Love lift us up where we belong

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Tag, als unser damals gerade mal acht oder zehn Wochen alter Sohn vom Elternschlafzimmer ins Kinderzimmer umzog. Obwohl dieses direkt nebenan lag, war mir total mulmig ob dieser „Trennung“ zumute und ich sagte zu meinem Mann: „Jaja. Heute zieht er aus dem Schlafzimmer aus und morgen kommt er schon in die Schule!“

Das ist über sechs Jahre her. Und kommt mir wie gestern vor. Und, ja, heute (also – demnächst) kommt er in die Schule. Ganz lange habe ich diesen Meilenstein einfach verdrängt. Oder mir gesagt, „ach, das ist ja noch ein dreiviertel Jahr.“ Oder ein halbes. Oder – ja, jetzt ist das Datum der Einschulung nur noch ein viertel Jahr entfernt.

Natürlich bin ich stolz darauf, wie gut sich der Bub macht, wie clever er ist, wie neugierig, wie fröhlich und auch feinfühlig. Natürlich sehe ich auch, wie groß er geworden ist und wie sehr er nach neuen Herausforderungen ruft, wie gerne er sich mit Buchstaben und Zahlen beschäftigt, wie groß sein Durst nach Wissen und Lernen ist. Ich sehe das alles, und gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu. Weil ich halt genau weiß, dass in der Schule keine Frau W. ist, die ihn bei der Hand nimmt, wenn er nicht da bleiben will. Die ihn auf den Schoß nimmt und ablenkt und ihn bei irgendwas helfen lässt. Dass ich ihn dort eben nicht bis ins Klassenzimmer bringen darf und direkt der Lehrerin an die Hand. Zum einen will man ja partout keine Helikoptermutti  sein. Zum anderen sagt ja der Verstand, dass es richtig so ist, dass man loslassen muss, dass das Kind Flügel bekommen soll. Alles gut so, alles prima.

Aber das Herz, das Herz wird mir so schwer. Wenn ich an meine Einschulung zurückdenke… Und halt. Stopp. Da kommt mir die Erkenntnis! Meine ganzen Ängste und Sorgen bezüglich des neuen Lebensabschnitts gründen auf meinen Erfahrungen, die leider anfangs nicht besonders rosig waren. Mein Schulstart war holperig und mit wahnsinnig viel Unsicherheit, Ängsten und Bauchweh verbunden. Ich war sehr viel jünger als der Sohn bei seiner Einschulung sein wird. Bei uns gab es keine Schulkooperation. Wir haben die Lehrerinnen nicht vorher gekannt, waren nicht im letzten halben Kindijahr zu Besuch in der Schule, im Sport- und Kunstunterricht. Für mich war alles neu, der Schulanfang ein Sprung ins eiskalte Wasser. Ich hatte Angst. Ich wollte nicht! Aber das ist meine Erfahrung.

Der Sohn soll und wird einen ganz anderen Start bekommen. Seine eigene Erfahrung machen. Seine eigene Erinnerung schaffen. Unsere Aufgabe als Eltern wird sein, diese Erinnerung so schön und fröhlich wie möglich zu gestalten.

Und er freut sich so sehr auf die Schule! Ja, es ist schwer für mich, mein Baby aus der beschützten, kleinen Kindergartenkuppel zu nehmen und in diese neue, große, unbekannte Welt ziehen zu lassen. Aber es ist schwer für mich – für ihn soll es leicht sein. Ich will mich mit ihm mit freuen. Will ihm nichts, gar nichts von meinen Sorgen, Ängsten, schlechten Erinnerungen mitgeben. Will ihn mutig und tapfer fliegen lassen. Und alles wird gut.

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Everything I do

Wie ich mal mit einer Mittelohrentzündung zum Arzt bin und im CT landete.

Es fing harmlos an, schmerzhaft, aber harmlos. Ohrenschmerzen kann ich jetzt über Ostern echt nicht gebrauchen, dachte ich, und schmiss mir beherzt eine Ibu ein. Als die Ohrenschmerzen heftiger wurden und sich einseitig bis zur Stirn ausweiteten, dachte ich an einen Zug. Als dann das linke Augenlid halb übers Auge hing und sich die Pupille nicht mehr ausweitete, drängte der beste Mann darauf, dass ich zum Arzt gehen sollte.

Fünf Tage, nachdem die Ohrenschmerzen angefangen hatten, Tage, in denen ich vor Schmerzen manchmal nicht wusste, wie ich heiße (mir taten sogar die Haare weh), saß ich dann also beim Arzt meines Vertrauens. Der schaute sich mein Gesicht genau an, machte ein paar Tests und sagte dann, „Sie sind ein neurologischer Notfall“. Mit einem Telefonanruf vereinbarte er für mich einen Termin bei einer Neurologin am nächsten Morgen. Und verschrieb mir stärkere Schmerzmittel.

Bei der Neurologin hatte ich dann recht schnell den ersten diagnostischen Verdacht: Dissektion der Carotis interna. Das dadurch entstandene Hämatom drückte auf den Trigeminus-Nerv, was diese grauenhaften Schmerzen verursacht hat, und das hängende Augenlid. Diese Diagnose wollte sie aber durch eine Kernspintomographie abgesichert haben. Also zur Notaufnahme ins örtliche Krankenhaus.

Die ganze Zeit über hatte ich wenig Angst, meine Hauptsorge galt im Wesentlichen meinem Kind, dass sein Tag reibungslos ablaufen würde, dass er vom Kindergarten abgeholt wird, dass der Nachmittag für ihn normal weitergeht und so weiter. Da die Neurologin meine Frage, ob das ein Tumor sein könnte, sehr sicher mit „nein“ beantwortet hatte, hielten sich meine Sorgen in Grenzen. Etwas Gefährlicheres als einen Tumor konnte ich mir nicht vorstellen.

In der Notaufnahme wurde ich gründlich untersucht, der behandelnde Neurologe war sehr ernsthaft und sehr nett („Gut, dass Sie hier sind. Wir kümmern uns um Sie.“) und veranlasste sehr schnell die Untersuchung im MRT. Und da lag ich dann.

Niemand hatte mir erklärt, was da genau vor sich geht. Niemand hatte mir gesagt, wie lange die Untersuchung dauert, dass das Klopfen, Summen und Brummen zwar extrem laut und unangenehm, aber normal ist. Sie hatten mir versichert, ich käme bis zur Brust in die Röhre. Die Panik kam, als ich bis fast zu den Oberschenkeln drin lag. Ich habe leichte Klaustrophobie, was nicht sehr förderlich ist, wenn man mit fixiertem Kopf in einer körpernahen Röhre liegt. Ich weiß nicht mehr, woran ich gedacht habe in diesen 10 oder 15 Minuten. Ich erinnere mich, dass mir vor Erleichterung die Tränen kamen, als ich wieder draußen war. Und wie kühl und unnahbar die Radiologin war, sie hat kein Wort zu mir gesagt, das hat mich sehr erschüttert.

Der nette Neurologe in der Notaufnahme begrüßte mich dann mit den Worten „kein Tumor, kein Schlaganfall, das ist schon mal gut“, worauf ich erst mal nicht antworten konnte, weil mir die Erleichterung den Hals zuschnürte. Die Lage war trotzdem ernst, so erklärte er mir, denn mit so einer Abspaltung von Hautschichten innerhalb einer Hauptschlagader ist natürlich nicht zu spaßen. Zum ersten Mal wurde mir dann klar, wie knapp ich an einem Schlaganfall vorbeigeschrammt bin. Das Blut hinter dem Spalt gerinnt und bildet Klümpchen, weil es langsamer bewegt wird. Wenn ich nicht zum Arzt gegangen wäre… „ich WILL es mir nicht vorstellen“, sagt der beste Mann. Nein, da hat er wohl mal recht.

Jetzt muss ich Blutverdünner nehmen und den Blutdruck senken, darf nichts Schweres tragen und muss generell auf mich aufpassen. Das Augenlid hängt noch (Horner-Syndrom heißt das) und ab und zu kommen auch die Schmerzen zurück. So ein gequetschter Nerv erholt sich wohl, aber langsam.

Und ich habe Angst. Mein Urvertrauen in meinen so selbstverständlich funktionierenden Körper ist total erschüttert. Woher diese Verletzung in der Schlagader kommt, weiß man nicht. Das ist doch gruselig. Was, wenn das nochmal passiert? Was, wenn die Verletzung größer wird? Oder an anderer Stelle nochmal auftritt? Durch die Blutverdünner, sagt man mir, sei ich geschützt. Aber was anderes kann man nicht tun, ich muss darauf vertrauen, dass mein Körper sich selber heilt, weiß was er tut. In einem halben Jahr wird der Stand der Dinge kontrolliert.

Und als Mutter, ja, da liegt man halt da und denkt an diesen fünfjährigen Buben, der so völlig unbeschwert und sorglos durch sein Leben geht. Der mich so sehr braucht, für den sein ganzes Lebensglück von mir abhängt, dessen Welt in winzigkleine Stücke zerbersten würde, wenn mir etwas zustoßen sollte. Und die Sorge um die Unbeschwertheit des Sohnes wiegt tausendmal schwerer als die Sorge um das eigene Wohlergehen, auch wenn beide untrennbar miteinander verknüpft sind.

Das gehört eben auch zum Elternsein – achtsam umgehen mit sich selbst und dabei nur das Wohl eines kleinen Menschen im Blick haben. Ganz schön schwer.

 

 

Must we label everything?*

Es ist ja derzeit sehr en vogue, über die sogenannten Helikoptereltern herzuziehen. Denn sein Kind „überbehüten“, sei es, dass man es mit dem Auto zur Schule fährt oder sei es, dass man ihm auf dem Spielplatz eine Hand reicht, damit es die nächste Kletterhürde einfacher überwindet –  also über ihm zu schweben wie ein Helikopter (daher der Ausdruck), da ist sich das Internet einig, geht gar nicht. Schnell ist man als „Helikoptermutter“ abgestempelt, und aus dieser Schublade kommt man, Gott bewahre, nie wieder raus.

Ich persönlich kenne keine. Helikoptereltern. Ich kenne Eltern, die sehr ängstlich sind, die sich sehr um ihre Kinder bemühen, „in sie reinschauen“, ich kenne Eltern, die manches nicht erlauben, wo ich keine Bedenken hätte, ich kenne Eltern, die ihren Kindern selbst im knöcheltiefen Wasser Schwimmflügel anziehen oder diese komischen UV-Klamotten die beim Schwimmen vor Sonnenbrand schützen. Na und?

Ich bin selber eine Mutter, die lieber einmal mehr schaut, ob ihr Kind noch schnauft. Ich pfeife mich täglich bestimmt hundertmal zurück und unterdrücke meinen Gluckendrang. Lasse mein Kind bewusst mal selber machen, lass es laufen, spielen, für sich sein. Am liebsten würde ich auch eine Glasglocke über ihn stülpen, er ist das Kostbarste, das ich habe, nicht auszudenken, wenn ihm was passiert.

Aus eigener Erfahrung weiß ich also: Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Seine eigenen Erfahrungen gemacht. Manche haben vielleicht sehr lange auf ihr Kind warten müssen. Andere haben vielleicht schon ein Kind verloren. Wieder andere waren womöglich Zeuge eines schrecklichen Unfalls. Man liest so viel, hört so vieles. Ich kenne die Geschichte einer Familie, deren Kind nachts die Treppe runtergefallen ist und gestorben ist. Bei uns bleibt also das Treppengitter oben noch eine Weile dran – obwohl unser Kind noch nie nachts aufgestanden ist. Trotzdem. Jeder hat seine eigenen Ängste und Sorgen. Ich bin beispielsweise mit einer überbordenden Fantasie gesegnet (manchmal ist sie auch ein Fluch). Wenn ich auch nur anfange, mir auszumalen, was alles passieren könnte… hole ich im Geiste schon die Glasglocke hervor. Tatort schauen geht ja schon fast nicht mehr. Natürlich hat mich mein Kind gelehrt, dass man einfach auch mal Fünfe grade sein lassen muss. Dass ich ihm vertrauen kann, dass er vieles schon alleine kann. Und ich versuche täglich abzuwägen, wo ich ihn begleiten und anleiten muss und wo er selber machen darf und soll. Aber manchmal kann ich einfach auch nicht aus meiner Haut.

Dieses Schubladendenken und die Verunglimpfung der sogenannten „Helikoptereltern“ finde ich traurig. Erstens geht es hier ja um Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern wollen, die es richtig machen wollen, die sich bemühen. Da ist nichts Falsches daran. Und zweitens sind wir doch alle nur Menschen. Wir wollen es alle richtig machen. Und anstatt uns ständig gegenseitig zu kritisieren und zu belächeln und alles besser wissen zu müssen, wäre es für Kinder und Eltern viel konstruktiver und hilfreicher, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, Verständnis füreinander aufbringen, und es vielleicht auch einfach mal dabei belassen, vor der eigenen Haustüre zu kehren.

*Diesen Satz habe ich geklaut. Wo, das verrate ich demnächst, hier in diesem Programm.