No matter what they say

Body awareness. Man könnte manchmal meinen, dieses Internet kennt kein anderes Thema. Body acceptance. Fat shaming. Skinny shaming. Thigh gap. Thigh brows.

Wenn man „den Medien“ Glauben schenken möchte, dann ist nur schön, wer groß, blond, langhaarig und sehr, sehr schlank ist, mit dicken Lippen, hohen Wangenknochen und schräg geschnittenen Katzenaugen. Das ist das Frauenbild, wie es mir in Werbung, Modestrecken und selbst in Frauenzeitschriften begegnet. (Aus dem neuen h&m Katalog mag ich mir schon gar nichts bestellen, weil die abgebildeten Frauen darin mindestens 1,80 groß sind und höchstens 50 Kilo wiegen. Wie sollen mir diese Klamotten denn jemals passen?) Und selbst wenn wir wissen, dass das alles gephotoshoppt ist, dass keine dieser Frauen auf den Fotos im echten Leben so aussieht, dass selbst bei der schlanksten Frau noch die Hüften wegradiert und die Schenkel etwas gerader gemorpht werden – dieses Bild hat sich eingebrannt in die Innenseite unserer Augenlider. Und wenn wir „schön“ denken, dann sehen wir dieses Bild.

Das macht mich unendlich traurig. Gar nicht mal deswegen, weil ich diesem Bild natürlich nicht entspreche. Sondern weil wir uns so einschränken damit. Weil wir den Blick verlieren auf das wahre Schöne – und weil wir uns damit unser eigenes Urteilsvermögen absprechen. Dabei ist doch nicht nur schön, wer dem Vergleich mit diesen utopischen Abbildungen stand hält. Schön ist doch immer noch, was gefällt, was einen berührt, was einem ein Lächeln auf den Mund zaubert. Aber irgendwie vergessen wir das, weil diese Bilder von den großen Blonden so allgegenwärtig sind.

Ich kenne keine einzige Frau in meinem näheren Umfeld, die wie ein Model aussieht. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann begegne ich auch in meinem Alltag selten bis nie einem Model. Im Umkehrschluss, könnte man meinen, bin ich also von lauter durchschnittlichen oder gar hässlichen Menschen umgeben. Und das ist natürlich absoluter Humbug.

Ich finde alle meine Freundinnen zum Beispiel schön. Ausnahmslos. Das sind alles Frauen, die mitten im Leben stehen, Frauen, die ich bewundere und die mir selber ein gutes Gefühl geben. Frauen, die mich spüren lassen, dass sie mich gern haben, mit denen ich lachen und weinen kann und denen ich zu hundert Prozent vertraue. Wenn ich diese Frauen ansehe, finde ich sie einfach nur schön, von innen und von außen, und dann hat das aber auch gar nichts mit irgendwelchen Idealen zu tun. Je länger man Zeit mit jemandem verbringt, desto weniger nimmt man doch auch sein Äußeres wahr. Weil es so gar nicht wichtig ist, letztendlich.

Natürlich achte ich auf mein Äußeres. Ich hab Freude an schönen Klamotten, an Schminke, daran, mich hübsch zu machen. Ich will schon in den Spiegel schauen und denken, okay. So kannst du raus. An manchen Tagen klappt das ganz gut, an anderen weniger. Aber mit einem Ideal, einer Vorgabe hat das wenig zu tun. Ich möchte mir selber gefallen. Und letztendlich will ich doch nicht geliebt oder gemocht werden, weil ich hübsch aussehe. Ich will doch geliebt werden weil ich ein fröhlicher, optimistischer, lustiger Mensch bin mit einem großen Herzen. Denn für das gute Aussehen kann ich doch eh nicht 24/7 garantieren. Für eine herzliche Umarmung schon.

Ja, und dann das leidige Thema mit dem Schlankheitswahn. 90-60-90. BMI von unter 20. Zahlen, Schablonen,Vorgaben. Warum können wir nicht einfach zulassen, dass es schöne schlanke Menschen (und die sind nicht zwangsläufig „mager“) und schöne runde Menschen (und die sind nicht alle „fett“) gibt? Warum sagen wir so Sachen wie „ja, die ist echt hübsch, OBWOHL sie ein paar Kilo zuviel auf den Rippen hat“? Ich habe Jahre und Jahre und Jahre meines Lebens damit gehadert, nicht schlank zu sein. Habe gehungert und gesportelt und verzichtet und geflucht. Das hat mal prima, mal weniger gut funktioniert. Neulich, im Urlaub, als ich da so im Sprudelbad lag und einfach nur glücklich war, dachte ich, was für eine Verschwendung. Hätte ich die Zeit mal einfach nur genossen. Das ist doch mein Leben. Hätte es dieses Buch nur schon viel früher gegeben.

Damit will ich nicht sagen, dass niemand mehr abnehmen soll. Dass alle dick sein sollen, dass dünn sein doof ist. Um Gottes Willen. Jeder wie er mag. Ich möchte nach diesem opulenten Sommerurlaub auch gern wieder in meine Winterhosen passen. Mir stinkt es auch, wenn ich Klamotten kaufen gehe und Größe XL spannt über dem Bauch. (An dieser Stelle: Hallo? Bekleidungsindustrie? Realistische Maße?) Aber sein Leben lang einem Ideal hinterherhecheln, das man niemals nicht erreichen kann? Wozu? Zumal es doch auch anders geht. Man sich sein Ideal selber schaffen kann, wie uns die wunderbare Lu jeden Tag zeigt.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alle gleich aussehen (müssen). Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der die, die anders aussehen, beschimpft und verspottet werden. Ich möchte meine Welt so gestalten, dass ich selber bestimmen darf, was und wen ich schön finde.

Beim Kinderturnen singen wir zum Schluss immer das Lied „Alle Leut, alle Leut geh’n jetzt nach Haus“. Große Leut, kleine Leut, dicke Leut, dünne Leut. Ja, denk ich mir dann, und jeder ist doch schön, auf seine Art. Every inch of you is perfect, from the bottom to the top.

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