Dankbar #1

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie.

„Einfach mal dankbar sein“ habe ich neulich ins Internet geschrieben. Viele meiner Facebook-Freunde haben dafür den Daumen nach oben gestreckt. Und ich dachte mir, warum  nicht darüber schreiben. Derzeit bewegt mich eine sehr große Dankbarkeit für die Menschen, die um mich herum sind.

Wir wohnen noch nicht sehr lange an diesem Ort, wo wir jetzt wohnen. Erst seit Januar 2013. Als wir uns dafür entschlossen, diesen Bauplatz zu kaufen und unsere Zelte hier aufzuschlagen, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Es gibt hier nicht viel, eine Apotheke, einen Bäcker, eine Post. Aber wir sind ja mobil. Kindergarten und Schule hat es, das fand ich wichtig. Und nette Nachbarn, das wussten wir seit der Grundstücksbesichtigung, würden wir auch bekommen. Und ich würde durch verschiedene Krabbelgruppen sogar schon ein paar Leute hier kennen. Was will man mehr? Es kam besser.

Unser Kind kam in den Kindergarten und nach und nach lernten wir die anderen Kinder und Eltern kennen. Man hatte den gleichen Fußweg, kam ins Gespräch, die Kinder verstanden sich gut, verabredeten sich zum Spielen. Auf dem Heimweg hieß es dann immer öfter, „kommst du noch auf einen Kaffee mit rein?“, die Gespräche wurden vertraulicher, der Umgangston herzlicher. Eines Tages kam dann eine bezaubernde Person aus der Runde auf die Idee, am Pädagogischen Tag (sprich: es findet keine Kindergartenbetreuung statt) ein gemeinsames Frühstück zu organisieren. Das bedeutet im Klartext: Ungefähr 12 Mütter mit im Durchschnitt 2 Kindern. An einem Tisch. Was für ein fröhlicher, lauter, bunter Haufen! Diese gemeinsamen Vormittage wurden zum Selbstläufer. Kann man es sich schöner wünschen? Es wurde besser.

Irgendwann kamen ja dann auch noch die jeweiligen Papas und Männer dazu. Und was soll man sagen? Auch die verstanden sich blendend. Spätestens, als der eine (sicher nicht zufällig der Mann der bezaubernden Person) am Kindergartensommerfest eine Kühlbox mit kalten Bierflaschen beisteuerte, war jegliches Eis gebrochen. Seither denke und sage ich jedes Mal, wenn wir in irgendeiner Form zusammen kommen: „Hach, wir sind einfach so eine tolle Truppe!“ Und am besten beschreibt es wohl der Kommentar eines Ehemanns, der uns von oben zum Elternabend antraben sah: „Ach, da kommt ja deine Gang.“ Und genau so fühlt es sich an.

Natürlich geht es nicht nur um Spaß (Alkohol! Karaoke! Party!). Wir sind auch füreinander da. WhatsApp macht’s möglich – ist eine in einer Notlage, sind gleich fünf andere zur Stelle – mit dem passenden Medikament, mit dem guten Ratschlag, mit der schnellen Besorgung. Kann eine grad ihre Kinder nicht rechtzeitig abholen oder muss länger im Büro bleiben – eine findet sich immer, die die Kinder mitnimmt. Kinonachmittage, gemeinsame Freibadbesuche, Theaterfahrten, Spielplatztreffen. Selbst das Schwimmen haben unsere Kinder bei der besten Schwimmlehrerin der Welt – natürlich einem Gangmitglied – gelernt. Sorgen, Nöte, Alltagsprobleme – wir können über alles sprechen. Keine wird verurteilt, niemand lästert hinter dem Rücken der anderen, ganz ehrlich – wenn man so eine Clique im Fernsehen zeigen würde, es würde einem ja gar keiner glauben.

Kann man bei so einem Zusammentreffen von ausnahmslos netten, unkomplizierten, lustigen, klugen, hilfsbereiten, freundlichen und mitfühlenden Menschen von einer Selbstverständlichkeit sprechen? Nein. Es ist einfach ein großes, unendlich großes Glück, für das ich gar keine Worte finde. Ich fühle mich so gut aufgehoben und sicher. Geborgen inmitten einer Gruppe Menschen, die alle auf meiner Welle schwimmen. Mit denen zusammen sich richtig was auf die Beine stellen lässt und mit denen man es auch ordentlich krachen lassen kann. Ab und zu.

Besser geht es nicht.

Dafür bin ich dankbar.

 

 

Take comfort in your friends

„Ich bin so traurig“, sagt sie. Vier kleine Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Es ist fast dasselbe Gefühl, wie wenn mein Kind in Not ist und ich nicht gleich helfen kann. Ich spüre ihren Schmerz. Ich sehe sie an. So viele Jahre, die wir uns schon kennen. Sie ist die Freundin zum Pferde stehlen, die, die immer da ist, ein Energiebündel, die immer nach vorne treibt. Ich habe sie fröhlich erlebt, stinkesauer, ausgelassen, ratlos. Wir haben zusammen gelacht und geheult, gelästert und getratscht. Unsere Neugeborenen bewundert. Unsere jeweiligen Lebensphasen begleitet. Richtige Probleme besprochen und Pläne geschmiedet. Unsere Träume geteilt. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir halten uns immer auf dem Laufenden.

Aber „Traurig“ ist neu. „Traurig“ kenne ich bei ihr nicht. Mit „Traurig“ kann ich nicht umgehen.

Ich versuche Worte zu finden, zuversichtliche, tröstende. Mir fallen keine ein. Ich lege meine Hand an ihre Wange, so weich, streichele sie kurz, wie ich es bei meinem Sohn mache, wenn ich ihn tröste. Ich schaue ihr in die Augen. Die Sätze, die aus meinem Mund kommen wollen, kommen mir wie fade, abgedroschene Floskeln vor. Sie zerfallen zu Staub, bleiben mir im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was ich für sie tun kann. „Es tut mir so leid“, sage ich. „Es wird wieder besser, ganz bestimmt“. Sie nickt. Sie will mir gerne glauben. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie gerne ich sie in diesem Moment habe.

Wir gehen zum Parkplatz. Wir verabschieden uns. Ich nehme sie in den Arm. „Ich bin immer für dich da“, sage ich und meine es genau so. „Danke“, sagt sie, und meint es auch so. Dann geht sie. Stolz und schön und ganz allein. Sie dreht sich nicht nach mir um. Ich hoffe, dass ihre Traurigkeit ein bisschen leichter wiegt, weil ich sie mit ihr trage.

„Traurig“ wiegt plötzlich tausend Tonnen.