Dankbar #1

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie.

„Einfach mal dankbar sein“ habe ich neulich ins Internet geschrieben. Viele meiner Facebook-Freunde haben dafür den Daumen nach oben gestreckt. Und ich dachte mir, warum  nicht darüber schreiben. Derzeit bewegt mich eine sehr große Dankbarkeit für die Menschen, die um mich herum sind.

Wir wohnen noch nicht sehr lange an diesem Ort, wo wir jetzt wohnen. Erst seit Januar 2013. Als wir uns dafür entschlossen, diesen Bauplatz zu kaufen und unsere Zelte hier aufzuschlagen, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Es gibt hier nicht viel, eine Apotheke, einen Bäcker, eine Post. Aber wir sind ja mobil. Kindergarten und Schule hat es, das fand ich wichtig. Und nette Nachbarn, das wussten wir seit der Grundstücksbesichtigung, würden wir auch bekommen. Und ich würde durch verschiedene Krabbelgruppen sogar schon ein paar Leute hier kennen. Was will man mehr? Es kam besser.

Unser Kind kam in den Kindergarten und nach und nach lernten wir die anderen Kinder und Eltern kennen. Man hatte den gleichen Fußweg, kam ins Gespräch, die Kinder verstanden sich gut, verabredeten sich zum Spielen. Auf dem Heimweg hieß es dann immer öfter, „kommst du noch auf einen Kaffee mit rein?“, die Gespräche wurden vertraulicher, der Umgangston herzlicher. Eines Tages kam dann eine bezaubernde Person aus der Runde auf die Idee, am Pädagogischen Tag (sprich: es findet keine Kindergartenbetreuung statt) ein gemeinsames Frühstück zu organisieren. Das bedeutet im Klartext: Ungefähr 12 Mütter mit im Durchschnitt 2 Kindern. An einem Tisch. Was für ein fröhlicher, lauter, bunter Haufen! Diese gemeinsamen Vormittage wurden zum Selbstläufer. Kann man es sich schöner wünschen? Es wurde besser.

Irgendwann kamen ja dann auch noch die jeweiligen Papas und Männer dazu. Und was soll man sagen? Auch die verstanden sich blendend. Spätestens, als der eine (sicher nicht zufällig der Mann der bezaubernden Person) am Kindergartensommerfest eine Kühlbox mit kalten Bierflaschen beisteuerte, war jegliches Eis gebrochen. Seither denke und sage ich jedes Mal, wenn wir in irgendeiner Form zusammen kommen: „Hach, wir sind einfach so eine tolle Truppe!“ Und am besten beschreibt es wohl der Kommentar eines Ehemanns, der uns von oben zum Elternabend antraben sah: „Ach, da kommt ja deine Gang.“ Und genau so fühlt es sich an.

Natürlich geht es nicht nur um Spaß (Alkohol! Karaoke! Party!). Wir sind auch füreinander da. WhatsApp macht’s möglich – ist eine in einer Notlage, sind gleich fünf andere zur Stelle – mit dem passenden Medikament, mit dem guten Ratschlag, mit der schnellen Besorgung. Kann eine grad ihre Kinder nicht rechtzeitig abholen oder muss länger im Büro bleiben – eine findet sich immer, die die Kinder mitnimmt. Kinonachmittage, gemeinsame Freibadbesuche, Theaterfahrten, Spielplatztreffen. Selbst das Schwimmen haben unsere Kinder bei der besten Schwimmlehrerin der Welt – natürlich einem Gangmitglied – gelernt. Sorgen, Nöte, Alltagsprobleme – wir können über alles sprechen. Keine wird verurteilt, niemand lästert hinter dem Rücken der anderen, ganz ehrlich – wenn man so eine Clique im Fernsehen zeigen würde, es würde einem ja gar keiner glauben.

Kann man bei so einem Zusammentreffen von ausnahmslos netten, unkomplizierten, lustigen, klugen, hilfsbereiten, freundlichen und mitfühlenden Menschen von einer Selbstverständlichkeit sprechen? Nein. Es ist einfach ein großes, unendlich großes Glück, für das ich gar keine Worte finde. Ich fühle mich so gut aufgehoben und sicher. Geborgen inmitten einer Gruppe Menschen, die alle auf meiner Welle schwimmen. Mit denen zusammen sich richtig was auf die Beine stellen lässt und mit denen man es auch ordentlich krachen lassen kann. Ab und zu.

Besser geht es nicht.

Dafür bin ich dankbar.

 

 

Where we’ve got holes, we’ve got holes but we carry on

Dieses Jahr jährt sich dein Todestag zum zehnten Mal. Du bist seit zehn Jahren nicht mehr da.

Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Aktzeptanz. Nach einer Weile hatte ich geglaubt, dass die Akzeptanz bleibt, dass man damit lebt, was soll man auch machen. Wir mussten dich gehen lassen, ich musste dich gehen lassen, zu schwer war alles geworden. Du wurdest immer weniger. Und dann warst du nicht mehr da. Die Welt stand still und das Leben ging weiter.

Der Schmerz, der deine Lücke füllt, ist immer da. Manche Wunden heilt die Zeit nicht. Wohl habe ich gelernt, ihn hinter eine Türe zu packen. Meistens ist alles ganz normal. Der Schmerz ist zwar da, ich weiß wie er aussieht und sich anfühlt, aber er ist hinter der Türe und ich lebe mit ihm, weil er halt jetzt dazu gehört. Nur manchmal, so wie heute, geht die Türe auf – weil ich jemanden treffe, der so aussieht wie du, der so einen Pulli trägt, wie du ihn gerne trugst, einen Opa, der liebevoll seine Enkelin in den Kindergarten bringt, so wie du es getan hättest, wenn es dir vergönnt gewesen wäre. Oder wenn unser Vorschüler in der Vorweihnachtszeit Ausstecherle backt und völlig versunken aus vollem Herzen „In der Weihnachtsbäckerei“ anstimmt und mir nach der zweiten Zeile die Stimme wegbleibt, weil der Kloß in meinem Hals zu groß wird und sie mir erstickt.

Dann geht die Türe auf und der Schmerz überrollt mich wie eine Lawine, er lähmt mich, trifft mich mit voller Wucht. Ich kann ihn nicht wegdrücken, kann ihn nicht ignorieren, ich muss ihn über mich ergehen lassen. Ich heule wie ein kleines Kind und stehe gleichzeitig neben mir und denke, wie kann das sein. Zehn Jahre.

Täglich denke ich an dich. Oft habe ich dich vermisst. An Weihnachten. An den Familientreffen. Bei unserem Häuslesbau. Deinen Rat, deine Musik, deine witzigen Sprüche, deinen Humor. Aber nichts tut so weh, nichts zerreißt mein Herz mehr, nichts macht mich hilfloser als der Gedanke daran, dass du deinen Enkel nicht kennen durftest. Dass er diesen Opa nicht erleben darf. Weil ich weiß, wie viel Freude ihr aneinander gehabt hättet. Wie sehr du diesen aufgeweckten, lustigen, fröhlichen kleinen Kerl genossen hättest, der schon lesen kann, der Fußball liebt, Tiere und die Musik. Wie stolz du auf ihn gewesen wärst an seinem ersten Schultag im September. Mein Schmerz über diese Ungerechtigkeit ist so groß, dass ich so lange schreien möchte, bis mir die Lunge reißt. Stattdessen sitze ich da und spüre mein Herz bleischwer in meiner Brust, das in tausend Stücke zerspringt, und wünsche, wünsche so sehr. Und so vergeblich.

Denn es gibt keinen Trost. Es gibt nichts was es leichter macht. Ich kann nichts tun als diesen Schmerz aushalten und warten, bis die Welle über mich hinweggerollt ist.

Dann mache ich die Türe wieder zu. Und erzähle meinem Sohn von seinem Opa Hartmut. Und singe mit ihm „Guantanamera, häng deine Quanta ins Meer na“, so wie er es vielleicht getan hätte.

Take comfort in your friends

„Ich bin so traurig“, sagt sie. Vier kleine Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Es ist fast dasselbe Gefühl, wie wenn mein Kind in Not ist und ich nicht gleich helfen kann. Ich spüre ihren Schmerz. Ich sehe sie an. So viele Jahre, die wir uns schon kennen. Sie ist die Freundin zum Pferde stehlen, die, die immer da ist, ein Energiebündel, die immer nach vorne treibt. Ich habe sie fröhlich erlebt, stinkesauer, ausgelassen, ratlos. Wir haben zusammen gelacht und geheult, gelästert und getratscht. Unsere Neugeborenen bewundert. Unsere jeweiligen Lebensphasen begleitet. Richtige Probleme besprochen und Pläne geschmiedet. Unsere Träume geteilt. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir halten uns immer auf dem Laufenden.

Aber „Traurig“ ist neu. „Traurig“ kenne ich bei ihr nicht. Mit „Traurig“ kann ich nicht umgehen.

Ich versuche Worte zu finden, zuversichtliche, tröstende. Mir fallen keine ein. Ich lege meine Hand an ihre Wange, so weich, streichele sie kurz, wie ich es bei meinem Sohn mache, wenn ich ihn tröste. Ich schaue ihr in die Augen. Die Sätze, die aus meinem Mund kommen wollen, kommen mir wie fade, abgedroschene Floskeln vor. Sie zerfallen zu Staub, bleiben mir im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was ich für sie tun kann. „Es tut mir so leid“, sage ich. „Es wird wieder besser, ganz bestimmt“. Sie nickt. Sie will mir gerne glauben. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie gerne ich sie in diesem Moment habe.

Wir gehen zum Parkplatz. Wir verabschieden uns. Ich nehme sie in den Arm. „Ich bin immer für dich da“, sage ich und meine es genau so. „Danke“, sagt sie, und meint es auch so. Dann geht sie. Stolz und schön und ganz allein. Sie dreht sich nicht nach mir um. Ich hoffe, dass ihre Traurigkeit ein bisschen leichter wiegt, weil ich sie mit ihr trage.

„Traurig“ wiegt plötzlich tausend Tonnen.

I thank you… for showing me home

Meine Oma war eine starke Frau. Nach dem Krieg musste sie ihre beiden Kinder alleine durchbringen, hat immer gearbeitet, bis ins hohe Alter. Sie musste (wie so viele aus dieser Generation) auf vieles verzichten. Durch ihr beschwerliches Leben und das viele Alleinsein wurde sie im Alter ein bisschen schrullig, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen unbequem. Aber für uns war sie immer die weltbeste Oma.

Sie hat lange Zeit in einer Annahmestelle einer Reinigung gearbeitet. Wann immer ein Kunde mit einem besonders schönen, neuen, glänzenden Geldstück bezahlt hat, hat sie dieses ausgetauscht und für uns zur Seite gelegt. Wenn sie zu Besuch kam (und das war oft), hat sie uns diese Geldgeschenke (2 DM- oder 5 DM-Stücke) auf kleine Kärtchen geklebt, mit lustigen Aufklebern und kleinen Bildchen. Obwohl sie selbst mit einem winzigen Einkommen leben musste, kam sie nie mit leeren Händen. Sie hat uns Kirschsaft mitgebracht, Wibele, frisches Obst vom Markt, die besten Kekse.

Wenn meine Oma bei uns übernachtet hat, damals noch in der Mietwohnung, im Wohnzimmer auf dem Sofa, hat sie nie den Rolladen runter gemacht. „Wenn ich morgens aufwache, muss ich den Himmel sehen“, hat sie immer gesagt.

Eine Zeit lang durften mein Bruder und ich ein- bis zweimal im Monat samstags bei ihr übernachten. Meine Eltern hatten dann Kegelabend oder sowas. Wir durften dann im Fernsehen anschauen, was wir wollten (es gab ja eh nur 3 Programme), meist war das dann eine Samstag-Abend-Show wie „Auf Los geht’s Los“, „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass…?“, damals noch mit Frank Elstner. Wir durften die Sendung immer bis zu Ende sehen. Dann haben wir gemeinsam in ihrem Schlafzimmer im großen Doppelbett geschlafen, meine Oma ist auf die Couch ausgezogen. Noch heute sage ich mit meinem jetzt 5-Jährigen den Gute-Nacht-Spruch, den meine Oma immer mit uns aufgesagt hat: „Schlaf gut und gsund und kugelrund, bis morgen früh dein Kaba kommt“. Nur das Wort „Kaba“, das ersetzen wir durch „Nutellabrot“.

Morgens haben wir immer noch ewig mit den riesigen Federbetten im Bett gespielt. Zum Frühstück hat mir meine Oma einen Kaba mit Sahne gemacht – die Sahne hat sie mit so einem Handschneebesen steif geschlagen. Nirgendwo hat mir Schlagsahne besser geschmeckt als auf der Eckbank bei meiner Oma, in meiner Tasse mit heißem Kaba.

Samstagnachmittags hat meine Oma gebadet und ich durfte dabei zusehen, wenn ich wollte. Sie hatte so eine Badewanne mit Füßchen. Sie hat Litamin-Badeschaum verwendet und nach dem Baden hat sie sich so kalte Güsse gemacht (vom Herzen weg, zum Herzen hin, ich habe es mir nicht merken können) und sich eingecremt. Von ihrem winzigen Badezimmerfensterchen aus konnte  man die schwäbische Alb sehen. Oft hat sie einen kleinen Hocker für mich geholt und mir die einzelnen Berge gezeigt (Achalm, Roßberg, Mägdeberg), und beim nächsten Mal wusste ich wieder nicht, welcher Berg wie heißt.

Wenn wir Brettspiele gespielt haben hat sie eine große Tasche mit Clipverschluss aus dem Spieleschrank geholt, da waren alle Spielfiguren drin. Ich habe oft auch einfach nur mit den Figuren gespielt. Ein Set war ein winziges Spielfigurenset aus buntem Glas, das habe ich besonders geliebt. Meine Oma hatte auch ein Pochbrett und dazu ein Säckchen mit bunten Bohnen. Und ein Schiebespiel aus Blech. Die alte Puppe meiner Mutter samt Puppenwagen war auch noch da. Ich habe nicht so gerne mit ihr gespielt, weil sie so komisch gerochen hat. Aber fasziniert hat sie mich doch.

Wenn dann unsere Eltern kamen, um uns abzuholen, ist meine Oma immer die 3 oder 4 Stockwerke mit uns mit nach unten gegangen bis zum Auto. Dort habe ich darauf bestanden, dass sie mir von einem der Ahornbäume, die an den Parkplätzen gepflanzt waren, ein Blatt abpflückt. Erst dann wollte ich mich verabschieden.

Einmal, im Jahr 1997, war ich unterwegs in den USA mit Freunden. Wir fuhren in einem Van, ich saß ganz hinten. Und ich dachte zufällig an meine Oma und wie sie mir einmal erzählte, dass sie zwar nicht an Gott glaubt, aber doch jeden Abend und jeden Morgen an uns (das heißt, an meine Eltern, meinen Bruder und mich) denkt und – wen auch immer – darum bittet, uns zu beschützen. Just in diesem Moment, ich schwöre, dass das so passiert ist, fuhr das Auto durch eine große Pfütze und kam durch Aquaplaning von der Fahrbahn ab, drehte sich ein paar Mal und landete im Graben. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass der von meiner Oma erbetene Schutz  in diesem Moment gewirkt hat.

Ich habe meiner Oma mal zu Weihnachten ein Kissen bestickt, mit ihrem Namen. Das Kissen hat sie sehr gerne gehabt, sie hatte es auch bei ihrem Tod bei sich. Das „Oma-Li“-Kissen ist eines der wenigen Dinge, die ich noch von ihr besitze und ich habe es gern als Fernsehkissen. Ich denke sehr oft an sie; immer mit einem Lächeln.

Meine Oma wäre in diesem Monat 104 Jahre alt geworden. Ich wünsche ihr sehr, dass sie es gut hat, da wo sie jetzt ist.

 

10 Random Facts About Me

Das ist so ein Stöckchendingens. Ich hab es zwar nicht zugeworfen bekommen, dafür bin ich mit Sicherheit ein viel zu kleiner Fisch im Bloggermeer, aber hey, so ein Stöckchen darf man sich ja auch einfach mal schnappen. Here goes, 10 Dinge, die man über mich wissen darf:

  1. Ich lese jeden Tag die Todesanzeigen in der Zeitung. Manchmal bin ich von den Texten so berührt, dass ich heulen muss, aber so richtig. Ich weiß nicht, warum ich das tue, war aber schon immer so.
  2. Wenn ein von mir geliebtes Produkt aus dem Verkauf genommen wird, bringt mich das total aus der Fassung. Ganz schlimm ist das bei Kosmetik-Produkten. Ich trauere heute noch einem Eyeliner hinterher, der vor bestimmt 10 Jahren aus den Regalen verschwand. Bis heute hab ich keinen gescheiten Ersatz gefunden.
  3. Der Erholungsfaktor eines Urlaubs misst sich bei mir an der Anzahl der gelesenen Bücher. Ich glaub mein Rekord liegt bei 11 Büchern in 10 Tagen.
  4. Ich gehe sehr ungern und äußerst selten ungeschminkt aus dem Haus. Außer im Urlaub.
  5. Der weltbeste Song aller Zeiten und der noch kommenden ist für mich „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode.
  6. Wenn ich nicht morgens direkt nach dem Aufstehen unter die Dusche gehe, empfinde ich diesen Prozess als wahnsinnigen Zeitfresser.
  7. Singen ist für mich wie Atmen. Mein Umfeld hat es nicht immer leicht.
  8. Aus unerfindlichen Gründen kann ich mir jegliche Songtexte mit Leichtigkeit merken. Gefühlt habe ich eine Million Texte in meinem Hirn gespeichert. Schade dass man damit kein Geld verdienen kann.
  9. Ich liebe Käsekuchen. Am besten mit Mohn. Und Streuseln.
  10. Über Slapstick kann ich Tränen lachen. Je.Des.Mal.

Und Ihr so?

So ne Art Liebe

Ich hatte es ja schon angekündigt: Zu dem Schauspieler und Autor Wentworth Miller (von dem ich diesen Satz „must we label everything?“ geklaut habe) habe ich eine kleine, persönliche Geschichte zu erzählen. Und die muss jetzt raus.

Aaaaaalso. Im vergangenen Jahr kam, nachdem ich monatelang herumgegrübelt und mein gesamtes Umfeld kirre gemacht habe weil ich UN-BE-DINGT dieses amerikanische Netflix haben wollte, Netflix Deutschland zu uns. Ich glaube, wir waren einer der ersten Haushalte, die das – Dank dem besten Mann, ein Serienjunkie wie ich – installiert hatten. Die Auswahl war ja anfangs nicht so üppig aber das war uns völlig schnurz, die Liste der „Will-Ich-Sehen“-Serien wuchs in Sekundenschnelle.

Und da an oberster Stelle: Prison Break. Die Geschichte zweier Brüder, der eine unschuldig im Gefängnis, der andere, Michael Scofield (gespielt von, na? Eben. Wentworth Miller.), Mastermind und sensibles Genie, der sich die Grundrisse des Gefängnisses auf seinen Körper  tätowieren lässt *ächz* und einen Banküberfall begeht, damit er in dasselbe Gefängnis kommt wie sein Bruder und dort den Ausbruch des Jahrhunderts inszeniert. Die Story funktioniert, zumindest während der ersten beiden Staffeln, und das (zumindest für mich) Faszinierende war – ich hab erst nach ein paar Folgen gemerkt, was für ein MEGAJENSEITSSAHNESCHNITTCHEN ich da vor mir habe. Die Figur des Michael Scofield ist ja natürlich schon so angelegt – Supertyp, megaintelligent, super Optik und dabei irre feinfühlig und ein fast Jesus-ähnlicher Menschenfreund – aber wirklich perfekt besetzt mit Mr. Miller. Ein Blick in diese abgrundtief blauen Augen und es ist um einen geschehen. Also um mich. Um mich war es geschehen. Der beste Mann musste viel aushalten. Viele Abende lang saß ich sabbernd vor dem Fernseher. Wenn man mich gelassen hätte, wäre ich an den Bildschirm geklebt. Ganzkörperhaftung. Einmal – und dafür entschuldige ich mich hiermit wirklich in aller Form – habe ich mich zu der Aussage, „dem würd ich glatt den Schweiß vom Rücken abschlecken“ hinreißen lassen. Also in diesem Ausmaß. Mit Anfang 40 fand ich mich mitten in der ärgsten Teenagerschwärmerei, die man sich nur vorstellen kann. Mit Bangen sah ich die Anzahl der noch zu sehenden Folgen dahinschmelzen. Da war es fast ein Glück, dass die letzte Staffel storymäßig … nun naja… nicht mehr sooooo viel hergab. Und dann war es zu Ende mit dem Vergnügen.

Meine wilde Recherche nach mehr Material mit Wentworth Miller kam zu mageren Ergebnissen. Außer in ein paar Actionfilmen, dem relativ aktuell erschienenen Thriller „The Loft“ und in einer wirklich abartig schlechten, kitschigen Dinosaurier-Serie hatte er kaum Auftritte. Google gibt nicht viel her über diesen herausragenden Mann,  er tritt wenig in Erscheinung, lebt sehr zurückgezogen, schreibend. Dann las ich, dass er sich vor 2 Jahren geoutet hat. Moment mal. Mr. Miller ist mein Jahrgang, wieso hat der sich erst jetzt geoutet? Plötzlich eröffnete sich mir ein ganz neuer Blickwinkel. Klar, das ist natürlich so ähnlich wie bei den Boybands. Ein Schauspieler, der aufgrund seines wirklich guten Aussehens wohl eher für die Romeo-Rollen gecastet wird, tut sich keinen Gefallen, wenn er bekannt gibt, dass er schwul ist. Auch im Action-Genre macht sich das wohl nicht so gut. Und dass mir diese Gedanken so selbstverständlich so nahe liegen, gibt mir schon wieder zu denken. In welcher Welt leben wir eigentlich? Warum ist das denn immer noch nicht EGAL, was jemand für eine sexuelle Orientierung hat? Warum ist schwul sein in Hollywood ein Stigma? Und vor allem – wie hart muss es sein, so öffentlich zu leben und so ein „Geheimnis“ in sich zu tragen?

Auf YouTube, so entdeckte ich, ist mehr zu holen über Mr. Miller. Ein paar Interviews während der Glanzzeit von Prisonbreak, ein paar Outtakes, ein paar Szenen vom Set. Ich winde mich innerlich, wenn ich zusehen muss, wie der arme Mr. Miller seine Fassade aufrecht erhält und tapfer Fragen zu seinem Privatleben beantwortet. Immer höflich, immer lächelnd, immer freundlich. Je mehr ich von ihm sehe, desto mehr bin ich von ihm angetan, wenn das überhaupt noch geht. Wie er redet. Wie er gestikuliert, wie er lächelt, wie er sein Gegenüber immer ernst nimmt. Wie schön der spricht, wie artikuliert, wie wohl überlegt. Was für ein feiner, höflicher, wohlerzogener Gentleman.

Und dann DAS (geht lange, ich weiß, aber lohnt sich):

So. Und weil Mr. Miller so ist, wie er ist und ich bin, wie ich bin, schmilzt mein Herz wenn ich das sehe und höre und als es sich wieder erholt, ist er mittendrin. Und ich frage mich schon, was schief läuft in unserer Gesellschaft wenn so ein (ich weiß, ich wiederhole mich) feinfühliger, intelligenter, freundlicher, talentierter Mensch schon in jungen Jahren nicht mehr leben will, weil er sich anders fühlt. Weil er durch dieses Anderssein einsam ist. Und weil er sich nicht vorstellen kann, dass es auf der ganzen weiten Welt jemanden gibt, der ihn akzeptiert. Das treibt mir die Tränen in die Augen.

Jedenfalls. Mr. Miller – ich bin dankbar und froh, dass es dir damals nicht gelungen ist, das Leben zu nehmen. Die Welt braucht Menschen wie dich. Ich hoffe, dass es dir jetzt besser geht.

Und wenn wir uns mal begegnen sollten und es mir gelingt, das Hyperventilieren schnell in den Griff zu bekommen, bevor du weitergehst, dann wünsch ich mir, dass du diesen Satz zu mir sagst: „And later, when this is all over, I’d like to spend some quality time with you.“. Yes, please.

It’s never too late

Mit der Schlagfertigkeit habe ich es ja nicht so. Mir fallen oft Stunden oder erst Tage später die richtigen Erwiderungen ein. Und dann platze ich schier vor Ärger, dass ich sie nicht mehr an den Mann oder die Frau bringen konnte. Aber hey, ich hab ja jetzt dieses Blog und den Raum, um mir Luft zu verschaffen.

Neulich zum Beispiel ist mir folgendes passiert. Ich war einkaufen und gerade dabei, meine Einkäufe aufs Band zu legen. Über die Supermarktlautsprecher dudelte Musik und ich sang leise vor mich hin. Also wirklich: leise. Ganz für mich. Vor mir in der Schlange stand eine Frau, wahrscheinlich krank, möglicherweise gerade in chemotherapeutischer Behandlung. Sie drehte sich zu mir um und  konfrontierte mich mit folgender Aussage: „Also. Es freut mich ja für Sie, dass Sie so ein fröhliches Gemüt haben. Aber Ihr Gesinge…. also das NERVT MICH.“

Mir ist dazu nichts anderes eingefallen als meine Backen aufzublasen und hörbar auszuatmen. „Tut mir leid“, meinte die Dame dann noch, und als sie sich wieder weg drehte, „nein, eigentlich tut es das nicht.“

So. Dieser Dame hätte ich gerne – wenn es mir denn rechtzeitig eingefallen wäre, folgendes entgegnet:

„Wissen Sie, es tut mir wirklich sehr leid, dass Sie krank sind und offensichtlich einen schlechten Tag haben. Wirklich, ich fühle sehr mit Ihnen. Aber weder habe ich Schuld an Ihrer Krankheit, noch bin ich verantwortlich für Ihre Laune. Sie können wirklich nicht erwarten, dass Ihr gesamtes Umfeld wie auf Eiern geht, nur damit Sie nicht „genervt“ sind. Wenn Sie ungestört bleiben wollen, müssen Sie vielleicht besser zuhause bleiben. Außerdem glaube ich ganz ehrlich nicht, dass es Ihre Lage oder Ihre Stimmung verbessert, wenn Sie andere mit Ihrer schlechten Laune runterziehen, im Gegenteil. Kennen Sie das Bilderbuch „der Dachs hat schlechte Laune“? Das würde ich Ihnen mal zur Lektüre empfehlen. Und dann habe ich noch eine kleine Empfehlung für Sie: Versuchen Sie es doch selber mal mit Singen. Dann klappt es vielleicht auch bei Ihnen mit dem fröhlichen Gemüt.“

Ist doch wahr.

Über das Heiraten und so

Es geht schon los. Über Mama arbeitet habe ich bei Facebook diesen Artikel gefunden: „Freie Menschen sollten das nicht tun: Heiraten“. Selten einen so dämlichen Artikel gelesen.

Schon im ersten Absatz steht so viel Unsinn drin, dass sich mir die Zehennägel aufrollen. „Nicht die Kirchen haben das [Heiraten] erfunden, sondern die Gesellschaften.“ Ach was, ehrlich? Das heißt also, ich kann das Konzept Ehe nicht lediglich deswegen ablehnen, weil es ein christliches ist? Damn. Muss ich mir also andere Argumente suchen. Ahja, hier:

„Die Ehe ist der erfolgreiche Versuch, die Frau anzubinden. Ans Bett, an den Mann, die eigenen Kinder, die Sippe, die Glaubensgemeinschaft und so fort.“ Komisch. Dabei hieß es eben noch, dass gerade NICHT die Kirchen… egal.

Mir erschließt sich jedenfalls nicht ganz, warum die Ehe nur für die Frau bindend sein soll. Meinem Verständnis nach binden sich bei der Eheschließung doch zwei, oder? Frau UND Mann? Oder habe ich da was missverstanden? Ich gebe zu, dass ich mich an meine eigene Hochzeit nicht so deutlich im Detail erinnere, Gefühle und so, aber ich meine doch, mitbekommen zu haben, dass mein Mann auch irgendwas gesagt hat, von wegen, „ja, ich bin jetzt dein Mann und will das auch bleiben“ oder so ähnlich. Und an mein Kind braucht mich keine Ehe binden. Meinem Kind bin ich verbunden bis ich nicht mehr bin und danach wahrscheinlich auch noch. Das war auch vor meiner Ehe schon so. Deswegen hätte ich nicht heiraten brauchen. Was für ein dummes Gewäsch!

Aber es geht ja noch weiter. Den nächsten Absatz überspringe ich jetzt einfach mal, wegen siehe oben, die Ehe ist eben NICHT zwangsläufig eine religiöse Institution (wer das so will, kann das ja machen, muss aber nicht), deswegen ist das langatmige Geseier von Sünde, Sextrieb, Buße, schlichtweg zu vernachlässigen. Nur der letzte Satz, der macht mich wieder stutzig:

„Die dauerhafte Verbindung zwischen zwei Menschen ist der denkbar sicherste Lustkiller, den sich die Menschheit ausdenken konnte.“

Hm, naja, mag ja sein, dass das in manchen Beziehungen so ist. Ist auch ein bisschen normal, denke ich, die Umstände ändern sich, man gewöhnt sich aneinander, ist einander sicher, da muss man sich nicht mehr fünf mal täglich bespringen. Muss auch gar nicht schlimm sein, kann jeder mit sich selber ausmachen, kann man auch was dafür oder dagegen tun. Und muss doch auch gar nicht zwangsläufig sein, oder? Ist auch ein bisschen armselig, das automatisch vorauszusetzen, oder? Knackpunkt dieses Scheinarguments ist aber der Begriff „dauerhafte Verbindung“. HA! Das ist ja dann auch ohne Trauschein der Fall. Worüber geht’s nochmal in dem Artikel? Um die Ehe an sich oder über langjährige Partnerschaften, freie Liebe, Treue, Hippiesex oder was nochmal? Ich hab den Faden verloren. Und ganz ehrlich, es kann ja wohl auch nicht sein, dass es bei der Entscheidung für oder gegen die Ehe, für oder gegen eine feste Partnerschaft, nur um Sex geht. (Jaja, ist gaaaanz wichtig und gehört dazu und muss passen und gut sein und alles, logisch, aber doch für jeden so, wie es sich richtig anfühlt, oder?) Gott sei Dank sind wir alle Individuen und können selbst für uns entscheiden, ob wir ein Leben lang herumvögeln wollen oder uns in eine feste Partnerschaft begeben, auch auf die Gefahr hin, dass die Lust dann gekillt wird. Für manch einen mag es auch schlimmeres geben. Aber ich schweife ab.

Letzter Absatz: Es geht um die Gleichstellung homosexueller Paare. Dabei spricht die Autorin stets von heiratenden Männern. Also, nur von Männern. Ähem. Hab ich das falsch verstanden oder bezieht sich der Begriff „homosexuell“ nicht auch auf Frauen? Nun gut, kann ja mal passieren, jedenfalls gipfelt der Absatz dann in dem seltsamen Szenario, dass die katholische Kirche dann bald nicht mehr auf Homosexuelle per se losgehen wird, sondern auf diejenigen, die nicht verheiratet sind. Zurück auf Anfang – die Ehe an sich ist keine alleinige Institution der Kirche. Argument ausgehebelt, setzen, sechs.

Freie Menschen sollten das also nicht tun, heiraten. Sagt wer nochmal? Und wie frei bin ich eigentlich, wenn ich mir sowas vorschreiben lasse? Oder andersrum gefragt – sollte es nicht eher die Entscheidung eines freien Menschen sein, zu heiraten, oder eben nicht? Ich finde es toll, verheiratet zu sein, und dieser Status wiederum macht mich auch in gewisser Weise frei. Wenn freie Menschen freiwillig heiraten, was ist daran nicht frei?

Es ist doch eine großartige Errungenschaft, dass wir heute die Wahl haben, ob wir heiraten oder nicht.  Und das nicht nur am Rande: Dass homosexuelle Paare zukünftig ebenso diese Freiheit haben werden, ist ebenso großartig.