the end of the world as we know it

Vielleicht gewöhnt man sich ja daran. Dachte ich gestern bei der Heimfahrt aus meiner Stadt ins beschauliche Dorf, wo ich lebe. Die Polizei hatte entwarnt: Für die Bevölkerung bestand keine Gefahr mehr. Der Macheten-Irre war ein Einzeltäter und in Verwahrung.

Vielleicht wird es ab jetzt so sein, dachte ich. Schlimme Meldungen, Terrorwarnungen, dringende Empfehlungen, zuhause zu bleiben – und nach der Entwarnung geht das Leben wieder weiter. Und irgendwann gelingt es einem, ohne Angst in den Supermarkt, ins Freibad, zum Open-Air-Konzert, in den Urlaub zu gehen. Denn die Angst hilft ja nicht und sie ändert nichts. Schützen kann man sich nicht, passieren kann es überall, treffen kann es jeden. Ob Amokläufer wie in München, Würzburg oder Reutlingen, ob Terroranschlag wie in Nizza und Ansbach. Vielleicht gewöhne ich mich daran, weil ich muss.

Woran ich mich sicher nicht gewöhnen werde und will, sind die Stimmen, die gleich wieder laut, zu laut werden. Nicht nur in den sozialen Medien (da allerdings überpräsent). Auch in meinem direkten Umfeld. Schlimme Äußerungen über das „Pack, das man wieder nach Hause schicken“ solle. Bösartige Drohungen gegenüber unserer Bundeskanzlerin, die „dieses Dreckspack auch noch hereingeholt hat“. Unsägliche Äußerungen seitens des AfD-Reutlingen Twitteraccounts, später entschuldigt („der Praktikant hatte Zugang zum Account“), wenig später gelöscht. Wie gerufen kommen die jüngsten Ereignisse denjenigen, denen es schon seit letztem Spätsommer nicht passt, dass fremde Menschen hier Zuflucht suchen und bekommen. Und ja, es sind immer noch Menschen, über die wir hier sprechen. Auch die Attentäter. Auch die Amokläufer. Es sind Menschen. Selbstredend heiße ich nichts von dem, was passiert ist, gut. Ich nehme niemanden in Schutz, solche Taten sind verachtungswürdig und abscheulich. Genauso abscheulich sind aber auch diejenigen, die ein ganzes Volk für diese Taten Einzelner verantwortlich machen wollen.

Diese Hetze hilft keinem. Diese Hetze macht alles nur noch schlimmer.

Ein Gedankenspiel. Wir erinnern uns an den furchtbaren Terroranschlag des Norwegers Breivik im Juli 2011. Breivik gilt als Terrorist; er wurde als voll zurechnungsfähig befunden, seine Motive sind islamfeindlich, er hat sich in vollem Umfang zu seinen Taten bekannt und auch noch versucht, diese zu rechtfertigen.

Wo sind die Stimmen, die rufen, die Norweger seien ein Terroristenvolk?

Böse Menschen gibt es. Überall. Natürlich kann man bei einem Flüchtlingszustrom, wie er seit vergangenem Herbst nach Europa kam, nicht ausschließen, dass auch böse Menschen mit unter den Schutzsuchenden sind. Wie denn auch? Das wäre naiv. Viele schreien, man hätte „die niemals ohne Kontrollen hier reinlassen dürfen“. Ja, klar. Weil ja im Pass vermerkt ist, dass einer Terrorist ist und die Absicht hat, einen Anschlag zu verüben – oder dass er pychische Probleme hat und einen erweiterten Selbstmord oder Amoklauf plant.

Der Amokläufer von München (hier geboren und aufgewachsen) hat sich übrigens den Deutschen Tim Kretschmer als Vorbild genommen, der im März 2009 15 Menschen wahllos getötet hat. (Auch hier: wo waren die Rufe, alle Deutschen – oder womöglich Schwaben? – seien Terroristen und gefährlich und gehören weggesperrt? Niemand hat sich so geäußert. Weil es absurd gewesen wäre.) Er hatte mit der aktuellen Flüchtlingssituation überhaupt nichts zu tun.

Es ist absurd, ein ganzes Volk oder alle Anhänger einer bestimmten Religion oder alle Nicht-Deutschen verantwortlich zu machen für die Tat eines Einzelnen. Es ist absurd, rassistisch und falsch. Ich werde mich daran nicht gewöhnen und ich werde den Mund aufmachen und genauso laut dagegen brüllen. Und ich hoffe, dass ich dies in Zukunft nicht mehr allzu häufig werde tun müssen – weil sich die Lage wieder beruhigt. Ich hoffe, dass dies nicht der Anfang vom Ende ist. Jeder von uns ist gefragt, seinen Teil dazu beizutragen, dass wir den Aufbruch schaffen zu einer friedlichen Gesellschaft.

Imagine.

 

 

 

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Everything I do

Wie ich mal mit einer Mittelohrentzündung zum Arzt bin und im CT landete.

Es fing harmlos an, schmerzhaft, aber harmlos. Ohrenschmerzen kann ich jetzt über Ostern echt nicht gebrauchen, dachte ich, und schmiss mir beherzt eine Ibu ein. Als die Ohrenschmerzen heftiger wurden und sich einseitig bis zur Stirn ausweiteten, dachte ich an einen Zug. Als dann das linke Augenlid halb übers Auge hing und sich die Pupille nicht mehr ausweitete, drängte der beste Mann darauf, dass ich zum Arzt gehen sollte.

Fünf Tage, nachdem die Ohrenschmerzen angefangen hatten, Tage, in denen ich vor Schmerzen manchmal nicht wusste, wie ich heiße (mir taten sogar die Haare weh), saß ich dann also beim Arzt meines Vertrauens. Der schaute sich mein Gesicht genau an, machte ein paar Tests und sagte dann, „Sie sind ein neurologischer Notfall“. Mit einem Telefonanruf vereinbarte er für mich einen Termin bei einer Neurologin am nächsten Morgen. Und verschrieb mir stärkere Schmerzmittel.

Bei der Neurologin hatte ich dann recht schnell den ersten diagnostischen Verdacht: Dissektion der Carotis interna. Das dadurch entstandene Hämatom drückte auf den Trigeminus-Nerv, was diese grauenhaften Schmerzen verursacht hat, und das hängende Augenlid. Diese Diagnose wollte sie aber durch eine Kernspintomographie abgesichert haben. Also zur Notaufnahme ins örtliche Krankenhaus.

Die ganze Zeit über hatte ich wenig Angst, meine Hauptsorge galt im Wesentlichen meinem Kind, dass sein Tag reibungslos ablaufen würde, dass er vom Kindergarten abgeholt wird, dass der Nachmittag für ihn normal weitergeht und so weiter. Da die Neurologin meine Frage, ob das ein Tumor sein könnte, sehr sicher mit „nein“ beantwortet hatte, hielten sich meine Sorgen in Grenzen. Etwas Gefährlicheres als einen Tumor konnte ich mir nicht vorstellen.

In der Notaufnahme wurde ich gründlich untersucht, der behandelnde Neurologe war sehr ernsthaft und sehr nett („Gut, dass Sie hier sind. Wir kümmern uns um Sie.“) und veranlasste sehr schnell die Untersuchung im MRT. Und da lag ich dann.

Niemand hatte mir erklärt, was da genau vor sich geht. Niemand hatte mir gesagt, wie lange die Untersuchung dauert, dass das Klopfen, Summen und Brummen zwar extrem laut und unangenehm, aber normal ist. Sie hatten mir versichert, ich käme bis zur Brust in die Röhre. Die Panik kam, als ich bis fast zu den Oberschenkeln drin lag. Ich habe leichte Klaustrophobie, was nicht sehr förderlich ist, wenn man mit fixiertem Kopf in einer körpernahen Röhre liegt. Ich weiß nicht mehr, woran ich gedacht habe in diesen 10 oder 15 Minuten. Ich erinnere mich, dass mir vor Erleichterung die Tränen kamen, als ich wieder draußen war. Und wie kühl und unnahbar die Radiologin war, sie hat kein Wort zu mir gesagt, das hat mich sehr erschüttert.

Der nette Neurologe in der Notaufnahme begrüßte mich dann mit den Worten „kein Tumor, kein Schlaganfall, das ist schon mal gut“, worauf ich erst mal nicht antworten konnte, weil mir die Erleichterung den Hals zuschnürte. Die Lage war trotzdem ernst, so erklärte er mir, denn mit so einer Abspaltung von Hautschichten innerhalb einer Hauptschlagader ist natürlich nicht zu spaßen. Zum ersten Mal wurde mir dann klar, wie knapp ich an einem Schlaganfall vorbeigeschrammt bin. Das Blut hinter dem Spalt gerinnt und bildet Klümpchen, weil es langsamer bewegt wird. Wenn ich nicht zum Arzt gegangen wäre… „ich WILL es mir nicht vorstellen“, sagt der beste Mann. Nein, da hat er wohl mal recht.

Jetzt muss ich Blutverdünner nehmen und den Blutdruck senken, darf nichts Schweres tragen und muss generell auf mich aufpassen. Das Augenlid hängt noch (Horner-Syndrom heißt das) und ab und zu kommen auch die Schmerzen zurück. So ein gequetschter Nerv erholt sich wohl, aber langsam.

Und ich habe Angst. Mein Urvertrauen in meinen so selbstverständlich funktionierenden Körper ist total erschüttert. Woher diese Verletzung in der Schlagader kommt, weiß man nicht. Das ist doch gruselig. Was, wenn das nochmal passiert? Was, wenn die Verletzung größer wird? Oder an anderer Stelle nochmal auftritt? Durch die Blutverdünner, sagt man mir, sei ich geschützt. Aber was anderes kann man nicht tun, ich muss darauf vertrauen, dass mein Körper sich selber heilt, weiß was er tut. In einem halben Jahr wird der Stand der Dinge kontrolliert.

Und als Mutter, ja, da liegt man halt da und denkt an diesen fünfjährigen Buben, der so völlig unbeschwert und sorglos durch sein Leben geht. Der mich so sehr braucht, für den sein ganzes Lebensglück von mir abhängt, dessen Welt in winzigkleine Stücke zerbersten würde, wenn mir etwas zustoßen sollte. Und die Sorge um die Unbeschwertheit des Sohnes wiegt tausendmal schwerer als die Sorge um das eigene Wohlergehen, auch wenn beide untrennbar miteinander verknüpft sind.

Das gehört eben auch zum Elternsein – achtsam umgehen mit sich selbst und dabei nur das Wohl eines kleinen Menschen im Blick haben. Ganz schön schwer.

 

 

People are people, so why should it be?

Ich bin kein politischer Mensch. Politik war mir immer zu anstrengend, zu unverständlich, zu undurchsichtig. Die Wahrnehmung, was in der Politik schief läuft, was sie wieder verbockt haben, „da oben“, wechselt ja auch je nach Lebenssituation. Seit ich Mutter bin, sind mir Themen wie Kinderbetreuung, Schul- und Bildungssystem, Elternzeit und Wiedereinstieg in den Beruf viel näher gerückt. Früher waren das eher solche Dinge wie Riester-Rente, Soli-Zuschlag und Krankenzusatzversicherungen. Insgesamt lebe ich aber in dem Bewusstsein, dass alles, was wir hier in diesem Land an unserer jeweiligen Regierung kritisieren, Jammern auf hohem Niveau ist. Uns geht es (fast) allen sehr gut, wir sind sozial abgesichert, haben eine großartige Gesundheitsversorgung; unser Lebensstandard gehört zu den höchsten der Welt. Und trotz aller Politikverdrossenheit (ich bin ein Kind der 70er und mit politischen Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt und Willy Brandt aufgewachsen. Solche vor allem menschliche Größen vermisse ich heute schon sehr) gehe ich natürlich immer brav wählen weil ich die Demokratie, in der ich leben darf, wertschätze und weil ich mit dem Satz „wer nicht wählt, wählt braun!“ aufgewachsen bin.

Und jetzt passiert sowas. Jetzt wählt ein zweistelliger Prozentsatz aller Wähler (bei einer Wahlbeteiligung von über 70%!!!) im Ländle die AfD. Aus Protest, so geben Umfragen laut. Aus Protest. Soso. Der Protest richtet sich, so nehme ich an, gegen die Merkel-Politik, die seit letztem Herbst die Tore aufgemacht hat für eine große Zahl von Menschen, die – durch dieselbe Politik mitverschuldet – in allergrößte Not geraten sind. Und während ich Frau Merkel seit eben dieser Zeit mit ganz anderen Augen sehe – plötzlich wirkt sie menschlich auf mich, moralisch und stark, geradlinig, völlig losgelöst von irgendwelchen Umfragequoten und drohenden Stimmverlusten – gehen andere hin und wählen dumpfe Rechtspopulisten, um ihr einen „Denkzettel“ zu verpassen.

Wie groß ist eigentlich die Angst dieser sogenannten „Protestwähler“ vor ein paar fremden Leuten, die ein (vergleichsweise) winziges Stück von einem riesigen Kuchen abbekommen sollen, den wir alleine doch sowieso nicht schaffen und von dem wir eh einen Großteil wegschmeißen müssten? Wie abgestumpft und fremdenfeindlich, feige und ungebildet muss man eigentlich sein, um eine Partei zu wählen, die wirklich alles, was wir in den letzten 50 Jahren hart erkämpft haben (Gleichstellung der Frau, Umweltschutz, Verringerung der CO2-Emmissionen, Homo-Ehe, Schutz von Alleinerziehenden, Bildungspläne, um nur ein paar Beispiele zu nennen) rückgängig machen will?

Mit am erschreckendsten finde ich den Plan zur „Pflege der deutschen Leitkultur“ – Zitat – „…der fehlende Mut zur deutschen Leitkultur schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Wem da nicht die Alarmsirenen in beiden Ohren aufheulen, der hat im Geschichtsunterricht wirklich gepennt. Wem bei dem Begriff „deutsche Leitkultur“ nicht die Galle hochkommt, der hat wirklich gar nichts verstanden.

Und allen, die immer rumjammern, man soll nicht immer mit der „Nazikeule“ kommen, diese Zeiten seien längst vorbei, man müsse es auch einmal gut sein lassen und nach vorne blicken, sei gesagt: mit der AfD blickt niemand mehr nach vorne. Mit denen rasen wir mit Vollgas in einen wirklich düsteren Abgrund. Und in so einem Deutschland will ich dann nicht leben.

I thank you… for showing me home

Meine Oma war eine starke Frau. Nach dem Krieg musste sie ihre beiden Kinder alleine durchbringen, hat immer gearbeitet, bis ins hohe Alter. Sie musste (wie so viele aus dieser Generation) auf vieles verzichten. Durch ihr beschwerliches Leben und das viele Alleinsein wurde sie im Alter ein bisschen schrullig, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen unbequem. Aber für uns war sie immer die weltbeste Oma.

Sie hat lange Zeit in einer Annahmestelle einer Reinigung gearbeitet. Wann immer ein Kunde mit einem besonders schönen, neuen, glänzenden Geldstück bezahlt hat, hat sie dieses ausgetauscht und für uns zur Seite gelegt. Wenn sie zu Besuch kam (und das war oft), hat sie uns diese Geldgeschenke (2 DM- oder 5 DM-Stücke) auf kleine Kärtchen geklebt, mit lustigen Aufklebern und kleinen Bildchen. Obwohl sie selbst mit einem winzigen Einkommen leben musste, kam sie nie mit leeren Händen. Sie hat uns Kirschsaft mitgebracht, Wibele, frisches Obst vom Markt, die besten Kekse.

Wenn meine Oma bei uns übernachtet hat, damals noch in der Mietwohnung, im Wohnzimmer auf dem Sofa, hat sie nie den Rolladen runter gemacht. „Wenn ich morgens aufwache, muss ich den Himmel sehen“, hat sie immer gesagt.

Eine Zeit lang durften mein Bruder und ich ein- bis zweimal im Monat samstags bei ihr übernachten. Meine Eltern hatten dann Kegelabend oder sowas. Wir durften dann im Fernsehen anschauen, was wir wollten (es gab ja eh nur 3 Programme), meist war das dann eine Samstag-Abend-Show wie „Auf Los geht’s Los“, „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass…?“, damals noch mit Frank Elstner. Wir durften die Sendung immer bis zu Ende sehen. Dann haben wir gemeinsam in ihrem Schlafzimmer im großen Doppelbett geschlafen, meine Oma ist auf die Couch ausgezogen. Noch heute sage ich mit meinem jetzt 5-Jährigen den Gute-Nacht-Spruch, den meine Oma immer mit uns aufgesagt hat: „Schlaf gut und gsund und kugelrund, bis morgen früh dein Kaba kommt“. Nur das Wort „Kaba“, das ersetzen wir durch „Nutellabrot“.

Morgens haben wir immer noch ewig mit den riesigen Federbetten im Bett gespielt. Zum Frühstück hat mir meine Oma einen Kaba mit Sahne gemacht – die Sahne hat sie mit so einem Handschneebesen steif geschlagen. Nirgendwo hat mir Schlagsahne besser geschmeckt als auf der Eckbank bei meiner Oma, in meiner Tasse mit heißem Kaba.

Samstagnachmittags hat meine Oma gebadet und ich durfte dabei zusehen, wenn ich wollte. Sie hatte so eine Badewanne mit Füßchen. Sie hat Litamin-Badeschaum verwendet und nach dem Baden hat sie sich so kalte Güsse gemacht (vom Herzen weg, zum Herzen hin, ich habe es mir nicht merken können) und sich eingecremt. Von ihrem winzigen Badezimmerfensterchen aus konnte  man die schwäbische Alb sehen. Oft hat sie einen kleinen Hocker für mich geholt und mir die einzelnen Berge gezeigt (Achalm, Roßberg, Mägdeberg), und beim nächsten Mal wusste ich wieder nicht, welcher Berg wie heißt.

Wenn wir Brettspiele gespielt haben hat sie eine große Tasche mit Clipverschluss aus dem Spieleschrank geholt, da waren alle Spielfiguren drin. Ich habe oft auch einfach nur mit den Figuren gespielt. Ein Set war ein winziges Spielfigurenset aus buntem Glas, das habe ich besonders geliebt. Meine Oma hatte auch ein Pochbrett und dazu ein Säckchen mit bunten Bohnen. Und ein Schiebespiel aus Blech. Die alte Puppe meiner Mutter samt Puppenwagen war auch noch da. Ich habe nicht so gerne mit ihr gespielt, weil sie so komisch gerochen hat. Aber fasziniert hat sie mich doch.

Wenn dann unsere Eltern kamen, um uns abzuholen, ist meine Oma immer die 3 oder 4 Stockwerke mit uns mit nach unten gegangen bis zum Auto. Dort habe ich darauf bestanden, dass sie mir von einem der Ahornbäume, die an den Parkplätzen gepflanzt waren, ein Blatt abpflückt. Erst dann wollte ich mich verabschieden.

Einmal, im Jahr 1997, war ich unterwegs in den USA mit Freunden. Wir fuhren in einem Van, ich saß ganz hinten. Und ich dachte zufällig an meine Oma und wie sie mir einmal erzählte, dass sie zwar nicht an Gott glaubt, aber doch jeden Abend und jeden Morgen an uns (das heißt, an meine Eltern, meinen Bruder und mich) denkt und – wen auch immer – darum bittet, uns zu beschützen. Just in diesem Moment, ich schwöre, dass das so passiert ist, fuhr das Auto durch eine große Pfütze und kam durch Aquaplaning von der Fahrbahn ab, drehte sich ein paar Mal und landete im Graben. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass der von meiner Oma erbetene Schutz  in diesem Moment gewirkt hat.

Ich habe meiner Oma mal zu Weihnachten ein Kissen bestickt, mit ihrem Namen. Das Kissen hat sie sehr gerne gehabt, sie hatte es auch bei ihrem Tod bei sich. Das „Oma-Li“-Kissen ist eines der wenigen Dinge, die ich noch von ihr besitze und ich habe es gern als Fernsehkissen. Ich denke sehr oft an sie; immer mit einem Lächeln.

Meine Oma wäre in diesem Monat 104 Jahre alt geworden. Ich wünsche ihr sehr, dass sie es gut hat, da wo sie jetzt ist.

 

It’s a dirty job (but somebody has to do it)

Ich bügle nicht ( Sidenote für alle Kasper: es geht ums Wäsche glatt bügeln). Das ist so, seit unser Sohn auf der Welt ist. Also fast nichts. Mein Leitspruch lautet „Bügeln wird total überbewertet“ und seit ich das so lebe, fehlt mir überhaupt nichts. Ich fühle mich nicht ungepflegt, sehe ordentlich aus und meine Klamotten leiden auch nicht drunter. (Hausfrauentipp: Ich hänge die Sachen, die ich früher gebügelt hätte (und die nicht in den Trockner dürfen), schön auf Bügel und lege sie wenn sie trocken sind glatt und faltenfrei zusammen. Passt.) Einzige Artikel die ich bügle sind Küchentücher (da bin ich irgendwie eigen) aber davon habe ich so viele, dass es reicht, wenn ich  einmal im Vierteljahr das Bügelbrett zücke. Und die sind ja dann auch ratzfatz durch. Sollte ich mal eine Bluse oder ein Shirt aus dem Schrank holen, was wirklich gebügelt schicker aussehen würde, dann bügle ich eben nach Bedarf. Tischtücher bügle ich direkt auf dem Tisch, bevor das Geschirr drauf gedeckt wird. Und die Hemden des besten Mannes gehen mich nichts an – dazu komme ich aber später.

Das mit dem Nichtbügeln war natürlich nicht immer so. Früher (TM) habe ich wirklich alles gebügelt (außer Unterhösle und Handtücher). Da war sonntagabends Tatortzeit = Bügelzeit. Als ich dann aus meinem Single-Haushalt mit dem besten Mann zusammengezogen bin war ich innerhalb der Aufteilung der Haushaltsaufgaben zwar damit einverstanden, dass ich seine Sachen mitbügle – aber nicht die Hemden. Ich habe es schlichtweg nicht eingesehen, dass ich als Vollzeit arbeitender Mensch zusätzlich zu allem anderen Kruscht auch noch 5-6 Hemden pro Woche bügeln soll. Warum auch? „Kannste dich selber drum kümmern“, war meine Ansage, und dabei blieb es. Der beste Mann wäre ja nicht der beste Mann, wenn er das nicht voll eingesehen hätte, und er kümmerte sich. (Er bringt die Hemden zu seiner Mutter, die bügelt sie. Meine Vorstellung wäre ja eher ein Bügelservice gewesen. Aber: Ich misch mich da nicht ein (TM).)

Für dieses Arrangement ernte ich neben Neid und Bewunderung (hahaha) auch Unverständnis. Und dies seltsamerweise hauptsächlich von Frauen. Selbst von meiner Mutter („Also für mich war es selbstverständlich dass ich die Hemden vom Papa mitgebügelt habe“) und auch von einer Freundin in meinem Alter: „Der (damit ist der beste Mann gemeint) hat eine Frau  und muss seine Hemden selber bügeln???“

WTF????

Für diese Einstellung habe ich, milde ausgedrückt, überhaupt kein Verständnis. Also mal ehrlich – in welchem Zeitalter leben wir denn? Warum soll das Hemdenbügeln per se MEINE Aufgabe sein? Und ich rede jetzt gar nicht mal von jetzt, da ich ja überwiegend zuhause bin und meinen Beitrag zum Haushaltskonto in Hausarbeit leiste – ich rede von zwei in Vollzeit arbeitenden Menschen die sich zu gleichen Teilen am Haushalt beteiligen (sollten) – wieso soll ich da fünf bis sechs Hemden pro Woche bügeln, die ich nicht trage? Das ist für mich nicht mal eine Frage von Emanzipation oder Gleichberechtigung oder Rollenverständnis oder ähnliches – es ist einfach eine Frage der Logik und Gerechtigkeit.

Und deshalb lehne ich das Hemdenbügeln ab. Und auch das Bügeln sonstiger Kleidungsstücke – denn das braucht echt kein Mensch.

(Ist auch ein echt komisches Wort, „bügeln“, oder?)

 

 

 

The stars look very different today

Der Tod von David Bowie macht mich traurig. So richtig tief traurig, immer hart an der Grenze zu nassen Augen traurig. Meine Facebookchronik ist voll von Geschichten und Erinnerungen und Nachrufen und alle bringen mich zum Weinen.

Ich verstehe bloß nicht so ganz, warum. Klar, ich bin mit Bowie aufgewachsen, ich hab seine Musik sehr gerne, aber ich war nie ein ausgesprochener Fan. Besitze keine einzige CD, war auf keinem Konzert. Warum trifft mich sein Tod so tief?

Vielleicht, weil mit ihm eben wieder einer geht, der immer da war. Den ich für selbstverständlich gehalten habe. Toll, dass es ihn gibt, toll, dass er so schöne Musik macht. Ich habe ihn schon bewundert, fand seine kühle Ästhetik atemberaubend und seine Stimme absolut faszinierend. Und sexy.

Aber ich habe mich nie ausführlicher mit ihm befasst.

Vielleicht ist auch das der Grund meiner Traurigkeit. Weil es jetzt zu spät ist. (Dabei stimmt das ja gar nicht, so ein Künstler geht ja nie ganz, seine Musik und seine Filme bleiben ja, kann mich ja immer noch damit beschäftigen. Nur live sehen, das geht halt nicht mehr.) Weil ich eine Gelegenheit verpasst habe.

Sicher spielt auch eine Rolle, dass der Tod einer Persönlichkeit, die man seit der eigenen Jugend bewundert, einem auch immer die eigene Sterblichkeit vor Augen hält. Wenn einer, der unsterblich scheint, plötzlich stirbt (und für mich kam das sehr plötzlich, ich wusste überhaupt nicht, dass er so schwer krank ist), dann fühlt man sich selber plötzlich sehr verletzlich. Und irgendwie auch so alleine.

Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht ergründen. Es bleibt eben so. Ich bin sehr traurig, dass er schon gehen musste. Und werd jetzt mal anfangen, seine Musik richtig zu hören.

Funk to funky, Mr. Bowie.

I’m sick and tired

Liebes Brigitte-Facebook-Redaktionsteam,

ich hab jetzt endgültig die Faxen dicke. Aber sowas von. Euer Facebook-Auftritt ist wirklich das allerletzte. Und in den letzten Tagen und Wochen wurde es schlimmer. Falls das überhaupt noch möglich ist.

Ich bin mit der Brigitte aufgewachsen. Meine Mutter war treue Abonnentin und bis spät in die 80er Jahre habe ich die Zeitschrift gerne gelesen. Durch einen Zufall wurde ich im letzten Jahr selbst Abonnentin und hatte eigentlich gedacht, mit der Brigitte kannst du nichts falsch machen. Das Abo habe ich mittlerweile auch wieder gekündigt – aber darum soll es hier jetzt gar nicht gehen.

Leider muss ich auf Facebook feststellen – wo „Brigitte“ drauf steht, ist leider längst nicht mehr „Brigitte“ drin. Da wird auf Teufel komm raus Kontent kreiert, auf andere Seiten weitergeleitet, Clickbaiting vom Feinsten betrieben, da werden – unreflektiert und unkommentiert – WIEDERHOLT übelste sexistische Behauptungen in Headlines verbreitet („Männer wollen keine intelligenten Frauen“) und am aller-allerschlimmsten finde ich diese billigen, ganz ganz schlecht aus dem englischen übertragenen, reißerischen Überschriften à la „Wie du nur mit 1 Frage deine Beziehung verbesserst“, „Wieso kann ich beim Sex nicht kommen, fragen sich viele Frauen. Hier gibt es die Antwort, welche ich nie erwartet hätte!“, „Das verrät dein Geburtstag über deine Gesundheit – Erstaunlich!“, „Finde heraus, was deine Wahrnehmung beeinflusst – das Ergebnis ist der Hammer!“, „Glaub uns: Wenn du das einmal probierst, möchtest du nie wieder zurück! 4 Tipps mit denen du den heißesten Sex deines Lebens haben wirst“. Und so weiter, und so fort. Ich möchte das nicht.

Jetzt mal abgesehen von den wirklich abgedroschenen und irgendwie auch so reißerisch aufgemachten Sexthemen, die, liest man die Kommentare, komplett an der Zielgruppe vorbeigehen – ist DAS Brigitte-Niveau? Fällt Euch WIRKLICH nichts besseres ein als „Blowjob – können die meisten Frauen nicht!“ ??? Denkt Ihr nicht, dass Ihr es, auch oder gerade auf einem Facebook-Account dem eigentlich doch guten Ruf der Brigitte schuldig seid, euch mal ein paar gute Themen einfallen zu lassen?

A propos Kommentare, lest Ihr die eigentlich? Setzt Ihr euch mit den Reaktionen Eurer LeserInnen auseinander, interessiert es Euch denn, wie die Eure Facebook-Beiträge finden? Ein Dialog oder eine Diskussion findet meines Wissens nach auf diesem Facebookprofil nicht statt. Social Media, so scheint mir, habt Ihr überhaupt nicht verstanden. Ich erinnere nur an diesen – unglaublich unsäglichen – Artikel über die Mütter als Kolleginnen, in dem eine Frau (!) sich darüber ausgelassen hat, dass Mütter die schlimmsten Kolleginnen sind. Ein Aufschrei schallte durchs Netz. Und anstatt sich dann mit den unterschiedlichen Reaktionen auseinanderzusetzen, habt Ihr den Artikel schlicht wieder gelöscht. Und ein Statement der Autorin zitiert, das sei „Polemik“ gewesen, „Satire eben“. Und damit dann auch noch alle – zu Recht! – erbosten LeserInnen als zu blöd hingestellt, Satire zu erkennen. Nein, Social Media habt Ihr glaube ich noch nicht so recht verstanden.

Ich stelle mir das so vor:

Redaktionssitzung in der Brigitte-Redaktion. Chefredakteurin: „Wir sollten dringend mal was mit Social Media machen. Sonst hinken wir da voll hinterher“. Redakteurin: „Ja, wir könnten ja eine Facebook-Seite machen!“. Chefredakteurin: „Super Idee. Aber für eine gut recherchierte Kontent-Erstellung fehlen mir hier die Kapazitäten. Oder will das jemand in seiner Freizeit machen?“ Blick in die Runde. Betretene Gesichter. Praktikant meldet sich zu Wort, „Also, wir können ja einfach bereits vorhandenen Kontent verlinken. Der ist über ne automatisierte Schlagwortsuche echt voll schnell gefunden. Und dann jeweils so ne Brigitte-mäßige Überschrift drüber machen. Dass das wie ein Frauenthema rüberkommt oder so. Das merkt doch eh keiner.“ Chefredakteurin: „Das ist brillant. So machen wir das.“

Tja. Der Schuss ging wohl nach hinten los. Die niveaulosen, schlecht gemachten Brigitte-Meldungen in meiner Chronik ärgern mich, nerven mich, bieten null Informationsgehalt und sind zu 95% uraltes, wiedergekäutes Zeug das mir eh schon millionenfach im Netz begegnet ist.

Liebe Brigitte-Facebook-Redaktion, Ihr schert Euch anscheinend einen Dreck um Eure Leserinnen. Und deswegen scher ich mich jetzt einen Dreck um Euch. Macht’s gut. Oder vielleicht zukünftig ein bisschen besser.

10 Random Facts About Me

Das ist so ein Stöckchendingens. Ich hab es zwar nicht zugeworfen bekommen, dafür bin ich mit Sicherheit ein viel zu kleiner Fisch im Bloggermeer, aber hey, so ein Stöckchen darf man sich ja auch einfach mal schnappen. Here goes, 10 Dinge, die man über mich wissen darf:

  1. Ich lese jeden Tag die Todesanzeigen in der Zeitung. Manchmal bin ich von den Texten so berührt, dass ich heulen muss, aber so richtig. Ich weiß nicht, warum ich das tue, war aber schon immer so.
  2. Wenn ein von mir geliebtes Produkt aus dem Verkauf genommen wird, bringt mich das total aus der Fassung. Ganz schlimm ist das bei Kosmetik-Produkten. Ich trauere heute noch einem Eyeliner hinterher, der vor bestimmt 10 Jahren aus den Regalen verschwand. Bis heute hab ich keinen gescheiten Ersatz gefunden.
  3. Der Erholungsfaktor eines Urlaubs misst sich bei mir an der Anzahl der gelesenen Bücher. Ich glaub mein Rekord liegt bei 11 Büchern in 10 Tagen.
  4. Ich gehe sehr ungern und äußerst selten ungeschminkt aus dem Haus. Außer im Urlaub.
  5. Der weltbeste Song aller Zeiten und der noch kommenden ist für mich „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode.
  6. Wenn ich nicht morgens direkt nach dem Aufstehen unter die Dusche gehe, empfinde ich diesen Prozess als wahnsinnigen Zeitfresser.
  7. Singen ist für mich wie Atmen. Mein Umfeld hat es nicht immer leicht.
  8. Aus unerfindlichen Gründen kann ich mir jegliche Songtexte mit Leichtigkeit merken. Gefühlt habe ich eine Million Texte in meinem Hirn gespeichert. Schade dass man damit kein Geld verdienen kann.
  9. Ich liebe Käsekuchen. Am besten mit Mohn. Und Streuseln.
  10. Über Slapstick kann ich Tränen lachen. Je.Des.Mal.

Und Ihr so?

No matter what they say

Body awareness. Man könnte manchmal meinen, dieses Internet kennt kein anderes Thema. Body acceptance. Fat shaming. Skinny shaming. Thigh gap. Thigh brows.

Wenn man „den Medien“ Glauben schenken möchte, dann ist nur schön, wer groß, blond, langhaarig und sehr, sehr schlank ist, mit dicken Lippen, hohen Wangenknochen und schräg geschnittenen Katzenaugen. Das ist das Frauenbild, wie es mir in Werbung, Modestrecken und selbst in Frauenzeitschriften begegnet. (Aus dem neuen h&m Katalog mag ich mir schon gar nichts bestellen, weil die abgebildeten Frauen darin mindestens 1,80 groß sind und höchstens 50 Kilo wiegen. Wie sollen mir diese Klamotten denn jemals passen?) Und selbst wenn wir wissen, dass das alles gephotoshoppt ist, dass keine dieser Frauen auf den Fotos im echten Leben so aussieht, dass selbst bei der schlanksten Frau noch die Hüften wegradiert und die Schenkel etwas gerader gemorpht werden – dieses Bild hat sich eingebrannt in die Innenseite unserer Augenlider. Und wenn wir „schön“ denken, dann sehen wir dieses Bild.

Das macht mich unendlich traurig. Gar nicht mal deswegen, weil ich diesem Bild natürlich nicht entspreche. Sondern weil wir uns so einschränken damit. Weil wir den Blick verlieren auf das wahre Schöne – und weil wir uns damit unser eigenes Urteilsvermögen absprechen. Dabei ist doch nicht nur schön, wer dem Vergleich mit diesen utopischen Abbildungen stand hält. Schön ist doch immer noch, was gefällt, was einen berührt, was einem ein Lächeln auf den Mund zaubert. Aber irgendwie vergessen wir das, weil diese Bilder von den großen Blonden so allgegenwärtig sind.

Ich kenne keine einzige Frau in meinem näheren Umfeld, die wie ein Model aussieht. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann begegne ich auch in meinem Alltag selten bis nie einem Model. Im Umkehrschluss, könnte man meinen, bin ich also von lauter durchschnittlichen oder gar hässlichen Menschen umgeben. Und das ist natürlich absoluter Humbug.

Ich finde alle meine Freundinnen zum Beispiel schön. Ausnahmslos. Das sind alles Frauen, die mitten im Leben stehen, Frauen, die ich bewundere und die mir selber ein gutes Gefühl geben. Frauen, die mich spüren lassen, dass sie mich gern haben, mit denen ich lachen und weinen kann und denen ich zu hundert Prozent vertraue. Wenn ich diese Frauen ansehe, finde ich sie einfach nur schön, von innen und von außen, und dann hat das aber auch gar nichts mit irgendwelchen Idealen zu tun. Je länger man Zeit mit jemandem verbringt, desto weniger nimmt man doch auch sein Äußeres wahr. Weil es so gar nicht wichtig ist, letztendlich.

Natürlich achte ich auf mein Äußeres. Ich hab Freude an schönen Klamotten, an Schminke, daran, mich hübsch zu machen. Ich will schon in den Spiegel schauen und denken, okay. So kannst du raus. An manchen Tagen klappt das ganz gut, an anderen weniger. Aber mit einem Ideal, einer Vorgabe hat das wenig zu tun. Ich möchte mir selber gefallen. Und letztendlich will ich doch nicht geliebt oder gemocht werden, weil ich hübsch aussehe. Ich will doch geliebt werden weil ich ein fröhlicher, optimistischer, lustiger Mensch bin mit einem großen Herzen. Denn für das gute Aussehen kann ich doch eh nicht 24/7 garantieren. Für eine herzliche Umarmung schon.

Ja, und dann das leidige Thema mit dem Schlankheitswahn. 90-60-90. BMI von unter 20. Zahlen, Schablonen,Vorgaben. Warum können wir nicht einfach zulassen, dass es schöne schlanke Menschen (und die sind nicht zwangsläufig „mager“) und schöne runde Menschen (und die sind nicht alle „fett“) gibt? Warum sagen wir so Sachen wie „ja, die ist echt hübsch, OBWOHL sie ein paar Kilo zuviel auf den Rippen hat“? Ich habe Jahre und Jahre und Jahre meines Lebens damit gehadert, nicht schlank zu sein. Habe gehungert und gesportelt und verzichtet und geflucht. Das hat mal prima, mal weniger gut funktioniert. Neulich, im Urlaub, als ich da so im Sprudelbad lag und einfach nur glücklich war, dachte ich, was für eine Verschwendung. Hätte ich die Zeit mal einfach nur genossen. Das ist doch mein Leben. Hätte es dieses Buch nur schon viel früher gegeben.

Damit will ich nicht sagen, dass niemand mehr abnehmen soll. Dass alle dick sein sollen, dass dünn sein doof ist. Um Gottes Willen. Jeder wie er mag. Ich möchte nach diesem opulenten Sommerurlaub auch gern wieder in meine Winterhosen passen. Mir stinkt es auch, wenn ich Klamotten kaufen gehe und Größe XL spannt über dem Bauch. (An dieser Stelle: Hallo? Bekleidungsindustrie? Realistische Maße?) Aber sein Leben lang einem Ideal hinterherhecheln, das man niemals nicht erreichen kann? Wozu? Zumal es doch auch anders geht. Man sich sein Ideal selber schaffen kann, wie uns die wunderbare Lu jeden Tag zeigt.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alle gleich aussehen (müssen). Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der die, die anders aussehen, beschimpft und verspottet werden. Ich möchte meine Welt so gestalten, dass ich selber bestimmen darf, was und wen ich schön finde.

Beim Kinderturnen singen wir zum Schluss immer das Lied „Alle Leut, alle Leut geh’n jetzt nach Haus“. Große Leut, kleine Leut, dicke Leut, dünne Leut. Ja, denk ich mir dann, und jeder ist doch schön, auf seine Art. Every inch of you is perfect, from the bottom to the top.

Baby. Light my fire. (Ein Plädoyer für den K#*$§& … elektronische Lesegeräte)

Neulich unterhielt ich mich mit einer Bekannten, die ich noch vom Studium her kenne. Sie hat drei Kinder, ich eines,  und es ging darum, dass man ja kaum noch zum Lesen kommt. Beziehungsweise war ihre Aussage, dass sie gar nicht mehr liest, seit einiger Zeit.

„Ging mir auch so“, entgegnete ich, „bis ich meinen Kindle bekommen hab. Seither les ich wieder. Auf dem Sofa, im Bett, im Halbdunkel, im Dunkeln. Nur in der Badewanne, das trau ich mich nicht.“ Aber zum Baden wiederum kommt man ja als Mutter auch eher selten bis nie.

Als sie mir antwortete, glich sie einem feuerspeienden Drachen. „Ich werd mir grad noch einen Kindle anschaffen und DIESEM KONZERN das Geld in den Rachen schmeißen.“ Hm, ja, mein Fehler. „Ein elektronisches Lesegerät dann eben“ lenkte ich ein. Ganz schön naiv.

„Steffi.“ so die Freundin, „ich LIEBE Bücher. Ich liebe es, das bedruckte Papier anzufassen, die Druckerschwärze zu riechen, den Umschlag anzuschauen, ein Buch in der Hand zu halten.“

Ja. Ich LIEBE Bücher auch. Und deshalb LESE ich sie. Diesen Widerwillen gegenüber elektronischen Lesegeräten (egal welches Fabrikat) kann ich inzwischen (nach ersten und schnell überwundenen Berührungsängsten) nicht mehr nachvollziehen. Zu viele Vorteile drängen sich auf. Ich kann, wie schon erwähnt, überall lesen, egal wie die Lichtverhältnisse sind. Ich kann mir 200 Bücher auf Vorrat auf mein Gerät laden und bin NIE WIEDER ohne Lesestoff. (Und ich kann diese 200 Bücher in den Urlaub mitnehmen, ohne dafür einen extra Laster anzumieten.) Wenn mir sonntagnachmittags einfällt, dass ich jetzt UNBEDINGT das neue Buch von Lisa Jewell lesen muss, habe ich es innerhalb einer Minute vor mir. Und ich kann so viele Bücher lesen, wie ich will, ohne dass das heimische Bücherregal überquillt. Einziger Nachteil: Ich kann sie nicht mehr verleihen. Aber – und da bin ich komisch – das hab ich eh nicht so gerne gemacht. Viel zu oft habe ich einmal ausgeliehene Bücher nie mehr wieder gesehen.

Und was das Umblättern der Seiten und den Duft der Bücher anbelangt – ja. Ist ja alles schön und gut. Aber nach den ersten paar Seiten bin ich in einer Geschichte so drin, dass es mir völlig WURSCHT ist, auf welchem Medium ich sie lese. Und der Geschichte ist es glaub ich auch völlig egal. Hauptsache sie wird gelesen! Was nützt es denn, Bücher zu lieben, wenn man sie aber dann nicht liest?

Es muss ja auch keine Entweder-Oder-Entscheidung sein. Es gibt Bücher, die möchte ich auch in der Taschenausgabe haben. Weil sie in eine Reihe passen. Oder weil die Ausgabe so schön ist. Platz für zwei, drei weitere Bücher hab ich dann schon noch im Regal. Und ich finde es auch schön, ein Regal voller Bücher zu haben. Aber auf meinen K… also auf  mein elektronisches Lesegerät möchte ich nicht mehr verzichten.