Dankbar #3

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie. (Dankbar #1, Dankbar #2)

Das erste halbe Schuljahr ist schon um, der bald Siebenjährige ist ein routinierter und begeisterter Schüler. Statt Halbjahreszeugnisse gibt es in der ersten Klasse ein Gespräch mit der Klassenlehrerin. Ich weiß ja, dass das Kind den Schulstoff problemlos aufnimmt und auch sonst keine Schwierigkeiten hat. Ich gehe also ganz entspannt in das Gespräch und bin doch unendlich gespannt und neugierig darauf, wie mein Kind in der Schule wahrgenommen wird. Habe ich mir doch im Vorfeld auch Sorgen und Gedanken gemacht.

Ja. Gut angekommen ist er, berichtet die Lehrerin, findet sich sehr gut zurecht, ist bei den anderen Kindern sehr beliebt, freundlich, höflich, hilfsbereit. Geduldig, ruhig, selbstbewusst. Spätestens jetzt ist mein Kloß im Hals so dick, dass er wahrscheinlich sichtbar ist, und ich kämpfe mit den Tränen der Rührung. Ich reiße mich zusammen. Die Lehrerin erzählt weiter, dass der Sohn alles versteht, was man ihm erklärt, Arbeitsanweisungen selbstständig und richtig ausführen kann, dass er sehr interessiert ist und wissbegierig, dass er viel weiß und dieses Wissen auch selbstbewusst zum Unterricht beiträgt (jup – ich sag nur: Woozle Goozle!). Dass er einen sehr großen Wortschatz hat, sich gut ausdrücken kann, flüssig liest (aber nie gelangweilt ist, weil die anderen noch nicht so weit sind, sondern dann hilft und unterstützt – der Wahnsinn!) und weit über den geforderten Zahlenraum hinaus rechnen kann. Abschließend sagt sie dann: „Der macht seinen Weg.“ Und dieser Satz bleibt.

Als ich dann zum Parkplatz gehe, lasse ich die Tränen laufen. Vor Glück, Erleichterung, ein bisschen Stolz und Dankbarkeit. Denn was braucht es denn mehr fürs Kind als „der macht seinen Weg“? Dieser eine Satz nimmt mir als Mutter eine der größten Sorgen von der Seele. Mein Kind ist stark genug fürs Leben, es findet sich zurecht, es findet sich in eine Gemeinschaft ein, es zeigt gutes Sozialverhalten, es ist mutig und selbstbewusst und vertritt seinen Standpunkt. Ja, es macht seinen Weg. Dem Universum sei Dank. Irgendwas hat man schon richtig gemacht.

Ich bin mir nicht so sicher, wie viele von diesen positiven Eigenschaften ich mir – oder wir uns – als Eltern auf die Fahne schreiben darf/dürfen. Denn natürlich sind wir gesegnet mit diesem Kind. Es wurde uns geschenkt. Der kam schon so – wir haben da nicht mehr viel gemacht. Die Sanftmut, die Verständigkeit, das fröhliche, ausgeglichene Wesen, der Gerechtigkeitssinn und die große Wissbegierde, all das wurde unserem Sohn sicher mit in die Wiege gelegt. Das haben wir nicht anerziehen können. Ich lege Wert darauf, dass er „Bitte“ und „Danke“ sagt, und „Grüß Gott“ und „Ade“. Das habe ich ihm anerzogen, ja. Aber alles andere?

Was für ein großes Glück, dass dieser wundervolle Junge bei uns gelandet ist. Was für ein Geschenk. Ich bin sehr dankbar.

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Life was beautiful then

Ich habe das große Glück, mit zwei wundervollen Omas aufgewachsen zu sein. Über die eine habe ich hier schon geschrieben. Die andere, meine Oma Rosel, wäre vorgestern 98 Jahre alt geworden. Und wenn sie noch am Leben wäre, bin ich ganz sicher, hätten wir im ganz großen Stil gefeiert.

Meine Oma Rosel war eine Dame. Wir nannten sie, ob der frappierenden Ähnlichkeit, auch „die Queen“. Sie kam „aus gutem Hause“, der Vater Zollbeamter, beide Eltern sehr bedacht auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder, auch der Mädchen, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitnichten selbstverständlich war.

So war meine Oma also eine ausgesprochen kluge und gebildete Frau. Sie konnte Französisch (gerne ließen wir uns von ihr die 5 Nasale vorsprechen: „an, en, in, on, un“) und wunderbar Klavier spielen (ich erinnere mich mit leiser Wehmut an die Male, als wir vierhändig auf ihrem wunderschönen Klavier gespielt haben). Sie hat mit Ende 70 einen Englischkurs bei der Volkshochschule belegt, in dessen Verlauf sie einmal eine Londonreise erlebt hat, auf der sie … PIERCE BROSNAN getroffen hat (von dem sie vorher noch nie gehört hatte – aber als man ihr dann erklärte, dass sei James Bond, gab es kein Halten mehr)! Das Foto, das die beiden zusammen zeigt (er ganz Gentleman, natürlich), ist leider verloren gegangen. Aber vergessen werde ich es nie.

Ihr ganzes Leben lang hat sie Bücher gelesen, sich weiter gebildet, Interesse an allem gezeigt – außer an unserer, wie sie es nannte, „Hottentotten-Musik“. Popmusik und meine Oma wurden nie Freunde. Aber gesungen hat sie trotzdem mit uns.

„Kalender, Kalender, du bist ja schon so dünn, jetzt ist nicht mehr lange bis Weihnachten hin“, klang es oftmals aus der Küche, um uns im Kinderzimmer in den Schlaf zu wiegen. Wenn sie aufhörte, so erzählte sie gerne, schallte es prompt aus dem Stockbett: „Oma! Kalender!“ Viele andere lustige Lieder hat sie mit uns geträllert. Von dem „Fähnchen auf dem Turme“ (begleitet von lustig wackelnden Händen) bis hin zur alten Fliege, „wenn ich dich kriege, dann reiß‘ ich dir das linke Bein heraus“… (die Geschichte nimmt aber ein gutes Ende!) Wenn ich also an meine Oma denke, dann denke ich an Musik, an Fröhlichkeit, an die schöngeistigen Dinge des Lebens.

Dabei hat meine Oma, natürlich, wie die andere auch, zum Teil ein hartes Leben gehabt. Während des Krieges war sie alleine mit ihrem Erstgeborenen, meinem Papa. In dieser Zeit ist ihr die neugeborene Tochter in den Armen verstorben. „Sie war ganz blau“, sagte sie. Nach dem Krieg war ihr Mann, mein Opa, in Kriegsgefangenschaft, lange. So lange, dass mein Papa, als sein Vater wieder zurückkehrte und mit strenger Hand das Regime übernahm, sie fragte, „ob der Mann auch bald wieder abreisen“ würde. Ihr Klavier haben ihr die Franzosen enteignet. Es gibt eine Geschichte, wie sie sich dieses wieder zurück geholt hat. Leider hat sie diese nie aufgeschrieben.

So hat mein Onkel seine Mutter einmal beschrieben: „Steht mit der Faust“. Denn neben aller Schöngeistigkeit und allem Sinn für das Feine, war meine Oma eine unglaublich starke, unbesiegbare Frau. Sie hat sich nie die Butter vom Brot nehmen lassen. Sie hat nicht viel vom Leben erwartet – aber was sie sich hart erarbeitet hatte, das ließ sie sich  nicht wegnehmen. Ihr Sinn für Gerechtigkeit und Anstand war groß. Und den hat sie uns allen mit gegeben.

Kochen und backen konnte sie natürlich auch! Wie gerne saßen wir um ihren runden Tisch, schön gedeckt mit gemustertem Porzellan und echtem Silber, und aßen die von ihr zubereiteten Speisen, alles natürlich selbstgemacht, Kartoffelpuffer mit Apfelmus, Pfannkuchen (mit einem Schuss Bier im Teig, damit sie schön locker waren), Aprikosenknödel, Spätzle. Nachtisch gab es auch immer: Schokopudding mit Vanillesoße oder Rote Grütze! Und der Opa hat immer gesagt: du musst sie dir vorne durch die Zähne ziehen. Lecker! Wenn wir Kinder in den Ferien alleine bei den Großeltern waren, gab es abends zum Fernsehen immer ein Eis. Natürlich vom Migros; schließlich wohnte man ja nahe der Schweizer Grenze.

Kurz vor ihrem achtzigsten Lebensjahr hat meine Oma dann den ganz großen Paukenschlag verkündet: Sie möchte die USA bereisen. Mit ihren Enkeln. Der Arzt habe grünes Licht gegeben. Wir mögen alles organisieren, sie bezahlt. Dafür hat sie sich dann extra eine goldene MasterCard ausstellen lassen. Mein Bruder, meine beiden Cousins und ich ließen uns nicht lange bitten – so verbrachten wir zwei unvergessliche Wochen mit der Oma im Osten der Vereinigten Staaten: New York, Boston, Vermont, Niagarafälle. Unzählige lustige Erinnerungen sind uns von dieser Reise geblieben – dass die Oma immer zur Kaffeestunde nach einem „Fettkröppel“ (sprich: einem Donut von Dunkin‘ Donuts) verlangte, ist nur eine davon.

Liebe Oma, du fehlst mir sehr. Mit dir ist ein ganz großes Stück unserer Familiengeschichte gegangen. Deine Sprüche und Lieder begleiten mich bis heute. Ich bin stolz darauf, deine Enkelin zu sein. Du warst eine große Lady, ein besonderer Mensch und die beste Oma, die man sich wünschen kann. Danke.

Dankbar #2

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie.

„Ach, dann mach ich mich einfach selbstständig“, besprach ich mit dem besten Mann, als klar wurde, dass mein Bezahljob ein absehbares Ende haben würde. Die Idee war gut und realistisch: Arbeitszimmer und -werkzeug waren ja bereits vorhanden. Mehr als einen Computer mit Internetzugang und ein Telefon würde ich für meinen neuen Job nicht brauchen. Ich wollte (und will) Texte lesen, Texte gut machen, Texte korrigieren. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich wirklich gut kann und die ich leidenschaftlich gerne tue. Kunden, dachte ich, würde ich mit Aushängen (zwei Universitäten in unmittelbarer Nähe) und einer guten Website (einen tollen Grafiker und einen super Fotografen an der Hand) schon finden, ein paar Kontakte hatte ich während meiner berufstätigen Zeit ja auch gesammelt. Und dann gibt es ja auch noch Xing.

So dachte ich, und gründete im Oktober 2014 mein eigenes Lektoratsbüro „Messmerscharf“. Ich gab dem Ganzen zwei Jahre.

Jo. Der Anfang war zäh. Da saß ich also und wartete auf Kundschaft. Klar, ich hab auch Akquise gemacht – ein bisschen. Leute anrufen und meine  Arbeit anbieten, na, das ist nicht so meins. Nicht gerade eine tolle Voraussetzung für ein Start-up. Immer mal wieder tröpfelte ein Auftrag über die Website rein, ab und zu bekam ich Arbeit über mein ehemaliges Büro. Überwiegend herrschte jedoch in meinem Mailpostfach gähnende Leere, das Telefon schwieg und ich hatte schlaflose Nächte, weil ich nicht wusste, wie ich meine Krankenversicherung bezahlen sollte. (Natürlich, und das muss ehrlicherweise erwähnt sein, war das finanzielle Risiko, dass ich einging, nicht existenziell. Unser Haushalt ist auf mein Gehalt nicht angewiesen, das bisschen, was ich mit 40% im Backoffice verdiente, und so konnte ich schon relativ gelassen bleiben. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Nur: Ich wollte einfach, dass es funktionierte.)

Ein paar Monate gingen ins Land und ich war mit der Gesamtsituation unzufrieden. Keine Aufträge bedeuteten kein Einkommen, keine Aufgabe (man kann auch nur so viel Haushalt an einem Vormittag machen) und nagende Selbstzweifel. Es war unschön. Aus Verzweiflung habe ich mich dann bei zwei verschiedenen Schreibbüros beworben, um wenigstens auf 450-EUR-Basis was dazu zu verdienen. Jo. Die wollten mich nicht  haben – meine Testarbeiten waren zu schlecht. Da war ich dann am absoluten Tiefpunkt meiner Selbstständigkeit angelangt. Aber – und das ist untypisch für mich – aufgeben war keine Option, zu sehr hing ich an meinem kleinen Betrieb und an dem Traum, bequem von zuhause aus Aufträge abzuarbeiten und so genügend Zeit für Sohn und Haushalt übrig zu haben, ohne mich abzuhetzen und ohne Druck und Stress. Und so recherchierte ich eben weiter. Und stolperte über einen Verlag, der Lektoren beauftragt. Einen Probeauftrag meisterte ich mit Bravour: Den ersten Stammkunden hatte ich mir gesichert. Dem folgten noch ein paar weitere – und ein glücklicher persönlicher Kontakt, über den ich ebenfalls regelmäßig an Aufträge komme und mir so eine stabile Auftragslage sichere. Seit neuestem bin ich sogar im Redaktionsteam vom Top Magazin (Region Reutlingen/Tübingen) und schreibe eigene kleine Artikel, was mir die allergrößte Freude bereitet.

Heute kann ich also sagen: Messmerscharf läuft. Ich bin gut ausgelastet. Ich verdiene nicht die Welt, aber ich habe ein regelmäßiges Einkommen. Ich habe eine spannende, abwechslungsreiche und fordernde Aufgabe, die ich täglich mit neuer Begeisterung in Angriff nehme. Das ist wirklich so. Do what you love. Dafür bin ich dankbar.

 

Ich bin für sehr Vieles in meinem Leben dankbar. Heute greife ich einen Aspekt, einen Umstand oder einen Menschen auf, für den ich zurzeit besonders dankbar bin. Eine Serie.

„Einfach mal dankbar sein“ habe ich neulich ins Internet geschrieben. Viele meiner Facebook-Freunde haben dafür den Daumen nach oben gestreckt. Und ich dachte mir, warum  nicht darüber schreiben. Derzeit bewegt mich eine sehr große Dankbarkeit für die Menschen, die um mich herum sind.

Wir wohnen noch nicht sehr lange an diesem Ort, wo wir jetzt wohnen. Erst seit Januar 2013. Als wir uns dafür entschlossen, diesen Bauplatz zu kaufen und unsere Zelte hier aufzuschlagen, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Es gibt hier nicht viel, eine Apotheke, einen Bäcker, eine Post. Aber wir sind ja mobil. Kindergarten und Schule hat es, das fand ich wichtig. Und nette Nachbarn, das wussten wir seit der Grundstücksbesichtigung, würden wir auch bekommen. Und ich würde durch verschiedene Krabbelgruppen sogar schon ein paar Leute hier kennen. Was will man mehr? Es kam besser.

Unser Kind kam in den Kindergarten und nach und nach lernten wir die anderen Kinder und Eltern kennen. Man hatte den gleichen Fußweg, kam ins Gespräch, die Kinder verstanden sich gut, verabredeten sich zum Spielen. Auf dem Heimweg hieß es dann immer öfter, „kommst du noch auf einen Kaffee mit rein?“, die Gespräche wurden vertraulicher, der Umgangston herzlicher. Eines Tages kam dann eine bezaubernde Person aus der Runde auf die Idee, am Pädagogischen Tag (sprich: es findet keine Kindergartenbetreuung statt) ein gemeinsames Frühstück zu organisieren. Das bedeutet im Klartext: Ungefähr 12 Mütter mit im Durchschnitt 2 Kindern. An einem Tisch. Was für ein fröhlicher, lauter, bunter Haufen! Diese gemeinsamen Vormittage wurden zum Selbstläufer. Kann man es sich schöner wünschen? Es wurde besser.

Irgendwann kamen ja dann auch noch die jeweiligen Papas und Männer dazu. Und was soll man sagen? Auch die verstanden sich blendend. Spätestens, als der eine (sicher nicht zufällig der Mann der bezaubernden Person) am Kindergartensommerfest eine Kühlbox mit kalten Bierflaschen beisteuerte, war jegliches Eis gebrochen. Seither denke und sage ich jedes Mal, wenn wir in irgendeiner Form zusammen kommen: „Hach, wir sind einfach so eine tolle Truppe!“ Und am besten beschreibt es wohl der Kommentar eines Ehemanns, der uns von oben zum Elternabend antraben sah: „Ach, da kommt ja deine Gang.“ Und genau so fühlt es sich an.

Natürlich geht es nicht nur um Spaß (Alkohol! Karaoke! Party!). Wir sind auch füreinander da. WhatsApp macht’s möglich – ist eine in einer Notlage, sind gleich fünf andere zur Stelle – mit dem passenden Medikament, mit dem guten Ratschlag, mit der schnellen Besorgung. Kann eine grad ihre Kinder nicht rechtzeitig abholen oder muss länger im Büro bleiben – eine findet sich immer, die die Kinder mitnimmt. Kinonachmittage, gemeinsame Freibadbesuche, Theaterfahrten, Spielplatztreffen. Selbst das Schwimmen haben unsere Kinder bei der besten Schwimmlehrerin der Welt – natürlich einem Gangmitglied – gelernt. Sorgen, Nöte, Alltagsprobleme – wir können über alles sprechen. Keine wird verurteilt, niemand lästert hinter dem Rücken der anderen, ganz ehrlich – wenn man so eine Clique im Fernsehen zeigen würde, es würde einem ja gar keiner glauben.

Kann man bei so einem Zusammentreffen von ausnahmslos netten, unkomplizierten, lustigen, klugen, hilfsbereiten, freundlichen und mitfühlenden Menschen von einer Selbstverständlichkeit sprechen? Nein. Es ist einfach ein großes, unendlich großes Glück, für das ich gar keine Worte finde. Ich fühle mich so gut aufgehoben und sicher. Geborgen inmitten einer Gruppe Menschen, die alle auf meiner Welle schwimmen. Mit denen zusammen sich richtig was auf die Beine stellen lässt und mit denen man es auch ordentlich krachen lassen kann. Ab und zu.

Besser geht es nicht.

Dafür bin ich dankbar.

 

 

Dankbar #1

Love lift us up where we belong

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Tag, als unser damals gerade mal acht oder zehn Wochen alter Sohn vom Elternschlafzimmer ins Kinderzimmer umzog. Obwohl dieses direkt nebenan lag, war mir total mulmig ob dieser „Trennung“ zumute und ich sagte zu meinem Mann: „Jaja. Heute zieht er aus dem Schlafzimmer aus und morgen kommt er schon in die Schule!“

Das ist über sechs Jahre her. Und kommt mir wie gestern vor. Und, ja, heute (also – demnächst) kommt er in die Schule. Ganz lange habe ich diesen Meilenstein einfach verdrängt. Oder mir gesagt, „ach, das ist ja noch ein dreiviertel Jahr.“ Oder ein halbes. Oder – ja, jetzt ist das Datum der Einschulung nur noch ein viertel Jahr entfernt.

Natürlich bin ich stolz darauf, wie gut sich der Bub macht, wie clever er ist, wie neugierig, wie fröhlich und auch feinfühlig. Natürlich sehe ich auch, wie groß er geworden ist und wie sehr er nach neuen Herausforderungen ruft, wie gerne er sich mit Buchstaben und Zahlen beschäftigt, wie groß sein Durst nach Wissen und Lernen ist. Ich sehe das alles, und gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu. Weil ich halt genau weiß, dass in der Schule keine Frau W. ist, die ihn bei der Hand nimmt, wenn er nicht da bleiben will. Die ihn auf den Schoß nimmt und ablenkt und ihn bei irgendwas helfen lässt. Dass ich ihn dort eben nicht bis ins Klassenzimmer bringen darf und direkt der Lehrerin an die Hand. Zum einen will man ja partout keine Helikoptermutti  sein. Zum anderen sagt ja der Verstand, dass es richtig so ist, dass man loslassen muss, dass das Kind Flügel bekommen soll. Alles gut so, alles prima.

Aber das Herz, das Herz wird mir so schwer. Wenn ich an meine Einschulung zurückdenke… Und halt. Stopp. Da kommt mir die Erkenntnis! Meine ganzen Ängste und Sorgen bezüglich des neuen Lebensabschnitts gründen auf meinen Erfahrungen, die leider anfangs nicht besonders rosig waren. Mein Schulstart war holperig und mit wahnsinnig viel Unsicherheit, Ängsten und Bauchweh verbunden. Ich war sehr viel jünger als der Sohn bei seiner Einschulung sein wird. Bei uns gab es keine Schulkooperation. Wir haben die Lehrerinnen nicht vorher gekannt, waren nicht im letzten halben Kindijahr zu Besuch in der Schule, im Sport- und Kunstunterricht. Für mich war alles neu, der Schulanfang ein Sprung ins eiskalte Wasser. Ich hatte Angst. Ich wollte nicht! Aber das ist meine Erfahrung.

Der Sohn soll und wird einen ganz anderen Start bekommen. Seine eigene Erfahrung machen. Seine eigene Erinnerung schaffen. Unsere Aufgabe als Eltern wird sein, diese Erinnerung so schön und fröhlich wie möglich zu gestalten.

Und er freut sich so sehr auf die Schule! Ja, es ist schwer für mich, mein Baby aus der beschützten, kleinen Kindergartenkuppel zu nehmen und in diese neue, große, unbekannte Welt ziehen zu lassen. Aber es ist schwer für mich – für ihn soll es leicht sein. Ich will mich mit ihm mit freuen. Will ihm nichts, gar nichts von meinen Sorgen, Ängsten, schlechten Erinnerungen mitgeben. Will ihn mutig und tapfer fliegen lassen. Und alles wird gut.

Where we’ve got holes, we’ve got holes but we carry on

Dieses Jahr jährt sich dein Todestag zum zehnten Mal. Du bist seit zehn Jahren nicht mehr da.

Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Aktzeptanz. Nach einer Weile hatte ich geglaubt, dass die Akzeptanz bleibt, dass man damit lebt, was soll man auch machen. Wir mussten dich gehen lassen, ich musste dich gehen lassen, zu schwer war alles geworden. Du wurdest immer weniger. Und dann warst du nicht mehr da. Die Welt stand still und das Leben ging weiter.

Der Schmerz, der deine Lücke füllt, ist immer da. Manche Wunden heilt die Zeit nicht. Wohl habe ich gelernt, ihn hinter eine Türe zu packen. Meistens ist alles ganz normal. Der Schmerz ist zwar da, ich weiß wie er aussieht und sich anfühlt, aber er ist hinter der Türe und ich lebe mit ihm, weil er halt jetzt dazu gehört. Nur manchmal, so wie heute, geht die Türe auf – weil ich jemanden treffe, der so aussieht wie du, der so einen Pulli trägt, wie du ihn gerne trugst, einen Opa, der liebevoll seine Enkelin in den Kindergarten bringt, so wie du es getan hättest, wenn es dir vergönnt gewesen wäre. Oder wenn unser Vorschüler in der Vorweihnachtszeit Ausstecherle backt und völlig versunken aus vollem Herzen „In der Weihnachtsbäckerei“ anstimmt und mir nach der zweiten Zeile die Stimme wegbleibt, weil der Kloß in meinem Hals zu groß wird und sie mir erstickt.

Dann geht die Türe auf und der Schmerz überrollt mich wie eine Lawine, er lähmt mich, trifft mich mit voller Wucht. Ich kann ihn nicht wegdrücken, kann ihn nicht ignorieren, ich muss ihn über mich ergehen lassen. Ich heule wie ein kleines Kind und stehe gleichzeitig neben mir und denke, wie kann das sein. Zehn Jahre.

Täglich denke ich an dich. Oft habe ich dich vermisst. An Weihnachten. An den Familientreffen. Bei unserem Häuslesbau. Deinen Rat, deine Musik, deine witzigen Sprüche, deinen Humor. Aber nichts tut so weh, nichts zerreißt mein Herz mehr, nichts macht mich hilfloser als der Gedanke daran, dass du deinen Enkel nicht kennen durftest. Dass er diesen Opa nicht erleben darf. Weil ich weiß, wie viel Freude ihr aneinander gehabt hättet. Wie sehr du diesen aufgeweckten, lustigen, fröhlichen kleinen Kerl genossen hättest, der schon lesen kann, der Fußball liebt, Tiere und die Musik. Wie stolz du auf ihn gewesen wärst an seinem ersten Schultag im September. Mein Schmerz über diese Ungerechtigkeit ist so groß, dass ich so lange schreien möchte, bis mir die Lunge reißt. Stattdessen sitze ich da und spüre mein Herz bleischwer in meiner Brust, das in tausend Stücke zerspringt, und wünsche, wünsche so sehr. Und so vergeblich.

Denn es gibt keinen Trost. Es gibt nichts was es leichter macht. Ich kann nichts tun als diesen Schmerz aushalten und warten, bis die Welle über mich hinweggerollt ist.

Dann mache ich die Türe wieder zu. Und erzähle meinem Sohn von seinem Opa Hartmut. Und singe mit ihm „Guantanamera, häng deine Quanta ins Meer na“, so wie er es vielleicht getan hätte.

Dear Mr. President,

I started crying, when the final results of this year’s presidential election came through. As a matter of fact, I am crying right now. I am crying tears of horror, anger and fear.

I am horrified that a country I love so much, a country whose people I treasure so much for their humor and their way of life, could have voted for a man who has been saying disgusting things. A man who said disgraceful things about women, about members of the LBTGQ-community, about people from other countries, and many other things. A man who thinks it is okay to grope and to kiss women without consent. A man who plans on building a wall in order to keep unwanted visitors out of the country. I am appalled that this man will walk in shoes, which are too big for him by miles, for – at least – four years. That he is supposed to own a position which he cannot fulfill due to a flawed character and – probably – a lack of qualification. I am horrified that this man who stands for all these unspeakable things, will represent a country which a long time ago has become the home of my heart.

I am perfectly aware of the fact that it is not particularly en vogue these days to like the USA. No, actually America-bashing is the fashion. Europeans and Germans highly disapprove of the evil, war chasing, superficial and material American. Not me, though. I have spent an unforgettable and wonderful year in this country and it has found its place in my heart ever since. There is no such thing as “the American” anyway – it is, however, a sign of shallowness and ignorance to dislike a whole continent based on bias. While living there and also during many other stays and vacations, I have met people who I instantly liked and of course also people who I did not get on with so well. Just like it is in any other place in this world. There is one thing, though, that all of those people had in common: They would always be open, friendly, curious, without bias and helpful. I have never thought the salespeople’s infamous “How are you doing today” to be shallow. To me, it feels friendly. Talkative. It creates an atmosphere which in turn makes me feel comfortable. Welcome. At home. Being a Swabian, I am rather used to sales people not even looking up whenever I enter a store. So whenever I think about the USofA, there is a fuzzy feeling in my stomach. I actually become homesick. Whenever I travel to New York City, I want to kiss the floor at immigration at JFK, right there, under the flag, I am that grateful and happy to just be there again. Whenever I walk the streets of Manhattan, I feel an energy and love of life pulsing through my veins that I can feel only there. Nowhere else am I able to feel myself like this. Dear Mr. President – please, don’t break this country.

Dear Mr. President, I am also crying angry tears. I am angry about how you – for the love of power, the joy of gambling, out of arrogance? – fooled a nation with lies and empty promises, with populist tricks and with hail-fellow-well-met slogans. You abused the insecurities of many American citizens who – unfortunately – have been forgotten over the past years. You raised hope within them with empty words and you made them believe you speak their language. I am convinced that all of this has been only lip service and I am also convinced that you will be exposed pretty soon. You know what else makes me angry? That you are not willing to keep and improve those achievements that President Obama has been fighting for so hard during his eight years of presidency, instead you want to swipe them out instantly. It makes me angry that you want to put a gun into every American’s hand. It makes me angry to hear you say vaccines cause autism. And it makes me angry beyond words that you want to take the right of self-determination off women by prohibiting abortions. It makes me angry that you plan to repeal all those rights for homosexual couples that people have been fighting for for decades. Dear Mr. President – you are just like the German AfD-party. You are about to lead your country back into the Stone Age. Tell me – what is supposed to be great about that?

My tears, dear Mr. President, are also tears of fear. I have a five year old son. He does not understand as of yet the bigger picture. He does not even have a notion yet of the planet we live on. He is only starting out to explore and discover the many miracles which the earth has in store. You, Mr. President, are now the master of the red button which may destroy everything within seconds. And it pains me to say that you are not a very trustworthy person. You seem moody and short-tempered, reckless and blundering, thickheaded, you let your own sensitivities lead the way. It scares me shitless that you are entitled to decide about the future of this planet.

Dear Mr. President, my sincerest hope is that your behavior during the election campaign, your polemics, your mischief-making, your arrogant affectations were all part of an act. Part of your plan to win this election. I do hope that you take off the mask now and become aware of your position, aware of the size of the shoe you are stepping into. I hope and I pray that as a father, husband and human being, you become aware of your infinite responsibility towards your country and the world.

After all, you’re a dad too, Mr. President.

Dear Mr. President,

als gestern das endgültige Wahlergebnis bekannt wurde, habe ich geweint. Tatsächlich weine ich immer noch. Es sind Tränen des Entsetzens, der Wut und der Angst.

Entsetzt bin ich darüber, wie ein Land, das ich so sehr liebe und dessen Menschen, deren Humor und Lebensart ich so sehr schätze, einen Mann gewählt hat, der abstoßende, hässliche Sätze sagt und gesagt hat. Abwertende Sätze über Frauen, über Mitglieder der LBTGQ-Community, über Menschen anderer Herkunft und vieles andere mehr. Einen Mann, der es okay findet, Frauen zu begrapschen und gegen ihren Willen zu küssen, einen Mann, der eine Mauer bauen will, um unerwünschte Besucher aus anderen Ländern fern zu halten. Ich bin entsetzt darüber, dass dieser Mann nun – mindestens – vier Jahre lang eine Position innehält, deren Schuhe ihm meilenweit zu groß sind, für die er charakterlich – und womöglich auch professionell – nicht geeignet ist, ich bin entsetzt, dass dieser Mann, der für diese unwürdigen Aussagen steht, ein Land repräsentiert, das längst zu meiner Herzensheimat geworden ist.

Ich weiß, dass es derzeit nicht besonders en vogue ist, die USA zu mögen. Im Gegenteil, Amerika-Bashing ist die Geisteshaltung der Zeit, wir Deutschen und Europäer lehnen den bösen, kriegtreibenden, oberflächlichen und materiellen Amerikaner ab. Ich nicht – ich habe ein sehr prägendes und großartiges Jahr lang in diesem Land gelebt und habe es seither in mein Herz geschlossen. „Den Amerikaner“ gibt es ja eh nicht – zeugt es doch von Oberflächlichkeit und Ignoranz, einen ganzen Kontinent aufgrund von Vorurteilen abzulehnen. Während meines Aufenthalts dort und während unzähligen Besuchen und dort verbrachten Urlauben habe ich Menschen getroffen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind; genau so auch Menschen, die mir nicht so lagen – wie es eben so ist, in jedem Land, an jedem Ort dieser Welt. Was allerdings alle diese Menschen dort gemeinsam hatten (und haben): immer begegneten sie mir offen, freundlich, neugierig, vorurteilslos, hilfsbereit. Das „How are you doing today?“ des Verkaufspersonals habe ich nie als oberflächlich empfunden sondern als freundlich-kommunikativ. Diese kommunikative Art schafft eine Atmosphäre in der ich mich einfach wohl und angenommen und zuhause fühle. Als Schwäbin bin ich es eher gewohnt, dass Verkäufer*innen nicht einmal den Blick heben, wenn ich einen Laden betrete. Wenn ich also an die USA denke, wird mir warm ums Herz und ich bekomme Heimweh. Wann immer ich nach New York City reise, möchte ich bei der Ankunft im JFK, da wo die riesige Flagge hängt, den Boden küssen vor lauter Freude und Dankbarkeit, wieder dort zu sein. Wenn ich in Manhattan bin, durchströmt mich eine Energie und Lebenslust, sofort pulsiert die reine Lebensfreude durch meine Adern. Nirgendwo spüre ich mich selber so sehr. Dear Mr. President – bitte machen Sie dieses Land nicht kaputt.

Dear Mr. President, meine Tränen sind auch Tränen der Wut. Der Wut darüber, dass Sie – aus Machtgier, aus Freude am Spiel, aus Arroganz? – ein Volk mit Lügen und leeren Versprechungen, mit populistischen Tricks und anbiedernden Parolen hinters Licht geführt haben. Sie haben sich die Verunsicherung der vielen, vielen amerikanischen Bürger, die in den letzten Jahren (leider!) vergessen wurden zunutze gemacht. Sie haben mit Ihren leeren Worten bei diesen Menschen Hoffnungen geschürt und ihnen vorgegaukelt, Sie würden die Sprache dieser Menschen sprechen. Dass das alles Lippenbekenntnisse waren, wird sich, da bin ich überzeugt, schnell herausstellen. Und auch das macht mich wütend: Dass Sie die hart erkämpften, wenigen Errungenschaften, die Präsident Obama in seinen acht Jahren Amtszeit erreicht hat, nicht weiterführen und verbessern wollen, sondern mit einem Wisch alles zunichte machen wollen. Es macht mich wütend, dass Sie jedem Amerikaner eine Waffe in die Hand geben wollen. Es macht mich wütend, dass Sie behaupten, Impfungen würden Autismus verursachen, es macht mich unendlich wütend, dass Sie Frauen das Selbstbestimmungsrecht nehmen wollen und Abtreibungen wieder verbieten wollen. Es macht mich wütend, dass Sie all die über Jahrzehnte hart erkämpften Rechte für Homosexuelle Paare außer Kraft setzen wollen. Dear Mr. President, Sie sind wie die AfD. Sie sind drauf und dran, Ihr Land zurück in die Steinzeit zu führen. Was soll daran „great“ sein?

Und es ist die Angst, die mich zum Weinen bringt. Dear Mr. President – ich habe einen fünfjährigen Sohn. Er versteht noch nichts von den groben Zusammenhängen, er hat noch nicht mal eine genaue Vorstellung von dem Planeten, auf dem wir leben. Er ist erst noch dabei, die vielen Wunder, die die Erde bereit hält, zu erforschen und zu entdecken. Sie, Mr. President, sitzen jetzt an einem roten Knopf, der dies alles innerhalb von Sekunden vernichten kann. Leider, und das sage ich Ihnen ehrlich, sind Sie keine besonders vertrauenswürdige Person. Sie scheinen launenhaft und leicht reizbar, unbesonnen, eigensinnig, geleitet von Ihren persönlichen Befindlichkeiten. Dass jemand wie Sie über die Zukunft unseres Planeten entscheiden darf, macht mir Angst.

Dear Mr. President, ich hoffe inständig, dass Ihr gesamtes Auftreten während des Wahlkampfes, Ihre Polemik, Ihre Hetzerei, Ihr arrogantes Gehabe, Teil einer Show war. Teil Ihres Plans, um die Wahl zu gewinnen. Ich hoffe, Sie legen dieses Kostüm jetzt ab und werden sich Ihrer Rolle bewusst, der Größe der Fußstapfen, in die Sie treten. Ich hoffe und bete, dass Sie sich als Vater, Ehemann und Mensch Ihrer unendlichen Verantwortung Ihrem Land und der Welt gegenüber im Klaren sind.

After all, you’re a dad too, Mr. President.

Take comfort in your friends

„Ich bin so traurig“, sagt sie. Vier kleine Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Es ist fast dasselbe Gefühl, wie wenn mein Kind in Not ist und ich nicht gleich helfen kann. Ich spüre ihren Schmerz. Ich sehe sie an. So viele Jahre, die wir uns schon kennen. Sie ist die Freundin zum Pferde stehlen, die, die immer da ist, ein Energiebündel, die immer nach vorne treibt. Ich habe sie fröhlich erlebt, stinkesauer, ausgelassen, ratlos. Wir haben zusammen gelacht und geheult, gelästert und getratscht. Unsere Neugeborenen bewundert. Unsere jeweiligen Lebensphasen begleitet. Richtige Probleme besprochen und Pläne geschmiedet. Unsere Träume geteilt. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir halten uns immer auf dem Laufenden.

Aber „Traurig“ ist neu. „Traurig“ kenne ich bei ihr nicht. Mit „Traurig“ kann ich nicht umgehen.

Ich versuche Worte zu finden, zuversichtliche, tröstende. Mir fallen keine ein. Ich lege meine Hand an ihre Wange, so weich, streichele sie kurz, wie ich es bei meinem Sohn mache, wenn ich ihn tröste. Ich schaue ihr in die Augen. Die Sätze, die aus meinem Mund kommen wollen, kommen mir wie fade, abgedroschene Floskeln vor. Sie zerfallen zu Staub, bleiben mir im Hals stecken. Ich habe keine Ahnung, was ich für sie tun kann. „Es tut mir so leid“, sage ich. „Es wird wieder besser, ganz bestimmt“. Sie nickt. Sie will mir gerne glauben. Es gibt keinen Ausdruck dafür, wie gerne ich sie in diesem Moment habe.

Wir gehen zum Parkplatz. Wir verabschieden uns. Ich nehme sie in den Arm. „Ich bin immer für dich da“, sage ich und meine es genau so. „Danke“, sagt sie, und meint es auch so. Dann geht sie. Stolz und schön und ganz allein. Sie dreht sich nicht nach mir um. Ich hoffe, dass ihre Traurigkeit ein bisschen leichter wiegt, weil ich sie mit ihr trage.

„Traurig“ wiegt plötzlich tausend Tonnen.

Ein Stöckchen!

Ich hab mir hier mal ein Stöckchen geklaut. Weil ich es kann!

1. Wie geht es Ihnen heute?
Gut! Ich hatte eine ganz wunderbare Verabredung mit einer Freundin, die ich seit 23 Jahren kenne und zuletzt vor 8 Jahren gesehen habe. Es ist immer wieder ein kleines Wunder, dass es Menschen gibt, mit denen man da anknüpfen kann, wo man aufgehört hat, und sei es vor Jahren. Die Zeit war viel zu kurz, wir werden das bald mal wiederholen.

2. Wie finden Sie die Sache mit Pokémon-Go?
Das Spiel selber interessiert mich nicht. Mich hat der Riesenhype in meiner Facebook-Timeline sehr irritiert, jeder 2. Beitrag hatte plötzlich Pokémon Go zum Inhalt. Ist aber recht schnell wieder abgeflacht und jetzt ist es mir herzlich egal. Ich finde allerdings die Rechtfertigung „so kommen die Kids wenigstens mal raus“ ein wenig lächerlich, da sie ja trotzdem permanent in ihr Gerätle starren. Also von daher… Hmnja.

3. Haben Sie Pläne für das kommende Wochenende?
Ja!

4. Was machen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?
Ich gehe erst mal aufs Klo. Dann lege ich mich anders hin. Dann träume ich mich in meinen derzeitigen Lieblingstraum hinein. Wenn alles nix hilft, lese ich. Wenn ich aus Gründen nicht schlafen kann, hilft es mir manchmal, wenn ich mir sage: „Dieses Problem kannst du jetzt und hier nicht lösen, vielleicht morgen. Dann kannst du jetzt genauso gut auch schlafen.“

5. Haben Sie schonmal die ISS vorbeifliegen sehen?
Nein und ich hatte ja keine Ahnung, dass das überhaupt möglich ist.

6. Wie ist das bei Ihnen mit Vertrauen: Vorauskasse oder auf Rechnung?
Kommt ja auf den Blickwinkel an. Generell finde ich gilt, erst Leistung/Ware, dann Geld.

7. Also wenn wir jetzt zum Karaoke gehen, welches Lied singen Sie dann auf jeden Fall?
Dieses:

8. Worüber machen Sie sich gerade Sorgen?
Um die Welt wie wir sie kennen.

9. Welche Chipssorte finden Sie am besten?
Ich steh‘ nicht so auf Chips. Wenn, dann Tortilla-Chips mit Guacamole (so wie ich sie mag: Avocado, Limette, Salz, Pfeffer, Creme Fraiche). Ich mag auch Tortilla-Chips mit warmem Käse-Dip, also Nachos. Kartoffelchips brauch ich überhaupt nicht.

10. Wahlrecht ab 16, ja oder nein?
Ja.

11. Welchen Luxus leisten Sie sich?
Ich leiste mir den Luxus, meinen Sohn mit Liebe zu überschütten und ihn nach Strich und Faden zu verwöhnen. Und gute Bücher zu lesen. Und, wenn ich Gelegenheit dazu habe, meine aktuelle Serie auf Netflix binge zu watchen. Seit neuestem leiste ich mir den Luxus von Kaffee aus einem Vollautomaten.