I thank you… for showing me home

Meine Oma war eine starke Frau. Nach dem Krieg musste sie ihre beiden Kinder alleine durchbringen, hat immer gearbeitet, bis ins hohe Alter. Sie musste (wie so viele aus dieser Generation) auf vieles verzichten. Durch ihr beschwerliches Leben und das viele Alleinsein wurde sie im Alter ein bisschen schrullig, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen unbequem. Aber für uns war sie immer die weltbeste Oma.

Sie hat lange Zeit in einer Annahmestelle einer Reinigung gearbeitet. Wann immer ein Kunde mit einem besonders schönen, neuen, glänzenden Geldstück bezahlt hat, hat sie dieses ausgetauscht und für uns zur Seite gelegt. Wenn sie zu Besuch kam (und das war oft), hat sie uns diese Geldgeschenke (2 DM- oder 5 DM-Stücke) auf kleine Kärtchen geklebt, mit lustigen Aufklebern und kleinen Bildchen. Obwohl sie selbst mit einem winzigen Einkommen leben musste, kam sie nie mit leeren Händen. Sie hat uns Kirschsaft mitgebracht, Wibele, frisches Obst vom Markt, die besten Kekse.

Wenn meine Oma bei uns übernachtet hat, damals noch in der Mietwohnung, im Wohnzimmer auf dem Sofa, hat sie nie den Rolladen runter gemacht. „Wenn ich morgens aufwache, muss ich den Himmel sehen“, hat sie immer gesagt.

Eine Zeit lang durften mein Bruder und ich ein- bis zweimal im Monat samstags bei ihr übernachten. Meine Eltern hatten dann Kegelabend oder sowas. Wir durften dann im Fernsehen anschauen, was wir wollten (es gab ja eh nur 3 Programme), meist war das dann eine Samstag-Abend-Show wie „Auf Los geht’s Los“, „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten, dass…?“, damals noch mit Frank Elstner. Wir durften die Sendung immer bis zu Ende sehen. Dann haben wir gemeinsam in ihrem Schlafzimmer im großen Doppelbett geschlafen, meine Oma ist auf die Couch ausgezogen. Noch heute sage ich mit meinem jetzt 5-Jährigen den Gute-Nacht-Spruch, den meine Oma immer mit uns aufgesagt hat: „Schlaf gut und gsund und kugelrund, bis morgen früh dein Kaba kommt“. Nur das Wort „Kaba“, das ersetzen wir durch „Nutellabrot“.

Morgens haben wir immer noch ewig mit den riesigen Federbetten im Bett gespielt. Zum Frühstück hat mir meine Oma einen Kaba mit Sahne gemacht – die Sahne hat sie mit so einem Handschneebesen steif geschlagen. Nirgendwo hat mir Schlagsahne besser geschmeckt als auf der Eckbank bei meiner Oma, in meiner Tasse mit heißem Kaba.

Samstagnachmittags hat meine Oma gebadet und ich durfte dabei zusehen, wenn ich wollte. Sie hatte so eine Badewanne mit Füßchen. Sie hat Litamin-Badeschaum verwendet und nach dem Baden hat sie sich so kalte Güsse gemacht (vom Herzen weg, zum Herzen hin, ich habe es mir nicht merken können) und sich eingecremt. Von ihrem winzigen Badezimmerfensterchen aus konnte  man die schwäbische Alb sehen. Oft hat sie einen kleinen Hocker für mich geholt und mir die einzelnen Berge gezeigt (Achalm, Roßberg, Mägdeberg), und beim nächsten Mal wusste ich wieder nicht, welcher Berg wie heißt.

Wenn wir Brettspiele gespielt haben hat sie eine große Tasche mit Clipverschluss aus dem Spieleschrank geholt, da waren alle Spielfiguren drin. Ich habe oft auch einfach nur mit den Figuren gespielt. Ein Set war ein winziges Spielfigurenset aus buntem Glas, das habe ich besonders geliebt. Meine Oma hatte auch ein Pochbrett und dazu ein Säckchen mit bunten Bohnen. Und ein Schiebespiel aus Blech. Die alte Puppe meiner Mutter samt Puppenwagen war auch noch da. Ich habe nicht so gerne mit ihr gespielt, weil sie so komisch gerochen hat. Aber fasziniert hat sie mich doch.

Wenn dann unsere Eltern kamen, um uns abzuholen, ist meine Oma immer die 3 oder 4 Stockwerke mit uns mit nach unten gegangen bis zum Auto. Dort habe ich darauf bestanden, dass sie mir von einem der Ahornbäume, die an den Parkplätzen gepflanzt waren, ein Blatt abpflückt. Erst dann wollte ich mich verabschieden.

Einmal, im Jahr 1997, war ich unterwegs in den USA mit Freunden. Wir fuhren in einem Van, ich saß ganz hinten. Und ich dachte zufällig an meine Oma und wie sie mir einmal erzählte, dass sie zwar nicht an Gott glaubt, aber doch jeden Abend und jeden Morgen an uns (das heißt, an meine Eltern, meinen Bruder und mich) denkt und – wen auch immer – darum bittet, uns zu beschützen. Just in diesem Moment, ich schwöre, dass das so passiert ist, fuhr das Auto durch eine große Pfütze und kam durch Aquaplaning von der Fahrbahn ab, drehte sich ein paar Mal und landete im Graben. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass der von meiner Oma erbetene Schutz  in diesem Moment gewirkt hat.

Ich habe meiner Oma mal zu Weihnachten ein Kissen bestickt, mit ihrem Namen. Das Kissen hat sie sehr gerne gehabt, sie hatte es auch bei ihrem Tod bei sich. Das „Oma-Li“-Kissen ist eines der wenigen Dinge, die ich noch von ihr besitze und ich habe es gern als Fernsehkissen. Ich denke sehr oft an sie; immer mit einem Lächeln.

Meine Oma wäre in diesem Monat 104 Jahre alt geworden. Ich wünsche ihr sehr, dass sie es gut hat, da wo sie jetzt ist.

 

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It’s a dirty job (but somebody has to do it)

Ich bügle nicht ( Sidenote für alle Kasper: es geht ums Wäsche glatt bügeln). Das ist so, seit unser Sohn auf der Welt ist. Also fast nichts. Mein Leitspruch lautet „Bügeln wird total überbewertet“ und seit ich das so lebe, fehlt mir überhaupt nichts. Ich fühle mich nicht ungepflegt, sehe ordentlich aus und meine Klamotten leiden auch nicht drunter. (Hausfrauentipp: Ich hänge die Sachen, die ich früher gebügelt hätte (und die nicht in den Trockner dürfen), schön auf Bügel und lege sie wenn sie trocken sind glatt und faltenfrei zusammen. Passt.) Einzige Artikel die ich bügle sind Küchentücher (da bin ich irgendwie eigen) aber davon habe ich so viele, dass es reicht, wenn ich  einmal im Vierteljahr das Bügelbrett zücke. Und die sind ja dann auch ratzfatz durch. Sollte ich mal eine Bluse oder ein Shirt aus dem Schrank holen, was wirklich gebügelt schicker aussehen würde, dann bügle ich eben nach Bedarf. Tischtücher bügle ich direkt auf dem Tisch, bevor das Geschirr drauf gedeckt wird. Und die Hemden des besten Mannes gehen mich nichts an – dazu komme ich aber später.

Das mit dem Nichtbügeln war natürlich nicht immer so. Früher (TM) habe ich wirklich alles gebügelt (außer Unterhösle und Handtücher). Da war sonntagabends Tatortzeit = Bügelzeit. Als ich dann aus meinem Single-Haushalt mit dem besten Mann zusammengezogen bin war ich innerhalb der Aufteilung der Haushaltsaufgaben zwar damit einverstanden, dass ich seine Sachen mitbügle – aber nicht die Hemden. Ich habe es schlichtweg nicht eingesehen, dass ich als Vollzeit arbeitender Mensch zusätzlich zu allem anderen Kruscht auch noch 5-6 Hemden pro Woche bügeln soll. Warum auch? „Kannste dich selber drum kümmern“, war meine Ansage, und dabei blieb es. Der beste Mann wäre ja nicht der beste Mann, wenn er das nicht voll eingesehen hätte, und er kümmerte sich. (Er bringt die Hemden zu seiner Mutter, die bügelt sie. Meine Vorstellung wäre ja eher ein Bügelservice gewesen. Aber: Ich misch mich da nicht ein (TM).)

Für dieses Arrangement ernte ich neben Neid und Bewunderung (hahaha) auch Unverständnis. Und dies seltsamerweise hauptsächlich von Frauen. Selbst von meiner Mutter („Also für mich war es selbstverständlich dass ich die Hemden vom Papa mitgebügelt habe“) und auch von einer Freundin in meinem Alter: „Der (damit ist der beste Mann gemeint) hat eine Frau  und muss seine Hemden selber bügeln???“

WTF????

Für diese Einstellung habe ich, milde ausgedrückt, überhaupt kein Verständnis. Also mal ehrlich – in welchem Zeitalter leben wir denn? Warum soll das Hemdenbügeln per se MEINE Aufgabe sein? Und ich rede jetzt gar nicht mal von jetzt, da ich ja überwiegend zuhause bin und meinen Beitrag zum Haushaltskonto in Hausarbeit leiste – ich rede von zwei in Vollzeit arbeitenden Menschen die sich zu gleichen Teilen am Haushalt beteiligen (sollten) – wieso soll ich da fünf bis sechs Hemden pro Woche bügeln, die ich nicht trage? Das ist für mich nicht mal eine Frage von Emanzipation oder Gleichberechtigung oder Rollenverständnis oder ähnliches – es ist einfach eine Frage der Logik und Gerechtigkeit.

Und deshalb lehne ich das Hemdenbügeln ab. Und auch das Bügeln sonstiger Kleidungsstücke – denn das braucht echt kein Mensch.

(Ist auch ein echt komisches Wort, „bügeln“, oder?)

 

 

 

The stars look very different today

Der Tod von David Bowie macht mich traurig. So richtig tief traurig, immer hart an der Grenze zu nassen Augen traurig. Meine Facebookchronik ist voll von Geschichten und Erinnerungen und Nachrufen und alle bringen mich zum Weinen.

Ich verstehe bloß nicht so ganz, warum. Klar, ich bin mit Bowie aufgewachsen, ich hab seine Musik sehr gerne, aber ich war nie ein ausgesprochener Fan. Besitze keine einzige CD, war auf keinem Konzert. Warum trifft mich sein Tod so tief?

Vielleicht, weil mit ihm eben wieder einer geht, der immer da war. Den ich für selbstverständlich gehalten habe. Toll, dass es ihn gibt, toll, dass er so schöne Musik macht. Ich habe ihn schon bewundert, fand seine kühle Ästhetik atemberaubend und seine Stimme absolut faszinierend. Und sexy.

Aber ich habe mich nie ausführlicher mit ihm befasst.

Vielleicht ist auch das der Grund meiner Traurigkeit. Weil es jetzt zu spät ist. (Dabei stimmt das ja gar nicht, so ein Künstler geht ja nie ganz, seine Musik und seine Filme bleiben ja, kann mich ja immer noch damit beschäftigen. Nur live sehen, das geht halt nicht mehr.) Weil ich eine Gelegenheit verpasst habe.

Sicher spielt auch eine Rolle, dass der Tod einer Persönlichkeit, die man seit der eigenen Jugend bewundert, einem auch immer die eigene Sterblichkeit vor Augen hält. Wenn einer, der unsterblich scheint, plötzlich stirbt (und für mich kam das sehr plötzlich, ich wusste überhaupt nicht, dass er so schwer krank ist), dann fühlt man sich selber plötzlich sehr verletzlich. Und irgendwie auch so alleine.

Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht ergründen. Es bleibt eben so. Ich bin sehr traurig, dass er schon gehen musste. Und werd jetzt mal anfangen, seine Musik richtig zu hören.

Funk to funky, Mr. Bowie.

I’m sick and tired

Liebes Brigitte-Facebook-Redaktionsteam,

ich hab jetzt endgültig die Faxen dicke. Aber sowas von. Euer Facebook-Auftritt ist wirklich das allerletzte. Und in den letzten Tagen und Wochen wurde es schlimmer. Falls das überhaupt noch möglich ist.

Ich bin mit der Brigitte aufgewachsen. Meine Mutter war treue Abonnentin und bis spät in die 80er Jahre habe ich die Zeitschrift gerne gelesen. Durch einen Zufall wurde ich im letzten Jahr selbst Abonnentin und hatte eigentlich gedacht, mit der Brigitte kannst du nichts falsch machen. Das Abo habe ich mittlerweile auch wieder gekündigt – aber darum soll es hier jetzt gar nicht gehen.

Leider muss ich auf Facebook feststellen – wo „Brigitte“ drauf steht, ist leider längst nicht mehr „Brigitte“ drin. Da wird auf Teufel komm raus Kontent kreiert, auf andere Seiten weitergeleitet, Clickbaiting vom Feinsten betrieben, da werden – unreflektiert und unkommentiert – WIEDERHOLT übelste sexistische Behauptungen in Headlines verbreitet („Männer wollen keine intelligenten Frauen“) und am aller-allerschlimmsten finde ich diese billigen, ganz ganz schlecht aus dem englischen übertragenen, reißerischen Überschriften à la „Wie du nur mit 1 Frage deine Beziehung verbesserst“, „Wieso kann ich beim Sex nicht kommen, fragen sich viele Frauen. Hier gibt es die Antwort, welche ich nie erwartet hätte!“, „Das verrät dein Geburtstag über deine Gesundheit – Erstaunlich!“, „Finde heraus, was deine Wahrnehmung beeinflusst – das Ergebnis ist der Hammer!“, „Glaub uns: Wenn du das einmal probierst, möchtest du nie wieder zurück! 4 Tipps mit denen du den heißesten Sex deines Lebens haben wirst“. Und so weiter, und so fort. Ich möchte das nicht.

Jetzt mal abgesehen von den wirklich abgedroschenen und irgendwie auch so reißerisch aufgemachten Sexthemen, die, liest man die Kommentare, komplett an der Zielgruppe vorbeigehen – ist DAS Brigitte-Niveau? Fällt Euch WIRKLICH nichts besseres ein als „Blowjob – können die meisten Frauen nicht!“ ??? Denkt Ihr nicht, dass Ihr es, auch oder gerade auf einem Facebook-Account dem eigentlich doch guten Ruf der Brigitte schuldig seid, euch mal ein paar gute Themen einfallen zu lassen?

A propos Kommentare, lest Ihr die eigentlich? Setzt Ihr euch mit den Reaktionen Eurer LeserInnen auseinander, interessiert es Euch denn, wie die Eure Facebook-Beiträge finden? Ein Dialog oder eine Diskussion findet meines Wissens nach auf diesem Facebookprofil nicht statt. Social Media, so scheint mir, habt Ihr überhaupt nicht verstanden. Ich erinnere nur an diesen – unglaublich unsäglichen – Artikel über die Mütter als Kolleginnen, in dem eine Frau (!) sich darüber ausgelassen hat, dass Mütter die schlimmsten Kolleginnen sind. Ein Aufschrei schallte durchs Netz. Und anstatt sich dann mit den unterschiedlichen Reaktionen auseinanderzusetzen, habt Ihr den Artikel schlicht wieder gelöscht. Und ein Statement der Autorin zitiert, das sei „Polemik“ gewesen, „Satire eben“. Und damit dann auch noch alle – zu Recht! – erbosten LeserInnen als zu blöd hingestellt, Satire zu erkennen. Nein, Social Media habt Ihr glaube ich noch nicht so recht verstanden.

Ich stelle mir das so vor:

Redaktionssitzung in der Brigitte-Redaktion. Chefredakteurin: „Wir sollten dringend mal was mit Social Media machen. Sonst hinken wir da voll hinterher“. Redakteurin: „Ja, wir könnten ja eine Facebook-Seite machen!“. Chefredakteurin: „Super Idee. Aber für eine gut recherchierte Kontent-Erstellung fehlen mir hier die Kapazitäten. Oder will das jemand in seiner Freizeit machen?“ Blick in die Runde. Betretene Gesichter. Praktikant meldet sich zu Wort, „Also, wir können ja einfach bereits vorhandenen Kontent verlinken. Der ist über ne automatisierte Schlagwortsuche echt voll schnell gefunden. Und dann jeweils so ne Brigitte-mäßige Überschrift drüber machen. Dass das wie ein Frauenthema rüberkommt oder so. Das merkt doch eh keiner.“ Chefredakteurin: „Das ist brillant. So machen wir das.“

Tja. Der Schuss ging wohl nach hinten los. Die niveaulosen, schlecht gemachten Brigitte-Meldungen in meiner Chronik ärgern mich, nerven mich, bieten null Informationsgehalt und sind zu 95% uraltes, wiedergekäutes Zeug das mir eh schon millionenfach im Netz begegnet ist.

Liebe Brigitte-Facebook-Redaktion, Ihr schert Euch anscheinend einen Dreck um Eure Leserinnen. Und deswegen scher ich mich jetzt einen Dreck um Euch. Macht’s gut. Oder vielleicht zukünftig ein bisschen besser.

10 Random Facts About Me

Das ist so ein Stöckchendingens. Ich hab es zwar nicht zugeworfen bekommen, dafür bin ich mit Sicherheit ein viel zu kleiner Fisch im Bloggermeer, aber hey, so ein Stöckchen darf man sich ja auch einfach mal schnappen. Here goes, 10 Dinge, die man über mich wissen darf:

  1. Ich lese jeden Tag die Todesanzeigen in der Zeitung. Manchmal bin ich von den Texten so berührt, dass ich heulen muss, aber so richtig. Ich weiß nicht, warum ich das tue, war aber schon immer so.
  2. Wenn ein von mir geliebtes Produkt aus dem Verkauf genommen wird, bringt mich das total aus der Fassung. Ganz schlimm ist das bei Kosmetik-Produkten. Ich trauere heute noch einem Eyeliner hinterher, der vor bestimmt 10 Jahren aus den Regalen verschwand. Bis heute hab ich keinen gescheiten Ersatz gefunden.
  3. Der Erholungsfaktor eines Urlaubs misst sich bei mir an der Anzahl der gelesenen Bücher. Ich glaub mein Rekord liegt bei 11 Büchern in 10 Tagen.
  4. Ich gehe sehr ungern und äußerst selten ungeschminkt aus dem Haus. Außer im Urlaub.
  5. Der weltbeste Song aller Zeiten und der noch kommenden ist für mich „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode.
  6. Wenn ich nicht morgens direkt nach dem Aufstehen unter die Dusche gehe, empfinde ich diesen Prozess als wahnsinnigen Zeitfresser.
  7. Singen ist für mich wie Atmen. Mein Umfeld hat es nicht immer leicht.
  8. Aus unerfindlichen Gründen kann ich mir jegliche Songtexte mit Leichtigkeit merken. Gefühlt habe ich eine Million Texte in meinem Hirn gespeichert. Schade dass man damit kein Geld verdienen kann.
  9. Ich liebe Käsekuchen. Am besten mit Mohn. Und Streuseln.
  10. Über Slapstick kann ich Tränen lachen. Je.Des.Mal.

Und Ihr so?

No matter what they say

Body awareness. Man könnte manchmal meinen, dieses Internet kennt kein anderes Thema. Body acceptance. Fat shaming. Skinny shaming. Thigh gap. Thigh brows.

Wenn man „den Medien“ Glauben schenken möchte, dann ist nur schön, wer groß, blond, langhaarig und sehr, sehr schlank ist, mit dicken Lippen, hohen Wangenknochen und schräg geschnittenen Katzenaugen. Das ist das Frauenbild, wie es mir in Werbung, Modestrecken und selbst in Frauenzeitschriften begegnet. (Aus dem neuen h&m Katalog mag ich mir schon gar nichts bestellen, weil die abgebildeten Frauen darin mindestens 1,80 groß sind und höchstens 50 Kilo wiegen. Wie sollen mir diese Klamotten denn jemals passen?) Und selbst wenn wir wissen, dass das alles gephotoshoppt ist, dass keine dieser Frauen auf den Fotos im echten Leben so aussieht, dass selbst bei der schlanksten Frau noch die Hüften wegradiert und die Schenkel etwas gerader gemorpht werden – dieses Bild hat sich eingebrannt in die Innenseite unserer Augenlider. Und wenn wir „schön“ denken, dann sehen wir dieses Bild.

Das macht mich unendlich traurig. Gar nicht mal deswegen, weil ich diesem Bild natürlich nicht entspreche. Sondern weil wir uns so einschränken damit. Weil wir den Blick verlieren auf das wahre Schöne – und weil wir uns damit unser eigenes Urteilsvermögen absprechen. Dabei ist doch nicht nur schön, wer dem Vergleich mit diesen utopischen Abbildungen stand hält. Schön ist doch immer noch, was gefällt, was einen berührt, was einem ein Lächeln auf den Mund zaubert. Aber irgendwie vergessen wir das, weil diese Bilder von den großen Blonden so allgegenwärtig sind.

Ich kenne keine einzige Frau in meinem näheren Umfeld, die wie ein Model aussieht. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann begegne ich auch in meinem Alltag selten bis nie einem Model. Im Umkehrschluss, könnte man meinen, bin ich also von lauter durchschnittlichen oder gar hässlichen Menschen umgeben. Und das ist natürlich absoluter Humbug.

Ich finde alle meine Freundinnen zum Beispiel schön. Ausnahmslos. Das sind alles Frauen, die mitten im Leben stehen, Frauen, die ich bewundere und die mir selber ein gutes Gefühl geben. Frauen, die mich spüren lassen, dass sie mich gern haben, mit denen ich lachen und weinen kann und denen ich zu hundert Prozent vertraue. Wenn ich diese Frauen ansehe, finde ich sie einfach nur schön, von innen und von außen, und dann hat das aber auch gar nichts mit irgendwelchen Idealen zu tun. Je länger man Zeit mit jemandem verbringt, desto weniger nimmt man doch auch sein Äußeres wahr. Weil es so gar nicht wichtig ist, letztendlich.

Natürlich achte ich auf mein Äußeres. Ich hab Freude an schönen Klamotten, an Schminke, daran, mich hübsch zu machen. Ich will schon in den Spiegel schauen und denken, okay. So kannst du raus. An manchen Tagen klappt das ganz gut, an anderen weniger. Aber mit einem Ideal, einer Vorgabe hat das wenig zu tun. Ich möchte mir selber gefallen. Und letztendlich will ich doch nicht geliebt oder gemocht werden, weil ich hübsch aussehe. Ich will doch geliebt werden weil ich ein fröhlicher, optimistischer, lustiger Mensch bin mit einem großen Herzen. Denn für das gute Aussehen kann ich doch eh nicht 24/7 garantieren. Für eine herzliche Umarmung schon.

Ja, und dann das leidige Thema mit dem Schlankheitswahn. 90-60-90. BMI von unter 20. Zahlen, Schablonen,Vorgaben. Warum können wir nicht einfach zulassen, dass es schöne schlanke Menschen (und die sind nicht zwangsläufig „mager“) und schöne runde Menschen (und die sind nicht alle „fett“) gibt? Warum sagen wir so Sachen wie „ja, die ist echt hübsch, OBWOHL sie ein paar Kilo zuviel auf den Rippen hat“? Ich habe Jahre und Jahre und Jahre meines Lebens damit gehadert, nicht schlank zu sein. Habe gehungert und gesportelt und verzichtet und geflucht. Das hat mal prima, mal weniger gut funktioniert. Neulich, im Urlaub, als ich da so im Sprudelbad lag und einfach nur glücklich war, dachte ich, was für eine Verschwendung. Hätte ich die Zeit mal einfach nur genossen. Das ist doch mein Leben. Hätte es dieses Buch nur schon viel früher gegeben.

Damit will ich nicht sagen, dass niemand mehr abnehmen soll. Dass alle dick sein sollen, dass dünn sein doof ist. Um Gottes Willen. Jeder wie er mag. Ich möchte nach diesem opulenten Sommerurlaub auch gern wieder in meine Winterhosen passen. Mir stinkt es auch, wenn ich Klamotten kaufen gehe und Größe XL spannt über dem Bauch. (An dieser Stelle: Hallo? Bekleidungsindustrie? Realistische Maße?) Aber sein Leben lang einem Ideal hinterherhecheln, das man niemals nicht erreichen kann? Wozu? Zumal es doch auch anders geht. Man sich sein Ideal selber schaffen kann, wie uns die wunderbare Lu jeden Tag zeigt.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alle gleich aussehen (müssen). Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der die, die anders aussehen, beschimpft und verspottet werden. Ich möchte meine Welt so gestalten, dass ich selber bestimmen darf, was und wen ich schön finde.

Beim Kinderturnen singen wir zum Schluss immer das Lied „Alle Leut, alle Leut geh’n jetzt nach Haus“. Große Leut, kleine Leut, dicke Leut, dünne Leut. Ja, denk ich mir dann, und jeder ist doch schön, auf seine Art. Every inch of you is perfect, from the bottom to the top.

Baby. Light my fire. (Ein Plädoyer für den K#*$§& … elektronische Lesegeräte)

Neulich unterhielt ich mich mit einer Bekannten, die ich noch vom Studium her kenne. Sie hat drei Kinder, ich eines,  und es ging darum, dass man ja kaum noch zum Lesen kommt. Beziehungsweise war ihre Aussage, dass sie gar nicht mehr liest, seit einiger Zeit.

„Ging mir auch so“, entgegnete ich, „bis ich meinen Kindle bekommen hab. Seither les ich wieder. Auf dem Sofa, im Bett, im Halbdunkel, im Dunkeln. Nur in der Badewanne, das trau ich mich nicht.“ Aber zum Baden wiederum kommt man ja als Mutter auch eher selten bis nie.

Als sie mir antwortete, glich sie einem feuerspeienden Drachen. „Ich werd mir grad noch einen Kindle anschaffen und DIESEM KONZERN das Geld in den Rachen schmeißen.“ Hm, ja, mein Fehler. „Ein elektronisches Lesegerät dann eben“ lenkte ich ein. Ganz schön naiv.

„Steffi.“ so die Freundin, „ich LIEBE Bücher. Ich liebe es, das bedruckte Papier anzufassen, die Druckerschwärze zu riechen, den Umschlag anzuschauen, ein Buch in der Hand zu halten.“

Ja. Ich LIEBE Bücher auch. Und deshalb LESE ich sie. Diesen Widerwillen gegenüber elektronischen Lesegeräten (egal welches Fabrikat) kann ich inzwischen (nach ersten und schnell überwundenen Berührungsängsten) nicht mehr nachvollziehen. Zu viele Vorteile drängen sich auf. Ich kann, wie schon erwähnt, überall lesen, egal wie die Lichtverhältnisse sind. Ich kann mir 200 Bücher auf Vorrat auf mein Gerät laden und bin NIE WIEDER ohne Lesestoff. (Und ich kann diese 200 Bücher in den Urlaub mitnehmen, ohne dafür einen extra Laster anzumieten.) Wenn mir sonntagnachmittags einfällt, dass ich jetzt UNBEDINGT das neue Buch von Lisa Jewell lesen muss, habe ich es innerhalb einer Minute vor mir. Und ich kann so viele Bücher lesen, wie ich will, ohne dass das heimische Bücherregal überquillt. Einziger Nachteil: Ich kann sie nicht mehr verleihen. Aber – und da bin ich komisch – das hab ich eh nicht so gerne gemacht. Viel zu oft habe ich einmal ausgeliehene Bücher nie mehr wieder gesehen.

Und was das Umblättern der Seiten und den Duft der Bücher anbelangt – ja. Ist ja alles schön und gut. Aber nach den ersten paar Seiten bin ich in einer Geschichte so drin, dass es mir völlig WURSCHT ist, auf welchem Medium ich sie lese. Und der Geschichte ist es glaub ich auch völlig egal. Hauptsache sie wird gelesen! Was nützt es denn, Bücher zu lieben, wenn man sie aber dann nicht liest?

Es muss ja auch keine Entweder-Oder-Entscheidung sein. Es gibt Bücher, die möchte ich auch in der Taschenausgabe haben. Weil sie in eine Reihe passen. Oder weil die Ausgabe so schön ist. Platz für zwei, drei weitere Bücher hab ich dann schon noch im Regal. Und ich finde es auch schön, ein Regal voller Bücher zu haben. Aber auf meinen K… also auf  mein elektronisches Lesegerät möchte ich nicht mehr verzichten.

Happy Moms

Ich weiß, man soll es nicht. Man soll sich nie, nie, aber auch gar niemals auf Diskussionen im Social Web einlassen. Und schon dreimal gar nie, nie, nie nicht, wenn es dabei um „Mütterthemen“ wie Stillen, Schlafrituale und (um Gottes Willen) das Impfen geht. Diese Diskussionen bringen nichts und arten fast immer in Beschimpfungen und hanebüchenen Argumentationsschlachten aus.

Ich disktutiere auch schon lange nicht mehr mit, aber mitlesen, das kann ich mir manchmal nicht verkneifen (hat so ein bisschen was von gaffen, ich weiß, es ist auch masochistisch, aber manchmal brauch ich das einfach auch). Und so ist mir neulich dieser Kommentar über den Weg gelaufen (es ging in der Diskussion um „Stillen oder nicht“):

Dann kriegt bitte keine kinder!kinder brauchen mütter die sich für sie aufopfern und ihre eigenen bedürfnisse hinten anstellt!wer das nicht kapiert hat mutterschaft nicht verstanden! (sic)

Dem musste ich dann doch widersprechen. Denn das stimmt so einfach nicht. Kein Kind kann eine Mutter wollen, die sich für es aufopfert. Aufopfern, das heißt ja, sich selbst komplett verlieren, nicht mehr an sich selbst denken, nicht mehr für sich selbst sorgen. Und eine Mutter, die sich komplett selber aus den Augen verliert, kann keine gute Mutter sein. Niemals nicht. Selbstredend – und alle, die Mütter sind, wissen das auch, wenn vielleicht auch nicht vorher, haha – bedeutet Eltern sein auch, dass man seine Bedürfnisse hinten anstellen muss (wenn das Baby in der Nacht heult weil es Hunger hat, geht sein Hungerbedürfnis meinem Schlafbedürfnis natürlich vor). Aber grundsätzlich sehe ich nicht, warum ich mein gesamtes Wohlergehen meinem Kind opfern soll. Warum? Was hat das Kind denn davon?

Ich persönlich brauche zum Beispiel Auszeiten. Kinderfreie Zeiten. Ich muss ab und zu mal ich sein, mit Freundinnen was unternehmen, Party machen, mit meinem Mann ausgehen und „erwachsene“ Gespräche führen, Gast auf einer Hochzeit sein und ohne Kind tanzen bis die Fußsohlen rauchen. Ich muss ab und an mal für ein paar Stunden die Verantwortung abgeben und vergessen dürfen, dass ich „Mutter“ bin. Ich habe großartige Schwiegereltern, die es mir (uns) sogar ermöglichten, ein paar Tage nach New York zu reisen. Großartige Tage, die ich für immer in meinem Herzen trage. Die Erinnerung daran lässt mein Herz hüpfen und mein Gesicht strahlen. Ja, ich kann mein Kind tatsächlich abgeben, auch über Nacht, und das sogar genießen. Ob mich das zu einer „Rabenmutter“ macht (dieses Wort gibt es übrigens mit dieser Bedeutung NUR im deutschen Sprachraum)? Wäre ich eine bessere Mutter, wenn ich diese Auszeiten meinem Mutterdasein „opfern“ würde?

Mit Sicherheit nicht. Glückliche Mütter haben glückliche Kinder, das ist mein Leitspruch. Und solange mein Kind während meiner Auszeiten bestens aufgehoben und versorgt ist, solange ich immer noch den überwiegenden Teil meiner Zeit mit meinem Kind verbringe, und solange mein Kind mir abends vor dem Schlafen gehen ins Ohr flüstert „weißt du, wen ich am allerliebsten auf der ganzen Welt habe… DICH!“, solange weiß ich, dass ich meinem Kind mit meinem temporären Egoismus nicht schade. Im Gegenteil. Ich glaube, wer DAS nicht kapiert, der hat Mutterschaft nicht verstanden.

So ne Art Liebe

Ich hatte es ja schon angekündigt: Zu dem Schauspieler und Autor Wentworth Miller (von dem ich diesen Satz „must we label everything?“ geklaut habe) habe ich eine kleine, persönliche Geschichte zu erzählen. Und die muss jetzt raus.

Aaaaaalso. Im vergangenen Jahr kam, nachdem ich monatelang herumgegrübelt und mein gesamtes Umfeld kirre gemacht habe weil ich UN-BE-DINGT dieses amerikanische Netflix haben wollte, Netflix Deutschland zu uns. Ich glaube, wir waren einer der ersten Haushalte, die das – Dank dem besten Mann, ein Serienjunkie wie ich – installiert hatten. Die Auswahl war ja anfangs nicht so üppig aber das war uns völlig schnurz, die Liste der „Will-Ich-Sehen“-Serien wuchs in Sekundenschnelle.

Und da an oberster Stelle: Prison Break. Die Geschichte zweier Brüder, der eine unschuldig im Gefängnis, der andere, Michael Scofield (gespielt von, na? Eben. Wentworth Miller.), Mastermind und sensibles Genie, der sich die Grundrisse des Gefängnisses auf seinen Körper  tätowieren lässt *ächz* und einen Banküberfall begeht, damit er in dasselbe Gefängnis kommt wie sein Bruder und dort den Ausbruch des Jahrhunderts inszeniert. Die Story funktioniert, zumindest während der ersten beiden Staffeln, und das (zumindest für mich) Faszinierende war – ich hab erst nach ein paar Folgen gemerkt, was für ein MEGAJENSEITSSAHNESCHNITTCHEN ich da vor mir habe. Die Figur des Michael Scofield ist ja natürlich schon so angelegt – Supertyp, megaintelligent, super Optik und dabei irre feinfühlig und ein fast Jesus-ähnlicher Menschenfreund – aber wirklich perfekt besetzt mit Mr. Miller. Ein Blick in diese abgrundtief blauen Augen und es ist um einen geschehen. Also um mich. Um mich war es geschehen. Der beste Mann musste viel aushalten. Viele Abende lang saß ich sabbernd vor dem Fernseher. Wenn man mich gelassen hätte, wäre ich an den Bildschirm geklebt. Ganzkörperhaftung. Einmal – und dafür entschuldige ich mich hiermit wirklich in aller Form – habe ich mich zu der Aussage, „dem würd ich glatt den Schweiß vom Rücken abschlecken“ hinreißen lassen. Also in diesem Ausmaß. Mit Anfang 40 fand ich mich mitten in der ärgsten Teenagerschwärmerei, die man sich nur vorstellen kann. Mit Bangen sah ich die Anzahl der noch zu sehenden Folgen dahinschmelzen. Da war es fast ein Glück, dass die letzte Staffel storymäßig … nun naja… nicht mehr sooooo viel hergab. Und dann war es zu Ende mit dem Vergnügen.

Meine wilde Recherche nach mehr Material mit Wentworth Miller kam zu mageren Ergebnissen. Außer in ein paar Actionfilmen, dem relativ aktuell erschienenen Thriller „The Loft“ und in einer wirklich abartig schlechten, kitschigen Dinosaurier-Serie hatte er kaum Auftritte. Google gibt nicht viel her über diesen herausragenden Mann,  er tritt wenig in Erscheinung, lebt sehr zurückgezogen, schreibend. Dann las ich, dass er sich vor 2 Jahren geoutet hat. Moment mal. Mr. Miller ist mein Jahrgang, wieso hat der sich erst jetzt geoutet? Plötzlich eröffnete sich mir ein ganz neuer Blickwinkel. Klar, das ist natürlich so ähnlich wie bei den Boybands. Ein Schauspieler, der aufgrund seines wirklich guten Aussehens wohl eher für die Romeo-Rollen gecastet wird, tut sich keinen Gefallen, wenn er bekannt gibt, dass er schwul ist. Auch im Action-Genre macht sich das wohl nicht so gut. Und dass mir diese Gedanken so selbstverständlich so nahe liegen, gibt mir schon wieder zu denken. In welcher Welt leben wir eigentlich? Warum ist das denn immer noch nicht EGAL, was jemand für eine sexuelle Orientierung hat? Warum ist schwul sein in Hollywood ein Stigma? Und vor allem – wie hart muss es sein, so öffentlich zu leben und so ein „Geheimnis“ in sich zu tragen?

Auf YouTube, so entdeckte ich, ist mehr zu holen über Mr. Miller. Ein paar Interviews während der Glanzzeit von Prisonbreak, ein paar Outtakes, ein paar Szenen vom Set. Ich winde mich innerlich, wenn ich zusehen muss, wie der arme Mr. Miller seine Fassade aufrecht erhält und tapfer Fragen zu seinem Privatleben beantwortet. Immer höflich, immer lächelnd, immer freundlich. Je mehr ich von ihm sehe, desto mehr bin ich von ihm angetan, wenn das überhaupt noch geht. Wie er redet. Wie er gestikuliert, wie er lächelt, wie er sein Gegenüber immer ernst nimmt. Wie schön der spricht, wie artikuliert, wie wohl überlegt. Was für ein feiner, höflicher, wohlerzogener Gentleman.

Und dann DAS (geht lange, ich weiß, aber lohnt sich):

So. Und weil Mr. Miller so ist, wie er ist und ich bin, wie ich bin, schmilzt mein Herz wenn ich das sehe und höre und als es sich wieder erholt, ist er mittendrin. Und ich frage mich schon, was schief läuft in unserer Gesellschaft wenn so ein (ich weiß, ich wiederhole mich) feinfühliger, intelligenter, freundlicher, talentierter Mensch schon in jungen Jahren nicht mehr leben will, weil er sich anders fühlt. Weil er durch dieses Anderssein einsam ist. Und weil er sich nicht vorstellen kann, dass es auf der ganzen weiten Welt jemanden gibt, der ihn akzeptiert. Das treibt mir die Tränen in die Augen.

Jedenfalls. Mr. Miller – ich bin dankbar und froh, dass es dir damals nicht gelungen ist, das Leben zu nehmen. Die Welt braucht Menschen wie dich. Ich hoffe, dass es dir jetzt besser geht.

Und wenn wir uns mal begegnen sollten und es mir gelingt, das Hyperventilieren schnell in den Griff zu bekommen, bevor du weitergehst, dann wünsch ich mir, dass du diesen Satz zu mir sagst: „And later, when this is all over, I’d like to spend some quality time with you.“. Yes, please.

Must we label everything?*

Es ist ja derzeit sehr en vogue, über die sogenannten Helikoptereltern herzuziehen. Denn sein Kind „überbehüten“, sei es, dass man es mit dem Auto zur Schule fährt oder sei es, dass man ihm auf dem Spielplatz eine Hand reicht, damit es die nächste Kletterhürde einfacher überwindet –  also über ihm zu schweben wie ein Helikopter (daher der Ausdruck), da ist sich das Internet einig, geht gar nicht. Schnell ist man als „Helikoptermutter“ abgestempelt, und aus dieser Schublade kommt man, Gott bewahre, nie wieder raus.

Ich persönlich kenne keine. Helikoptereltern. Ich kenne Eltern, die sehr ängstlich sind, die sich sehr um ihre Kinder bemühen, „in sie reinschauen“, ich kenne Eltern, die manches nicht erlauben, wo ich keine Bedenken hätte, ich kenne Eltern, die ihren Kindern selbst im knöcheltiefen Wasser Schwimmflügel anziehen oder diese komischen UV-Klamotten die beim Schwimmen vor Sonnenbrand schützen. Na und?

Ich bin selber eine Mutter, die lieber einmal mehr schaut, ob ihr Kind noch schnauft. Ich pfeife mich täglich bestimmt hundertmal zurück und unterdrücke meinen Gluckendrang. Lasse mein Kind bewusst mal selber machen, lass es laufen, spielen, für sich sein. Am liebsten würde ich auch eine Glasglocke über ihn stülpen, er ist das Kostbarste, das ich habe, nicht auszudenken, wenn ihm was passiert.

Aus eigener Erfahrung weiß ich also: Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Seine eigenen Erfahrungen gemacht. Manche haben vielleicht sehr lange auf ihr Kind warten müssen. Andere haben vielleicht schon ein Kind verloren. Wieder andere waren womöglich Zeuge eines schrecklichen Unfalls. Man liest so viel, hört so vieles. Ich kenne die Geschichte einer Familie, deren Kind nachts die Treppe runtergefallen ist und gestorben ist. Bei uns bleibt also das Treppengitter oben noch eine Weile dran – obwohl unser Kind noch nie nachts aufgestanden ist. Trotzdem. Jeder hat seine eigenen Ängste und Sorgen. Ich bin beispielsweise mit einer überbordenden Fantasie gesegnet (manchmal ist sie auch ein Fluch). Wenn ich auch nur anfange, mir auszumalen, was alles passieren könnte… hole ich im Geiste schon die Glasglocke hervor. Tatort schauen geht ja schon fast nicht mehr. Natürlich hat mich mein Kind gelehrt, dass man einfach auch mal Fünfe grade sein lassen muss. Dass ich ihm vertrauen kann, dass er vieles schon alleine kann. Und ich versuche täglich abzuwägen, wo ich ihn begleiten und anleiten muss und wo er selber machen darf und soll. Aber manchmal kann ich einfach auch nicht aus meiner Haut.

Dieses Schubladendenken und die Verunglimpfung der sogenannten „Helikoptereltern“ finde ich traurig. Erstens geht es hier ja um Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern wollen, die es richtig machen wollen, die sich bemühen. Da ist nichts Falsches daran. Und zweitens sind wir doch alle nur Menschen. Wir wollen es alle richtig machen. Und anstatt uns ständig gegenseitig zu kritisieren und zu belächeln und alles besser wissen zu müssen, wäre es für Kinder und Eltern viel konstruktiver und hilfreicher, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, Verständnis füreinander aufbringen, und es vielleicht auch einfach mal dabei belassen, vor der eigenen Haustüre zu kehren.

*Diesen Satz habe ich geklaut. Wo, das verrate ich demnächst, hier in diesem Programm.