

215. Gibst du dich gelegentlich anders, als du in Wirklichkeit bist?
Sicher.

216. In welchem Punkten gleichst du deinem Vater?
Ich kann sehr autoritär sein. Echt jetzt. Und ich bin streng, was bestimmte Werte oder das Benehmen angeht. Ich liebe witzige Sprüche und zitiere sie auch gerne. Und last not least: Ich entertaine gerne.

217. Kann man Glück erzwingen?
Nein, es wird einem geschenkt.

218. Welcher Streittyp bist du?
Ich warte meistens eine Weile, bis ich eine Diskussion beginne. Trete einen Schritt neben mich und versuche, so objektiv ich kann, die andere Seite zu sehen. Und wie die andere Seite mich sieht. Meistens ist der Grund für einen Streit dann verflogen, siehe Frage 211.

219. Bist du morgens gleich nach dem Aufwachen richtig munter?
Ja. Ich wache oft sogar lange vor dem Weckerklingeln auf. Das ist bestimmt das Alter. Örks.

220. Wie klingt dein Lachen?
Lustig.

Dankbar #1

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie.

„Einfach mal dankbar sein“ habe ich neulich ins Internet geschrieben. Viele meiner Facebook-Freunde haben dafür den Daumen nach oben gestreckt. Und ich dachte mir, warum  nicht darüber schreiben. Derzeit bewegt mich eine sehr große Dankbarkeit für die Menschen, die um mich herum sind.

Wir wohnen noch nicht sehr lange an diesem Ort, wo wir jetzt wohnen. Erst seit Januar 2013. Als wir uns dafür entschlossen, diesen Bauplatz zu kaufen und unsere Zelte hier aufzuschlagen, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Es gibt hier nicht viel, eine Apotheke, einen Bäcker, eine Post. Aber wir sind ja mobil. Kindergarten und Schule hat es, das fand ich wichtig. Und nette Nachbarn, das wussten wir seit der Grundstücksbesichtigung, würden wir auch bekommen. Und ich würde durch verschiedene Krabbelgruppen sogar schon ein paar Leute hier kennen. Was will man mehr? Es kam besser.

Unser Kind kam in den Kindergarten und nach und nach lernten wir die anderen Kinder und Eltern kennen. Man hatte den gleichen Fußweg, kam ins Gespräch, die Kinder verstanden sich gut, verabredeten sich zum Spielen. Auf dem Heimweg hieß es dann immer öfter, „kommst du noch auf einen Kaffee mit rein?“, die Gespräche wurden vertraulicher, der Umgangston herzlicher. Eines Tages kam dann eine bezaubernde Person aus der Runde auf die Idee, am Pädagogischen Tag (sprich: es findet keine Kindergartenbetreuung statt) ein gemeinsames Frühstück zu organisieren. Das bedeutet im Klartext: Ungefähr 12 Mütter mit im Durchschnitt 2 Kindern. An einem Tisch. Was für ein fröhlicher, lauter, bunter Haufen! Diese gemeinsamen Vormittage wurden zum Selbstläufer. Kann man es sich schöner wünschen? Es wurde besser.

Irgendwann kamen ja dann auch noch die jeweiligen Papas und Männer dazu. Und was soll man sagen? Auch die verstanden sich blendend. Spätestens, als der eine (sicher nicht zufällig der Mann der bezaubernden Person) am Kindergartensommerfest eine Kühlbox mit kalten Bierflaschen beisteuerte, war jegliches Eis gebrochen. Seither denke und sage ich jedes Mal, wenn wir in irgendeiner Form zusammen kommen: „Hach, wir sind einfach so eine tolle Truppe!“ Und am besten beschreibt es wohl der Kommentar eines Ehemanns, der uns von oben zum Elternabend antraben sah: „Ach, da kommt ja deine Gang.“ Und genau so fühlt es sich an.

Natürlich geht es nicht nur um Spaß (Alkohol! Karaoke! Party!). Wir sind auch füreinander da. WhatsApp macht’s möglich – ist eine in einer Notlage, sind gleich fünf andere zur Stelle – mit dem passenden Medikament, mit dem guten Ratschlag, mit der schnellen Besorgung. Kann eine grad ihre Kinder nicht rechtzeitig abholen oder muss länger im Büro bleiben – eine findet sich immer, die die Kinder mitnimmt. Kinonachmittage, gemeinsame Freibadbesuche, Theaterfahrten, Spielplatztreffen. Selbst das Schwimmen haben unsere Kinder bei der besten Schwimmlehrerin der Welt – natürlich einem Gangmitglied – gelernt. Sorgen, Nöte, Alltagsprobleme – wir können über alles sprechen. Keine wird verurteilt, niemand lästert hinter dem Rücken der anderen, ganz ehrlich – wenn man so eine Clique im Fernsehen zeigen würde, es würde einem ja gar keiner glauben.

Kann man bei so einem Zusammentreffen von ausnahmslos netten, unkomplizierten, lustigen, klugen, hilfsbereiten, freundlichen und mitfühlenden Menschen von einer Selbstverständlichkeit sprechen? Nein. Es ist einfach ein großes, unendlich großes Glück, für das ich gar keine Worte finde. Ich fühle mich so gut aufgehoben und sicher. Geborgen inmitten einer Gruppe Menschen, die alle auf meiner Welle schwimmen. Mit denen zusammen sich richtig was auf die Beine stellen lässt und mit denen man es auch ordentlich krachen lassen kann. Ab und zu.

Besser geht es nicht.

Dafür bin ich dankbar.

 

 

Take comfort in your friends

„Ich bin so traurig“, sagt sie. Vier kleine Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Es ist fast dasselbe Gefühl, wie wenn mein Kind in Not ist und ich nicht gleich helfen kann. Ich spüre ihren Schmerz. Ich sehe sie an. So viele Jahre, die wir uns schon kennen. Sie ist die Freundin zum Pferde stehlen, die, die immer da ist, ein Energiebündel, die immer nach vorne treibt. Ich habe sie fröhlich erlebt, stinkesauer, ausgelassen, ratlos. Wir haben zusammen gelacht und geheult, gelästert und getratscht. Unsere Neugeborenen bewundert. Unsere jeweiligen Lebensphasen begleitet. Richtige Probleme besprochen und Pläne geschmiedet. Unsere Träume geteilt. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir halten uns immer auf dem Laufenden.

Aber „Traurig“ ist neu. „Traurig“ kenne ich bei ihr nicht. Mit „Traurig“ kann ich nicht umgehen.

Ich versuche Worte zu finden, zuversichtliche, tröstende. Mir fallen keine ein. Ich lege meine Hand an ihre Wange, so weich, streichele sie kurz, wie ich es bei meinem Sohn mache, wenn ich ihn tröste. Ich schaue ihr in die Augen. Die Sätze, die aus meinem Mund kommen wollen, kommen mir wie fade, abgedroschene Floskeln vor. Sie zerfallen zu Staub, bleiben mir im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was ich für sie tun kann. „Es tut mir so leid“, sage ich. „Es wird wieder besser, ganz bestimmt“. Sie nickt. Sie will mir gerne glauben. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie gerne ich sie in diesem Moment habe.

Wir gehen zum Parkplatz. Wir verabschieden uns. Ich nehme sie in den Arm. „Ich bin immer für dich da“, sage ich und meine es genau so. „Danke“, sagt sie, und meint es auch so. Dann geht sie. Stolz und schön und ganz allein. Sie dreht sich nicht nach mir um. Ich hoffe, dass ihre Traurigkeit ein bisschen leichter wiegt, weil ich sie mit ihr trage.

„Traurig“ wiegt plötzlich tausend Tonnen.