Well, that time has passed

„Das können die meinetwegen in ihren eigenen vier Wänden machen, aber doch nicht im Fernsehen!“ Wutentbrannt bricht es aus dem jungen Mann neben mir am Tisch heraus. „Und das bei der heutigen beeinflussbaren Jugend!“

Es geht um den Auftritt von Conchita Wurst und ihren grandiosen Sieg beim Eurovisionscontest im Jahr 2014. „Mein ganzes Land“, so mein Gegenüber, der aus Österreich stammt, „hat sich für  diesen Auftritt geschämt“.

Wenn das so sei, sage ich leise, dann ist das ein Armutszeugnis für dieses Land. Ich bin allerdings überzeugt davon, und sage das auch, dass das ganz sicher nicht so war. Ganz Europa hat diesen Sieg gefeiert, und ich ganz besonders, weil die Eurovision in diesem Jahr in Russland stattfand, einem Land, in dem Homosexuelle nach wie vor angefeindet, verfolgt, eingesperrt und verachtet werden. Das alles sage ich. Danach schweige ich.

Was ich – des Tischfriedens wegen – nicht gefragt habe, war, was mein Gesprächspartner denn fürchte, inwieweit die heutige beeinflussbare Jugend denn so schlimm von einem Travestiekünstler, der in Damenrobe und mit Vollbart so herzzerreißend schön vom Phoenix singt, der aus der Asche aufsteigt, beeinträchtigt werden könne? Fürchtet er, dass künftig die Straßen von kleidertragenden Männern mit Vollbärten bevölkert werden? Abgesehen davon, dass diese Idee lachhaft ist – was wäre denn so schlimm daran (außer das mit den Vollbärten meiner Ansicht nach, aber das wiederum ist ja Geschmackssache)? Was tut den Conchita Wurst gar so Furchtbares, dass man die Jugend vor ihr beschützen muss? Wieso fühlt sich ein junger Mann derart von einem Künstler bedroht, der in Frauenkleidern auftritt? Was stimmt hier nicht?

Besser, als wenn sie Flüchtlingsheime anzünden, denke ich, aber ich sage es nicht.

Ob er wirklich glaubt, dass der Auftritt eines Künstlers „die heutige Jugend“ (wenn ich das schon höre) schwul oder zum Transvestiten machen könne, denke ich, aber ich sage es nicht, sondern schaue nur verstohlen auf das sehr auffällige schwarze Tatoo auf dem Arm des Mannes und frage mich, wer oder was ihn wohl dazu gebracht haben mag. Ich schweige, weil ich in dieser Grundsatzdiskussion so ewig weit ausholen müsste, dass der Nachmittag dazu nicht ausreicht. Ich schweige, weil ich bei meinem Gegenüber eine Wand der Ablehnung, der Vorurteile und der spießigen, kleinbürgerlichen Piefigkeit spüre, die solche Diskussionen so müßig machen. Ich schweige auch, weil ich weiß, dass der Satz, der mir auf der Zunge liegt, möglicherweise die Stimmung ruinieren würde: „In ihren eigenen vier Wänden, ja? Besser noch in ein Lager wegsperren, oder? Dann fallen diese Leute niemandem zur Last. Hatten wir ja alles schon mal.“ Ich sage das nicht. Ich bin hier zu Gast. Ich möchte niemandem vor den Kopf stoßen.

Das Gespräch und auch mein eigenes, feiges Schweigen hallen jedoch in mir nach: Wie froh und glücklich war ich doch über diesen Eurovisions-Sieg. Ich sah darin ein Signal. Ein lang ersehntes Zeichen der Akzeptanz und Toleranz. ENDLICH, dachte ich, endlich sind wir angekommen in einer Zeit, in der jeder sein darf. In der sich niemand mehr verstecken muss, schämen muss, für das, was er ist oder sein möchte. Ich war wirklich überzeugt davon, dass der Spott, die Häme, die Ausgrenzungen und die Anfeindungen jetzt ein Ende haben müssen, oder dass zumindest ein Ende langsam in Sicht kommt. Dieser eigentlich so unbedeutende Sieg einer schillernden Figur in einem Schlagerwettberwerb bedeutete für mich den ultimativen Sieg der Freiheit. Der Freiheit derjenigen, die scheinbar „anders“ sind. Dieser Sieg bedeutete für mich eine Wegebnung für die Integration derjenigen, die „nicht dazu gehören“, „nicht normal“ sind. Für die selbstverständliche! Aufnahme derjenigen in unsere Gesellschaft, die schräg sind, schillernd, bunt, die unser Leben bereichern, unsere Gedanken erfrischen, die unseren Horizont erweitern und einfach dazu gehören, weil sie sind. Conchita Wurst war für mich „das neue NORMAL.“ Wie schön das wäre.

Scheinbar nicht. Heute, vier Jahre später, höre ich von einem Mann, wesentlich jünger als ich, solche Sprüche, und ich denke, wir sind noch lange, lange nicht soweit. Oder nicht mehr? In den vergangenen zwei Jahren habe ich es des Öfteren gedacht: Moment mal. Da waren wir doch aber schon mal drüber weg, oder? Das ist doch jetzt nicht wahr, dass wir diese eigentlich längst abgehakten Themen wieder durchdiskutieren müssen. ODER???

Unterm Strich schwöre ich mir zum hundertsten Mal, dass mein Sohn solche Sprüche nie, niemals von sich geben wird. Weil das einer der wenigen Beiträge ist, die ich leisten kann, um unsere Gesellschaft zu verändern. Und weil er vielleicht in solchen Situationen mutiger ist als ich und nicht bloß denkt und schweigt.

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1000 Fragen – #18

#1, #2, #3, #4, #5, #6, #7, #8, #9, #10, #11, #12, #13, #14 , #15 , #16, #17

361. Was war deine schlimmste Lüge?
Angeblich lügt ja jeder Mensch soundsooft am Tag. Das mag sein. An eine wirklich schlimme, dramatische, bewusste Lüge kann ich mich tatsächlich nicht erinnern. Hab ich vielleicht auch verdrängt. Allerdings denke ich bei dieser Frage daran, dass ich während einer insgesamt fünf Jahre währenden Beziehung mich drei Jahre lang selbst damit belogen habe, dass alles in Ordnung und ich glücklich sei. Damit habe ich vielleicht viel Schaden angerichtet – an mir selbst. Aber ich glaube, so war die Frage nicht gemeint.

362. Erweiterst du deine eigenen Grenzen?
Meinen Horizont, ja, aber meine Grenzen? Die Frage ist mir mal wieder zu allgemein gefasst. Ich müsste jetzt erst mal darüber nachdenken, wo meine Grenzen überhaupt sind. Und allein dies führt ja schon ins Unendliche. Also: Nein, ich denke nicht. Ich ziehe Grenzen, aber ich sehe keinen Anlass, sie zu erweitern. Oder doch manchmal? Wenn ich es mal bewusst tue, lasse ich es Euch wissen.

363. Kannst du gut Witze erzählen?
Ich kann mir jedenfalls keine merken. Mir fällt immer nur der eine ein: Sitzt das Häschen auf der Wiese und onaniert. Kommt der Jäger vorbei und fragt, „findest du das nicht ein bisschen obszön?“ Sagt das Häschen, „und ob das sssön ist.“ Wenn ich den erzähle, lachen immer alle. Aber ob das deswegen ist, weil ich den Witz „gut erzählt“ habe oder weil ich selber immer so lachen muss, das kann ich nicht sagen.

364. Welches Lied handelt von dir?
„You’re a Big Girl Now“ von Black. (Der leider schon gestorben ist, was ich persönlich wirklich sehr traurig finde!) Ich hab es mir gerade wieder mal angehört und Gänsehaut bekommen. Grandios. Hier ist es für euch:

365. Welche kleinen Dinge kannst du genießen?
Jede Zärtlichkeit vom Filius. Jede Umarmung. Jedes freundliche Wort. Jedes Stück Schokolade UND: immer gerne ein Eis. Ein großes Glas mit eiskaltem Gingerino-Mix. Das Lieblingslied im Radio. Den Duft von frischer Wäsche. Ein frisch bezogenes Bett. Die Tasse Kaffee am Nachmittag (gerne mit der bezaubernden Person). To be continued.

366. Wofür darf man dich nachts wecken?
Für Nöte und Sorgen. Alle Arten von Notfällen. Für einen Kuss. Zur Begrüßung/zum Abschied.

367. Was würdest du gern an deinem Äußeren ändern?
Ich hätte gerne schlanke Fesseln. Schon immer.

368. Was soll bei deiner Beerdigung mal über dich gesagt werden?
Schön, dass es sie gab.

369. Lässt du dich leicht zum Narren halten?
Also das kommt vollkommen auf mein Gegenüber an. Es gibt Menschen, die können mich jederzeit und mit jedem Thema hops nehmen und die tun das auch gerne. Andere wiederum durchschaue ich sofort.

370. Was würdest du gerne einmal tun, vorausgesetzt dass es keinesfalls schiefgehen könnte?
In einem Theaterstück mitspielen. Oder in einem MUSICAL! Das wär’s!

371. Muss man immer alles sagen dürfen?
Dürfen schon. Aber man muss nicht immer alles aussprechen.

372. Wem solltest du mehr Aufmerksamkeit schenken?
Den Hausarbeiten/Schulaufgaben des Filius.

373. Kannst du gut loslassen?
Nein. Aber wenn, dann tut’s so gut.

374. Wofür bist du dankbar?
Für mein gutes Leben.

375. Sind Komplimente von Leuten, die du nicht gut kennst, wichtig für dich?
Ich freue mich natürlich über jedes Kompliment. Aber Leute, die ich nicht gut kenne, sind mir grundsätzlich nicht wichtig. Deswegen ist es mir auch nicht wichtig, dass und ob mir fremde Leute Komplimente machen. Allerdings: Neulich, im Restaurant, als ich Schuhe trug, die modisch ein bisschen gewagt sind, habe ich mich über das Kompliment der Kellnerin („tolle Schuhe“) aber schon arg gefreut.

376. Vor welchem Tier hast du Angst?
Vor Stinktieren! Und vor Bären. Gänsen und Schwänen. Vor Schlangen und – leider – auch vor Spinnen.

377. Weswegen warst du zuletzt vollkommen verwirrt?
Es ist schon eine Weile her (fast zwei Jahre), aber bei der Schulanmeldung für den Filius war ich komplett durch den Wind. Ich weiß nicht warum, aber ich war dermaßen aufgeregt, dass es mir nicht gelungen ist, das kleine Bepperle auf die Stelle der Ortsübersicht zu kleben, wo wir wohnen. Ich hab den Plan nicht geblickt. Da das aber wichtig war für die Klassenzusammensetzung (wegen der jeweiligen Schulwege), also sprich: es war mir sehr wichtig, dass der Filius mit dem Nachbarsmädchen in eine Klasse kommt, bin ich nach zwei schlaflosen Nächten in die Schule gegangen und hab das richtig gestellt. Heute kann ich drüber lachen aber damals war das für mich eine große Aufregung – und Verwirrung.

378. Was hast du immer im Kühlschrank?
Milch, Butter, Eier, Marmelade, Meerrettichfrischkäse, Salami, Käse, Prosecco.

379. Genierst du dich dafür, dass du bestimmte TV-Sendungen schaust?
Hahaha! Nö. Kein bisschen. Warum auch? I’m a big girl now. Ich bin bekennendes Shopping-Queen Fangirl.

380. Wann hattest du die beste Zeit deines Lebens?
Der beste Mann sagt ja immer, ich soll das nicht immer so betonen. Aber. Als ich mich im Jahr 2002 aus dieser zufällig oben erwähnten Beziehung löste und mit dreißig Jahren zum ersten Mal alleine eine Wohnung bezog, begannen für mich die wunderbaren Jahre. Die Wohnung war groß und sehr hell und wirklich schön. Ich hatte meinen Kater Pierosch. Und ich war FREI. Mein Papa war noch gesund. Ich denke sehr, sehr gerne an diese Zeit zurück, weil sie so unbeschwert und mit sehr viel Spaß verbunden ist. Ausgehspaß, Partyspaß, ich hatte meinen grünen Lupo und meine DVD-Sammlung und eine beste Froindin, jeder erste Freitag im Monat war LaBoum im Perkins Park, donnerstags war After Work im P+K, ich hab mir mit nach Haus genommen, wen ich wollte und das Leben war sorglos und leicht. Und in dieser Zeit hab ich auch den besten Mann kennen gelernt. Also.

DAS ALLES BEDEUTET NATÜRLICH NICHT, DASS MEIN LEBEN HEUTE NICHT FANTASTISCH IST! (siehe Frage Nr. 374.)

Sometimes, only sometimes, I question everything

Das Leben, wie es so seinen Lauf nimmt, lehrt einen ja vieles. In den letzten Wochen wurde ich – nicht zum ersten Mal – daran erinnert, dass man sich niemals nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen soll. „Sei wachsam“, singt Reinhard Mey (in einem anderen Zusammenhang, aber nichtsdestoweniger), und er hat so recht.

Sei wachsam, innerhalb deiner Beziehungen, Freundschaften und bei deiner Arbeit. Verlass dich nicht auf den Status Quo. Niemand ist berechenbar und Dinge und Verhältnisse, die du für selbstverständlich und gesetzt hältst, können morgen schon erschüttert sein. Sei wachsam und bleibe ständig „in progress“. Halte den Kontakt zu deinen Leuten! Es genügt nicht, jemanden einfach zu mögen. Man muss es ihm ab und zu sagen. Manchmal muss man auch ein Vertrauensverhältnis hinterfragen. Manchmal wird ein selbstverständlich angenommenes Vertrauen bis auf die Grundmauern erschüttert. Dann muss man es wieder aufbauen, wenn einem was an der Freundschaft liegt. Das alles ist Arbeit, die getan werden muss, wenn man Beziehungen zu anderen Menschen pflegt. Vom Nichtstun wird nix besser.

Freundschaften, manche zumindest, sind, daran wurde ich in den letzten Wochen erinnert, ein gläsernes, zerbrechliches Konstrukt. Missverständnisse, nicht Gesagtes, zuviel Gesagtes – all das kann eine Freundschaft nachhaltig verletzen. Eitelkeiten, Egos, Ich-Bezogenheit – das alles sind Feinde einer guten Freundschaft. Eine sehr liebe, langjährige Freundin hat mir einmal einen Ratschlag ihrer Therapeutin mitgegeben: „Treten Sie einfach mal einen Schritt zurück“. Soll heißen: Wenn man nicht weiter weiß, hilft es meistens, sich selber aus einer Situation raus zu nehmen und diese von außen zu betrachten. Ich habe mir das angewöhnt. Und siehe da: In 99 von 100 Fällen ist es so, dass ich sofort als erstes erkennen kann, was ICH in der Situation falsch gemacht habe und auch, was ich tun kann, um schief Gelaufenes wieder gerade zu richten. Manchmal hilft es tatsächlich, gar nichts zu sagen bzw. gar nicht zu reagieren und sich einfach zu beruhigen. Ich erinnere mich beispielsweise gerne zuerst mal an meine persönlichen Umstände (hoher Blutdruck, schlecht oder zu wenig geschlafen, andere Sorgen, die mich bedrücken) und in dem Moment, in dem ich mir meine (Über-)Empfindlichkeit eingestehen kann, ist der ganze Dampf raus, und ich muss mein Gegenüber gar nicht mehr anpflaumen. Nur so als Beispiel.

Anders sieht es natürlich aus, wenn man wirklich verletzt wird, passiert eben leider auch ab und an, wir sind ja alle nur Menschen. Wenn man zu Unrecht beschuldigt oder angeklagt wird. Wenn das Gegenüber sein eigenes Süppchen kocht und ohne Rücksprache zu Ergebnissen kommt, die mit meiner Wirklichkeit gar nichts mehr zu tun haben. Dann wird es komisch, denn ein Vertrauensbruch – ein Sich-nicht-anvertrauen gilt ebenso als solcher – ist schwer zu kitten. Was tun, wenn ein Freund, eine Freundin einen Verrat unterstellt und diese Unterstellung einen bis aufs Fundament erschüttert? „Treten Sie einen Schritt zurück“, ja, und was tun, wenn ich auf meiner Seite keine Verantwortung erkennen kann? Einen Schritt zurück bleiben. Das Gespräch suchen und reden, reden, reden. So denke ich.

Jedenfalls. Das alles mag ein bisschen wirr klingen und aus dem Zusammenhang heraus keinen Sinn ergeben. (Hinweis an dieser Stelle: Ich schreibe hier nicht über meine Partnerschaft/Familie, es ist alles bestens, danke.) Ich schreibe dies auf, weil ich das alles im Alltag selber gern mal vergesse. Wachsam zu sein, nach meinen Leuten zu schauen, Konflikte zu lösen, am besten bevor sie erst entstehen. Mich selber mitzuteilen (niemand kann Gedanken lesen!), Missverständnisse aus dem Weg räumen. Auch mal Unbequemes ansprechen. All das lass ich selber nur all zu gerne schleifen. Bis einem dann, BOOOM, alles um die Ohren fliegt. Und im schlimmsten Fall ist es dann zu spät.

Seid wachsam.

 

1000 Fragen – #15

#1, #2, #3, #4, #5, #6, #7, #8, #9, #10, #11, #12, #13, #14

281. Malst du oft den Teufel an die Wand?
Ganz so weit würde ich nicht gehen. Aber ich male mir oft die schlimmstmöglichen Situationen aus. Dann bekomme ich schlechte Laune und schimpfe mit mir selber.

282. Was schiebst du zu häufig auf?
Sport.

283. Sind Tiere genauso wichtig wie Menschen?
Was heißt „wichtig“? Tiere haben sicherlich dieselbe Daseinsberechtigung wie Menschen. Dass wir Tiere essen, steht dabei für mich nicht unbedingt im Widerspruch; die Nahrungskette ist unter Tieren ja auch nicht vegetarisch.

284. Bist du dir deiner selbst bewusst?
Ja, wieder. Wenn man ein Kind bekommt, vergisst man sich in den ersten, betreuungsintensiven Jahren ja gern mal ein bisschen. Das Selbst-Bewusstsein wieder zu erlangen, ist Arbeit.

285. Was war ein unvergesslicher Tag für dich?
Jeder, an dem ich mit lieben Menschen umgeben war. Jeder, an dem ich aus vollem Herzen gelacht habe. Jeder, an dem jemand zu mir gesagt hat, dass er mich mag. Jedes jährliche Kusinentreffen seit 11 Jahren. Es gibt nicht „den einen“ unvergesslichen Tag für mich – ich schätze mich glücklich, zu sagen, dass ich bisher in meinem Leben auf eine ganze Reihe unvergessliche Tage zurückblicken darf. Wie eine Perlenkette.

286. Was wagst du dir nicht einzugestehen?
Auf diese Frage habe ich keine Antwort.

287. Bei welcher Filmszene musstest du weinen?
Oh, bei vielen. Gestern erst wieder beim Ende von „Vaiana“. DU BESTIMMST, WER DU BIST. Bei dieser Botschaft kommen mir schnell die Tränen. Ich heule aber auch immer wieder bei Love, Actually. Je nach Gemütszustand und Hormonstatus hab ich auch schon bei Merci-Werbespots geheult. Ich heule schnell.

288. Welche gute Idee hattest du zuletzt?
Fürs Kusinentreffen eine Neckarfloß-Fahrt zu buchen. Das war ein ganz wundervolles ur-Tübinger Erlebnis.

289. Welche Geschichten würdest du gern mit der ganzen Welt teilen?
Da fällt mir spontan wirklich keine ein. Wenn der Fall eintritt, schreib ich endlich ein Buch.

290. Verzeihst du anderen Menschen leicht?
Kommt drauf an, was vorgefallen ist und wie die anderen mit dem Vorgefallenen umgehen. In dem Moment, in dem sich jemand bei mir entschuldigt oder um Verzeihung bittet, bin ich sofort bereit. Ich würde niemals eine ausgestreckte Hand zurückweisen, weil ich weiß, wie weh das tut.

291. Was hast du früher in einer Beziehung getan, tust es heute aber nicht mehr?
Auf Konfrontation gehen. Heute warte ich lieber ab. Das altbewährte „eine Nacht drüber schlafen“ wirkt Wunder.

292. Was hoffst du, nie mehr zu erleben?
Die Frage gab es doch irgendwie auch schon mal. Ich möchte nicht mehr in ein CT müssen und ich möchte keine Prüfung mehr schreiben oder ablegen müssen.

293. Gilt für dich das Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“?
Kommt drauf an. Wenn es mich was angeht, muss ich es schon wissen. Auch was den Filius betrifft, möchte ich lieber informiert sein.

294. Wie wichtig ist bei deinen Entscheidungen die Meinung anderer?
Ich höre mir sie gerne an, weil es manchmal erhellend ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Entscheiden werde ich letztendlich aber nach meinem eigenen Bauchgefühl.

295. Bist du ein Zukunftsträumer oder ein Vergangenheitsträumer?
Beides. Manchmal ist es sehr hilfreich, Situationen aus der Vergangenheit neu zu erfinden, um damit abschließen zu können oder um sie in eine positive Richtung zu lenken. Das Unterbewusstsein lässt sich, so habe ich es mal gelesen, austricksen, und manche Erlebnisse sind dann weniger belastend.

296. Nimmst du eine Konfrontation leicht an?
Ja, aber nicht gerne.

297. In welchen Punkten unterscheidest du dich von deiner Mutter?
Ich bin sehr häuslich (im Sinne von „hausfraulich“), das war meiner Mutter verpönt. Meine Mutter trägt, seit sie erwachsen ist, Größe 38, bei mir schwankt die Kleidergröße seit Jahrzehnten. Ich bin sehr emotional, meine Mutter eher sachlich.

298. Wo bist du am liebsten?
Daheim.

299. Wirst du vom anderen Geschlecht genug beachtet?
„Genug“ für wen? Welche Art der Beachtung ist gemeint? Mich interessiert diese „Beachtung“ nicht mehr so sehr. Das hört sich jetzt wahnsinnig abgeklärt und selbstbewusst an, ist aber meiner Ansicht nach eine logische Konsequenz von 14 Jahren Beziehung, 5 Jahren Ehe und einem Kind. Anders ausgedrückt: Ich habe keine Zeit für diesen Scheiß. Im Freundeskreis finde ich, ja, bekomme ich ausreichend „Beachtung“ vom anderen Geschlecht. Was auch immer das heißen mag.

300. Was ist dein Lieblingsdessert?
Schokoeis mit Sahne und Eierlikör. Affogato. Panna Cotta. Schokopudding. Rote Inge. Heiße Liebe. Ach egal, her damit!

 

1000 Fragen – #12

#1, #2, #3, #4, #5, #6, #7, #8, #9, #10, #11

221. Gibt es Freundschaft auf den ersten Blick?
Na klar.

222. Gönnst du dir selbst regelmäßig eine Pause?
Ja, das mache ich tatsächlich. Und inzwischen auch ohne schlechtes Gewissen.

223. Bist du jemals verliebt gewesen, ohne es zu wollen?
Verliebt sein wird ja nicht von wollen oder nichtwollen gesteuert. Und ich hab mich nie gegen das Verlieben wehren wollen – ist doch schön. Also ja, immer.

224. Steckst du Menschen in Schubladen?
Ich versuche es nicht zu tun. Und wenn ich merke dass ich das tue, dann versuche ich, die Schublade wenigstens offen zu lassen. Wichtig ist, dass man es erkennt, glaube ich, und demjenigen die Chance lässt, die Schublade zu ändern bzw. zu öffnen.

225. Welches Geräusch magst du?
Meeresrauschen. Die Stimme vom Filius.

226. Wann warst du am glücklichsten?
Jetzt.

227. Mit wem bist du gern zusammen?
Mit meiner Familie. Mit der Gang. Mit mir selber.

228. Willst du immer alles erklären?
So pauschal kann ich das nicht beantworten. Wenn ich gefragt werde, erkläre ich gerne. Wenn ich das Gefühl habe, missverstanden zu werden, erkläre ich gerne.

229. Wann hast du zuletzt deine Angst überwunden?
Heute Morgen, als ich den Filius zur Schule los schickte. (Hinweis: Es ist MEINE Angst, die ich jedes Mal aufs Neue überwinden muss, nicht seine. Und ich zeige sie nicht.)

230. Was war deine größte Jugendsünde?
Pah. Ich war so eine brave, angepasste, unauffällige Jugendliche. Da gab’s keine Sünden. Da nicht *chchch*.

231. Was willst du einfach nicht einsehen?
Dass „man“ ab einem bestimmten Alter bestimmte Dinge nicht mehr tun darf.

232. Welche Anekdote über dich hörst du noch häufig?
Oh, da könnt Ihr meinen „kleinen“ Cousin gerne fragen. Es geht da um unseren Trip mit der Oma nach den USA und um einen kleinen, blinden Hund namens „Tucker“.

233. Welchen Tag in deinem Leben würdest du gern noch einmal erleben?
Jeden, an dem ich getanzt habe. Jeden, an dem ich geküsst habe.

234. Hättest du lieber mehr Zeit oder mehr Geld?
Zeit.

235. Würdest du gern in die Zukunft schauen können?
Lieber nicht.

236. Kannst du gut deine Grenzen definieren?
Ich glaube, inzwischen ja. Also definieren schon. Mit dem Kommunizieren, da hapert’s noch ein bisschen.

237. Bist du jemals in eine gefährliche Situation geraten?
Ich glaube vor zweieinhalb Jahren, als ich mir diesen Riss in der Schlagader zugezogen habe. Das hätte ziemlich gefährlich werden können.

238. Hast du einen Tick?
Ich weiß zu jeder Situation einen Song. Und wenn ich gut gelaunt bin, hau ich den auch raus.

239. Ist Glück ein Ziel oder eine Momentaufnahme?
Ein Zustand.

240. Mit wem würdest du deine letzten Minuten verbringen wollen.
Mit jemandem, den ich mag und der es aushalten kann, in diesen Minuten bei mir zu sein.

Dankbar #1

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie.

„Einfach mal dankbar sein“ habe ich neulich ins Internet geschrieben. Viele meiner Facebook-Freunde haben dafür den Daumen nach oben gestreckt. Und ich dachte mir, warum  nicht darüber schreiben. Derzeit bewegt mich eine sehr große Dankbarkeit für die Menschen, die um mich herum sind.

Wir wohnen noch nicht sehr lange an diesem Ort, wo wir jetzt wohnen. Erst seit Januar 2013. Als wir uns dafür entschlossen, diesen Bauplatz zu kaufen und unsere Zelte hier aufzuschlagen, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Es gibt hier nicht viel, eine Apotheke, einen Bäcker, eine Post. Aber wir sind ja mobil. Kindergarten und Schule hat es, das fand ich wichtig. Und nette Nachbarn, das wussten wir seit der Grundstücksbesichtigung, würden wir auch bekommen. Und ich würde durch verschiedene Krabbelgruppen sogar schon ein paar Leute hier kennen. Was will man mehr? Es kam besser.

Unser Kind kam in den Kindergarten und nach und nach lernten wir die anderen Kinder und Eltern kennen. Man hatte den gleichen Fußweg, kam ins Gespräch, die Kinder verstanden sich gut, verabredeten sich zum Spielen. Auf dem Heimweg hieß es dann immer öfter, „kommst du noch auf einen Kaffee mit rein?“, die Gespräche wurden vertraulicher, der Umgangston herzlicher. Eines Tages kam dann eine bezaubernde Person aus der Runde auf die Idee, am Pädagogischen Tag (sprich: es findet keine Kindergartenbetreuung statt) ein gemeinsames Frühstück zu organisieren. Das bedeutet im Klartext: Ungefähr 12 Mütter mit im Durchschnitt 2 Kindern. An einem Tisch. Was für ein fröhlicher, lauter, bunter Haufen! Diese gemeinsamen Vormittage wurden zum Selbstläufer. Kann man es sich schöner wünschen? Es wurde besser.

Irgendwann kamen ja dann auch noch die jeweiligen Papas und Männer dazu. Und was soll man sagen? Auch die verstanden sich blendend. Spätestens, als der eine (sicher nicht zufällig der Mann der bezaubernden Person) am Kindergartensommerfest eine Kühlbox mit kalten Bierflaschen beisteuerte, war jegliches Eis gebrochen. Seither denke und sage ich jedes Mal, wenn wir in irgendeiner Form zusammen kommen: „Hach, wir sind einfach so eine tolle Truppe!“ Und am besten beschreibt es wohl der Kommentar eines Ehemanns, der uns von oben zum Elternabend antraben sah: „Ach, da kommt ja deine Gang.“ Und genau so fühlt es sich an.

Natürlich geht es nicht nur um Spaß (Alkohol! Karaoke! Party!). Wir sind auch füreinander da. WhatsApp macht’s möglich – ist eine in einer Notlage, sind gleich fünf andere zur Stelle – mit dem passenden Medikament, mit dem guten Ratschlag, mit der schnellen Besorgung. Kann eine grad ihre Kinder nicht rechtzeitig abholen oder muss länger im Büro bleiben – eine findet sich immer, die die Kinder mitnimmt. Kinonachmittage, gemeinsame Freibadbesuche, Theaterfahrten, Spielplatztreffen. Selbst das Schwimmen haben unsere Kinder bei der besten Schwimmlehrerin der Welt – natürlich einem Gangmitglied – gelernt. Sorgen, Nöte, Alltagsprobleme – wir können über alles sprechen. Keine wird verurteilt, niemand lästert hinter dem Rücken der anderen, ganz ehrlich – wenn man so eine Clique im Fernsehen zeigen würde, es würde einem ja gar keiner glauben.

Kann man bei so einem Zusammentreffen von ausnahmslos netten, unkomplizierten, lustigen, klugen, hilfsbereiten, freundlichen und mitfühlenden Menschen von einer Selbstverständlichkeit sprechen? Nein. Es ist einfach ein großes, unendlich großes Glück, für das ich gar keine Worte finde. Ich fühle mich so gut aufgehoben und sicher. Geborgen inmitten einer Gruppe Menschen, die alle auf meiner Welle schwimmen. Mit denen zusammen sich richtig was auf die Beine stellen lässt und mit denen man es auch ordentlich krachen lassen kann. Ab und zu.

Besser geht es nicht.

Dafür bin ich dankbar.

 

 

Where we’ve got holes, we’ve got holes but we carry on

Dieses Jahr jährt sich dein Todestag zum zehnten Mal. Du bist seit zehn Jahren nicht mehr da.

Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Aktzeptanz. Nach einer Weile hatte ich geglaubt, dass die Akzeptanz bleibt, dass man damit lebt, was soll man auch machen. Wir mussten dich gehen lassen, ich musste dich gehen lassen, zu schwer war alles geworden. Du wurdest immer weniger. Und dann warst du nicht mehr da. Die Welt stand still und das Leben ging weiter.

Der Schmerz, der deine Lücke füllt, ist immer da. Manche Wunden heilt die Zeit nicht. Wohl habe ich gelernt, ihn hinter eine Türe zu packen. Meistens ist alles ganz normal. Der Schmerz ist zwar da, ich weiß wie er aussieht und sich anfühlt, aber er ist hinter der Türe und ich lebe mit ihm, weil er halt jetzt dazu gehört. Nur manchmal, so wie heute, geht die Türe auf – weil ich jemanden treffe, der so aussieht wie du, der so einen Pulli trägt, wie du ihn gerne trugst, einen Opa, der liebevoll seine Enkelin in den Kindergarten bringt, so wie du es getan hättest, wenn es dir vergönnt gewesen wäre. Oder wenn unser Vorschüler in der Vorweihnachtszeit Ausstecherle backt und völlig versunken aus vollem Herzen „In der Weihnachtsbäckerei“ anstimmt und mir nach der zweiten Zeile die Stimme wegbleibt, weil der Kloß in meinem Hals zu groß wird und sie mir erstickt.

Dann geht die Türe auf und der Schmerz überrollt mich wie eine Lawine, er lähmt mich, trifft mich mit voller Wucht. Ich kann ihn nicht wegdrücken, kann ihn nicht ignorieren, ich muss ihn über mich ergehen lassen. Ich heule wie ein kleines Kind und stehe gleichzeitig neben mir und denke, wie kann das sein. Zehn Jahre.

Täglich denke ich an dich. Oft habe ich dich vermisst. An Weihnachten. An den Familientreffen. Bei unserem Häuslesbau. Deinen Rat, deine Musik, deine witzigen Sprüche, deinen Humor. Aber nichts tut so weh, nichts zerreißt mein Herz mehr, nichts macht mich hilfloser als der Gedanke daran, dass du deinen Enkel nicht kennen durftest. Dass er diesen Opa nicht erleben darf. Weil ich weiß, wie viel Freude ihr aneinander gehabt hättet. Wie sehr du diesen aufgeweckten, lustigen, fröhlichen kleinen Kerl genossen hättest, der schon lesen kann, der Fußball liebt, Tiere und die Musik. Wie stolz du auf ihn gewesen wärst an seinem ersten Schultag im September. Mein Schmerz über diese Ungerechtigkeit ist so groß, dass ich so lange schreien möchte, bis mir die Lunge reißt. Stattdessen sitze ich da und spüre mein Herz bleischwer in meiner Brust, das in tausend Stücke zerspringt, und wünsche, wünsche so sehr. Und so vergeblich.

Denn es gibt keinen Trost. Es gibt nichts was es leichter macht. Ich kann nichts tun als diesen Schmerz aushalten und warten, bis die Welle über mich hinweggerollt ist.

Dann mache ich die Türe wieder zu. Und erzähle meinem Sohn von seinem Opa Hartmut. Und singe mit ihm „Guantanamera, häng deine Quanta ins Meer na“, so wie er es vielleicht getan hätte.

Take comfort in your friends

„Ich bin so traurig“, sagt sie. Vier kleine Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Es ist fast dasselbe Gefühl, wie wenn mein Kind in Not ist und ich nicht gleich helfen kann. Ich spüre ihren Schmerz. Ich sehe sie an. So viele Jahre, die wir uns schon kennen. Sie ist die Freundin zum Pferde stehlen, die, die immer da ist, ein Energiebündel, die immer nach vorne treibt. Ich habe sie fröhlich erlebt, stinkesauer, ausgelassen, ratlos. Wir haben zusammen gelacht und geheult, gelästert und getratscht. Unsere Neugeborenen bewundert. Unsere jeweiligen Lebensphasen begleitet. Richtige Probleme besprochen und Pläne geschmiedet. Unsere Träume geteilt. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir halten uns immer auf dem Laufenden.

Aber „Traurig“ ist neu. „Traurig“ kenne ich bei ihr nicht. Mit „Traurig“ kann ich nicht umgehen.

Ich versuche Worte zu finden, zuversichtliche, tröstende. Mir fallen keine ein. Ich lege meine Hand an ihre Wange, so weich, streichele sie kurz, wie ich es bei meinem Sohn mache, wenn ich ihn tröste. Ich schaue ihr in die Augen. Die Sätze, die aus meinem Mund kommen wollen, kommen mir wie fade, abgedroschene Floskeln vor. Sie zerfallen zu Staub, bleiben mir im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was ich für sie tun kann. „Es tut mir so leid“, sage ich. „Es wird wieder besser, ganz bestimmt“. Sie nickt. Sie will mir gerne glauben. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie gerne ich sie in diesem Moment habe.

Wir gehen zum Parkplatz. Wir verabschieden uns. Ich nehme sie in den Arm. „Ich bin immer für dich da“, sage ich und meine es genau so. „Danke“, sagt sie, und meint es auch so. Dann geht sie. Stolz und schön und ganz allein. Sie dreht sich nicht nach mir um. Ich hoffe, dass ihre Traurigkeit ein bisschen leichter wiegt, weil ich sie mit ihr trage.

„Traurig“ wiegt plötzlich tausend Tonnen.

I thank you… for showing me home

Meine Oma war eine starke Frau. Nach dem Krieg musste sie ihre beiden Kinder alleine durchbringen, hat immer gearbeitet, bis ins hohe Alter. Sie musste (wie so viele aus dieser Generation) auf vieles verzichten. Durch ihr beschwerliches Leben und das viele Alleinsein wurde sie im Alter ein bisschen schrullig, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen unbequem. Aber für uns war sie immer die weltbeste Oma.

Sie hat lange Zeit in einer Annahmestelle einer Reinigung gearbeitet. Wann immer ein Kunde mit einem besonders schönen, neuen, glänzenden Geldstück bezahlt hat, hat sie dieses ausgetauscht und für uns zur Seite gelegt. Wenn sie zu Besuch kam (und das war oft), hat sie uns diese Geldgeschenke (2 DM- oder 5 DM-Stücke) auf kleine Kärtchen geklebt, mit lustigen Aufklebern und kleinen Bildchen. Obwohl sie selbst mit einem winzigen Einkommen leben musste, kam sie nie mit leeren Händen. Sie hat uns Kirschsaft mitgebracht, Wibele, frisches Obst vom Markt, die besten Kekse.

Wenn meine Oma bei uns übernachtet hat, damals noch in der Mietwohnung, im Wohnzimmer auf dem Sofa, hat sie nie den Rolladen runter gemacht. „Wenn ich morgens aufwache, muss ich den Himmel sehen“, hat sie immer gesagt.

Eine Zeit lang durften mein Bruder und ich ein- bis zweimal im Monat samstags bei ihr übernachten. Meine Eltern hatten dann Kegelabend oder sowas. Wir durften dann im Fernsehen anschauen, was wir wollten (es gab ja eh nur 3 Programme), meist war das dann eine Samstag-Abend-Show wie „Auf Los geht’s Los“, „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass…?“, damals noch mit Frank Elstner. Wir durften die Sendung immer bis zu Ende sehen. Dann haben wir gemeinsam in ihrem Schlafzimmer im großen Doppelbett geschlafen, meine Oma ist auf die Couch ausgezogen. Noch heute sage ich mit meinem jetzt 5-Jährigen den Gute-Nacht-Spruch, den meine Oma immer mit uns aufgesagt hat: „Schlaf gut und gsund und kugelrund, bis morgen früh dein Kaba kommt“. Nur das Wort „Kaba“, das ersetzen wir durch „Nutellabrot“.

Morgens haben wir immer noch ewig mit den riesigen Federbetten im Bett gespielt. Zum Frühstück hat mir meine Oma einen Kaba mit Sahne gemacht – die Sahne hat sie mit so einem Handschneebesen steif geschlagen. Nirgendwo hat mir Schlagsahne besser geschmeckt als auf der Eckbank bei meiner Oma, in meiner Tasse mit heißem Kaba.

Samstagnachmittags hat meine Oma gebadet und ich durfte dabei zusehen, wenn ich wollte. Sie hatte so eine Badewanne mit Füßchen. Sie hat Litamin-Badeschaum verwendet und nach dem Baden hat sie sich so kalte Güsse gemacht (vom Herzen weg, zum Herzen hin, ich habe es mir nicht merken können) und sich eingecremt. Von ihrem winzigen Badezimmerfensterchen aus konnte  man die schwäbische Alb sehen. Oft hat sie einen kleinen Hocker für mich geholt und mir die einzelnen Berge gezeigt (Achalm, Roßberg, Mägdeberg), und beim nächsten Mal wusste ich wieder nicht, welcher Berg wie heißt.

Wenn wir Brettspiele gespielt haben hat sie eine große Tasche mit Clipverschluss aus dem Spieleschrank geholt, da waren alle Spielfiguren drin. Ich habe oft auch einfach nur mit den Figuren gespielt. Ein Set war ein winziges Spielfigurenset aus buntem Glas, das habe ich besonders geliebt. Meine Oma hatte auch ein Pochbrett und dazu ein Säckchen mit bunten Bohnen. Und ein Schiebespiel aus Blech. Die alte Puppe meiner Mutter samt Puppenwagen war auch noch da. Ich habe nicht so gerne mit ihr gespielt, weil sie so komisch gerochen hat. Aber fasziniert hat sie mich doch.

Wenn dann unsere Eltern kamen, um uns abzuholen, ist meine Oma immer die 3 oder 4 Stockwerke mit uns mit nach unten gegangen bis zum Auto. Dort habe ich darauf bestanden, dass sie mir von einem der Ahornbäume, die an den Parkplätzen gepflanzt waren, ein Blatt abpflückt. Erst dann wollte ich mich verabschieden.

Einmal, im Jahr 1997, war ich unterwegs in den USA mit Freunden. Wir fuhren in einem Van, ich saß ganz hinten. Und ich dachte zufällig an meine Oma und wie sie mir einmal erzählte, dass sie zwar nicht an Gott glaubt, aber doch jeden Abend und jeden Morgen an uns (das heißt, an meine Eltern, meinen Bruder und mich) denkt und – wen auch immer – darum bittet, uns zu beschützen. Just in diesem Moment, ich schwöre, dass das so passiert ist, fuhr das Auto durch eine große Pfütze und kam durch Aquaplaning von der Fahrbahn ab, drehte sich ein paar Mal und landete im Graben. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass der von meiner Oma erbetene Schutz  in diesem Moment gewirkt hat.

Ich habe meiner Oma mal zu Weihnachten ein Kissen bestickt, mit ihrem Namen. Das Kissen hat sie sehr gerne gehabt, sie hatte es auch bei ihrem Tod bei sich. Das „Oma-Li“-Kissen ist eines der wenigen Dinge, die ich noch von ihr besitze und ich habe es gern als Fernsehkissen. Ich denke sehr oft an sie; immer mit einem Lächeln.

Meine Oma wäre in diesem Monat 104 Jahre alt geworden. Ich wünsche ihr sehr, dass sie es gut hat, da wo sie jetzt ist.

 

10 Random Facts About Me

Das ist so ein Stöckchendingens. Ich hab es zwar nicht zugeworfen bekommen, dafür bin ich mit Sicherheit ein viel zu kleiner Fisch im Bloggermeer, aber hey, so ein Stöckchen darf man sich ja auch einfach mal schnappen. Here goes, 10 Dinge, die man über mich wissen darf:

  1. Ich lese jeden Tag die Todesanzeigen in der Zeitung. Manchmal bin ich von den Texten so berührt, dass ich heulen muss, aber so richtig. Ich weiß nicht, warum ich das tue, war aber schon immer so.
  2. Wenn ein von mir geliebtes Produkt aus dem Verkauf genommen wird, bringt mich das total aus der Fassung. Ganz schlimm ist das bei Kosmetik-Produkten. Ich trauere heute noch einem Eyeliner hinterher, der vor bestimmt 10 Jahren aus den Regalen verschwand. Bis heute hab ich keinen gescheiten Ersatz gefunden.
  3. Der Erholungsfaktor eines Urlaubs misst sich bei mir an der Anzahl der gelesenen Bücher. Ich glaub mein Rekord liegt bei 11 Büchern in 10 Tagen.
  4. Ich gehe sehr ungern und äußerst selten ungeschminkt aus dem Haus. Außer im Urlaub.
  5. Der weltbeste Song aller Zeiten und der noch kommenden ist für mich „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode.
  6. Wenn ich nicht morgens direkt nach dem Aufstehen unter die Dusche gehe, empfinde ich diesen Prozess als wahnsinnigen Zeitfresser.
  7. Singen ist für mich wie Atmen. Mein Umfeld hat es nicht immer leicht.
  8. Aus unerfindlichen Gründen kann ich mir jegliche Songtexte mit Leichtigkeit merken. Gefühlt habe ich eine Million Texte in meinem Hirn gespeichert. Schade dass man damit kein Geld verdienen kann.
  9. Ich liebe Käsekuchen. Am besten mit Mohn. Und Streuseln.
  10. Über Slapstick kann ich Tränen lachen. Je.Des.Mal.

Und Ihr so?